Zeitung Heute : Berlins kleinste Schwester

Berlin an der Spree hat 3.339.436 Einwohner, Arnis an der Schlei hat 354. Das offizielle Stadtrecht haben beide. Und sonst? Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten? Erstaunlich viele. Eine Gegenüberstellung.

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Von Ariane Bemmer Der fernmündlichen Mitteilung folgte die schriftliche. „Sehr geehrter Herr Bürgermeister Degen“, tippten fleißige Hände im Kieler Innenministerium: Es sei nicht richtig, dass Arnis am 21. Juli 1870 das Stadtrecht verliehen wurde, das geschah erst 1934.

Das Schreiben ist von 1993. Im selben Jahr schrieb auch das Statistische Landesamt einen Brief. Es bestätigt darin, dass Arnis nach wie vor die kleinste Stadt Deutschlands sei und beendet diese Feststellung mit einem Ausrufezeichen.

Beide Briefe hat Jan Willi Degen, 46 Jahre alt und SPD-Mitglied, schnell zur Hand, wenn es um Arnis geht. Degen, ein Berg von einem Mann, sitzt in seinem Büro hinter einem voll gepackten Tisch und neben der elektrischen Kasse, denn in seinen Sprechstunden verkauft er Angelscheine. Acht Euro für eine Woche, 15 Euro für einen Monat, 25 pro Jahr.

Die kleinste Stadt Deutschlands ist 800 Meter lang und 200 Meter breit, hat sechs Straßen, rund 120 Grundstücke, die Verwaltung zählt 1,47 Stellen, die Statistik 354 Einwohner, und es werden weniger. Aber die verbliebenen Bürger dürfen sich Städter nennen und sind damit Teil eines großen Ganzen: Erstmals leben 2006, das will das UN-Urban Forum bei seiner diesjährigen Sitzung vom 19. bis 23. Juni in Vancouver feststellen, mehr Menschen in Städten als auf dem Land.

Ist Arnis überhaupt eine Stadt?

Da zuckt Jan Willi Degen nur die Achseln und lehnt sich ein bisschen zurück in seinem Bürgermeisterstuhl. Die kleinste eben. Ein Superlativ, er sagt: „ein Alleinstellungsmerkmal“.

Der Wind, der durch Arnis fegt, an den niedrigen Häusern vorbei, schmeckt nach Gesundheit, salzig und frisch, und er treibt jeden möglichen Dreck vor sich her und aus der Stadt heraus auf den Fluss, auf die Schlei, die zwischen Flensburg und Kiel das Land zerschneidet, so dass die Menschen in Arnis fast nie Staub wischen müssen. Aber gehört Dreck nicht zu einer richtigen Stadt? In Berlin etwa ist es sehr dreckig. Außerdem stadttypisch sind in Berlin der wilde Regent, muffelige Busfahrer, Touristen, Hotels, Sehenswürdigkeiten, ein prominenter Frisör, die dunkle Vergangenheit. Das sollte eine Stadt schon haben. Kann das kleine Arnis da mithalten?

KLAUS WOWEREIT

Jan Willi Degen ist seit 1991 Bürgermeister von Arnis, er wurde es aus einer Not heraus, mit seinem Vorgänger ging es nicht mehr, man sagt, der sei etwas diktatorisch veranlagt gewesen. Und ist nicht auch Berlins Regierender erst ins Amt gekommen, als es mit dem Vorgänger nicht mehr ging? Degens Motto, das er freudevoll gleich mehrmals vorträgt: Ein guter Kompromiss ist, wenn sich alle ärgern. Außerdem hat sich Degen ähnlich dem schwulen Wowereit über die Grenzen konventioneller Lebensplanung hinaus begeben und beabsichtigt, in diesem Sommer eine Russin zu ehelichen, die dann mit ihrem Sohn zu ihm zieht, in den Schulweg, er sagt: ins Bildungsviertel, und es sieht kurz aus, als würde er sich gleich totlachen.

NEUKÖLLN

Sowohl Berlin als auch Arnis beklagen, statt um Zuwanderer zu buhlen, Überfremdung. Zur problematischen, wenig integrationswilligen Gruppe in Arnis zählen die Hamburger und Kieler, die frei werdende Häuser kaufen, aber nur wochenends oder in den Ferien anreisen. Was zur Folge hat, dass im Winter vor deren Häusern niemand den Schnee fegt.

UDO WALZ

Wer bei Maike Wiese-Nickel einen Termin will, hatte am besten schon mal einen. Neukunden werden höchstens auf eindringliches Bitten von Stammkunden akzeptiert, und auch die warten sechs bis acht Wochen. Vor zehn Jahren hat Maike Wiese-Nickel den Salon Hof-Frisör im Hof des elterlichen Hauses eröffnet, in einem schmalen Anbau mit Deckenlicht, das jeden gnadenlos ausleuchtet und allein die Meisterin selbst durch Sonnenfunkeln auf dem frisch getönten Haar noch verschönert. Gelernt hat sie ihren Beruf in Eckernförde. Ihr Chef habe sie dort bemitleidet, als sie von ihren Plänen in Arnis erzählte, sagt sie. Aber der sollte sich umgucken. Die Kunden sind ihr nämlich gefolgt. Eine ist gerade mit ihrer Tochter aus Eckernförde angereist, die Damen sitzen im Hinterhof und trinken eine Tasse Kaffee. Die ältere schwärmt von Maike Wiese-Nickels Fertigkeiten. Wie sie immer wieder auf ihre Frisur angesprochen werde. Maike Wiese-Nickel lächelt. Sie versteht sich als Künstlerin, und was ist schöner als Applaus. Ihre Kunden kommen aus Flensburg, Hamburg und Hannover angereist, nur für die Arnisser wollte sie auch nicht Frisör sein. Das Geklatsche und Getratsche hätte sie nicht interessiert. „Dann hätte ich gleich wieder zugemacht“, sagt sie.

KADEWE

1994 lag Irma Matz flach mit zwei gebrochenen Rückenwirbeln, und als am 28. September die Estonia versank, starb ihr Bruder, einer der knapp 1000 Passagiere auf der Ostseefähre. Außerdem war sie nach der zerbrochenen Ehe allein für ihre vier Kinder verantwortlich. Sie hat das alles ausgehalten und bekam, durch eine schon fast unerhörte Beharrlichkeit, einen Fuß in die Tür der Zeitschrift „Brigitte“. Sie kreierte für Balkonthemen Blumenkästen, für Landhausthemen Bettwäsche, für exotische Themen Pantoffeln im Zebra-Design. Was sie sich ausdachte, verkaufte sich gut. Sie zog nach Arnis und zeigt ihre schönen Sachen seither im ehemaligen Kaufhaus der Stadt.

ADLON

Das erste Haus am Platz ist das Mühlenhaus, ein restaurierter Speicher, dessen baufällige Mühle 1966 abgerissen wurde. Im Mühlenhaus gibt es elf Ferienwohnungen mit zwei bis acht Betten. Preise: 36 bis 127 Euro die Nacht. Dazu: Bootsliegeplätze direkt am Haus (Tiefgang bis 1,10 Meter), Liegewiese, Gartenmöbel, Sandkiste, Parkplätze. Haustiere sind nach Absprache erlaubt, Anmietung von Bettwäsche, Handtüchern und Kinderbetten möglich. Alle Apartments mit Bad und WC, Elektroküche und TV-Geräten.

KÖNIGLICHE PORZELLAN-MANUFAKTUR

Eine grau gestreifte Katze schleicht geschmeidig über die hellen Holzregale voller Tassen, Kannen, Becher, Teller, Schalen und wirft nichts um. Gesine Poitter, eine gebürtige Berlinerin, töpfert seit 1988 in der Langen Straße von Arnis das Geschirr der Stadt. Viel ist blau und türkis-maritim, manches orange-rot oder dunkelgrün. Die bauchige Vase heißt die Rudi-Vase, weil die ihrem Mann so gut gefallen habe. Und das Geschirr mit den Noten drauf? „Noten-Geschirr“.

HACKESCHER MARKT

Die Touristen, die meist in großen lustigen Gruppen auftauchen, setzen sich gerne auf die Terrasse der „Schleiperle“, einem blau angemalten Restaurant, das auf Stelzen im Fluss steht. Die Damen trinken Kaffee, die Herren Bier. Die „Schleiperle“ ist nicht sonderlich günstig, aber sie liegt gut, man hört die Segeltaue an den Masten klappern, die Möwen schreien, sieht Boote wippen oder vorbeisegeln. Viele Gruppen sind auch auf Mieträdern unterwegs. Die juchzen dann vor Aufregung, bevor sie die Räder auf die Fähre schieben, oder sie drehen mit mehreren Leuten an ihren Landkarten herum. Schüler, die mit ihren Klassen nach Arnis kommen, gähnen oft.

BABELSBERG

Unter dem Betreff: „Produktion ,Der Landarzt’ XVI. Staffel“ steht in dem Brief, der in alle Briefkästen in der Langen Straße gesteckt wird: „Sehr geehrte Anwohner der Langen Straße, für die ZDF-Fernsehserie ,Der Landarzt’ möchte die Novafilm-Fernsehproduktion in dieser Woche von 7.30 bis 20 Uhr Filmaufnahmen durchführen. Die Dreharbeiten selbst erfordern einen entsprechend hohen Aufwand an Technikfahrzeugen, Produktionsfahrzeugen, sowie ein Drehteam von ca. 25 Personen. Bitte beachten Sie in dieser Zeit die absoluten Halteverbotsschilder. Wir werden äußerst bemüht sein, Lärm oder Behinderungen in Grenzen zu halten. Die Aufnahmeleitung.“

Die Arnisser reden mit liebevollem Spott über die Serie und bekommen erst einen strengen Zug um den Mund, wenn sie daran denken, wie die Bilder aus der Gegend völlig verkehrt zusammenmontiert werden. Als wäre die Kirche gleich neben der Fähre, oder so.

BORCHARDT

Moinmoin, sagen die Männer in ihrer Arbeitskleidung, die spät um halb zehn noch durch die Tür der „Strandhalle“ kommen, wo man sich trifft, um an der Bar ein Bier zu trinken, das Ferid Arnantovic zapft. Die letzten Gäste gehen so um 23 Uhr. Im Winter mache die „Strandhalle“ ganz zu, dann würden die Bürgersteige hochgeklappt, sagt Köchin und Besitzerin Anja Watenphul, als hätte Arnis die Berlin-Hymne von Seeed für sich entdeckt. „Im Sommer tust du gut, und im Winter tut’s weh.“

HANS WALL

Mancher, der sich auf dem Segelboot durch tropische Inselwelten navigiert, benutzt dazu Karten des NV Verlags. NV, Nautische Veröffentlichungen. Eine Firma mit weltweiten Verbindungen. Früher saß der Verlag in Hamburg, und die Gründer quälten sich jeden Freitagnachmittag durch den Stau Richtung Ostsee, wo ihr Boot lag. Bis sie sich fragten: Warum nicht umziehen? Seitdem sitzt der Verlag auf mit hellem Holz ausgebauten zwei Stockwerken an der Langen Straße 95, fertigt und vertreibt Seekarten für Ost- und Nordsee, die Balearen und die Karibik. Der Verlag habe zuverlässige Informanten in allen relevanten Häfen, sagt Hermann Cassens. Die nennen sie IMs.

STRANDBAD WANNSEE

Sand, eine verwitterte Rutsche und ein Rettungsringhalter ohne Rettungsring zeigen am südlichen Ende von Arnis an, wo zu baden ist. 1927 war hier mehr, wie im „Gruß aus Arnis“ zu lesen ist: „Am Badestrand werden 13 Umkleidekabinen gebaut und ein Bademeister eingestellt, der auch die Vermietung der Strandkörbe übernimmt.“ Auf Transparenten stand damals in großen Lettern „Bad Arnis“, denn sie hatten gehofft, das Wasser aus einer nahen Quelle sei von heilender Wirkung. Doch Untersuchungen ergaben nur einen hohen Eisengehalt.

EASTSIDE GALLERY

Jugendliche haben den Stromkasten am Ortseingang besprüht. Ein blaues Strichmännchen grüßt seitdem alle, die ihr Auto dort parken. Aber ist das Kunst oder Vandalismus?

TOPOGRAPHIE DES TERRORS

Am Ostende der Langen Straße, wo Arnis zu Ende ist, haben sie 1933 in das runde Sackgassenende eine Hitler-Eiche gepflanzt, ein dünnes, junges Bäumchen, das von zwei Stöcken und einem Band gehalten werden musste. Dazu stellten sie einen Gedenkstein mit Hakenkreuz. Zwei Jahre hielt sich der Baum, dann hatte das nahe Salzwasser seine Wurzeln erreicht und er musste umgesetzt werden. Dazwischen, zum 1. Januar 1934, wurde Arnis mit der „Ersten Durchführungsverordnung zum preußischen Gemeindeverfassungsgesetz“ des nationalsozialistischen Regimes vom Flecken zur Stadt erklärt. Es ist den Arnissern bis heute unangenehm, dass sie ihren Superlativ ausgerechnet den Nazis verdanken.

UNTER DEN LINDEN

Die 800 Meter lange Stadt wird fast zur Gänze von einer Straße durchteilt, die Lange Straße heißt. Links und rechts stehen schmale Häuser, oft Fachwerk, an denen Rosen hochwachsen, worüber sich die Touristen entzücken.

KONNOPKE

Also nicht, dass das jetzt als Werbung missverstanden wird. Heidi Ulderup sagt ihren Namen nur, weil feststeht, dass er nicht im Raum Arnis veröffentlicht wird. Werbung wäre angeberisch, das wäre nicht ihres, das gebe auch nur Gerede. Doch ihr Imbiss, eine knallgelbe Holzbude, ist gut besucht. Mittags essen die Werftarbeiter hier Currywurst und Pommes und den ganzen Tag über Touristen Fischbrötchen. Eröffnet hat Heidi Ulderup ihren Imbiss 1984, als ihr Mann arbeitslos wurde, vier Jahre macht sie noch, sagt sie, dann ist Schluss.

TAXI BITTE

Zwei Minuten dauert die einzige Fahrt, die man in Arnis buchen kann: Auf der Fähre über die Schlei. Sechs Autos passen drauf (pro Fahrt 3 Euro), ein paar Fahrräder (1,50 Euro) und viele Spaziergänger (1 Euro). Fährmann Frank Münsterberg spricht nicht viel, verfährt sich aber auch nicht und schubst keine Fahrgäste ins Wasser. Früher gab es mal Streit, weil die Arnisser umsonst fahren wollten. Als dürften sie in den Restaurants umsonst essen!

GEDÄCHTNISKIRCHE

1667 wurde Arnis von 62 Familien aus Kappeln gegründet, die dem dortigen Gutsherren nicht die Gefolgschaft schwören wollten. Sechs Jahre später war die Schifferkirche fertig, ein Fachwerkbau, von dem heute noch die Nordseite steht. Der Turm wurde 1825 in seiner heutigen Form gebaut. Der Kirchbau ist tagsüber geöffnet, was dazu geführt hat, dass eines der hier hängenden kunstvollen Votivschiffe spurlos verschwand. Auch ein Jesusgemälde ist mal geklaut worden, das hat der Pfarrer aber wie durch ein Wunder in Hamburg wiederentdeckt.

LOVE PARADE

Der erste „Tag der Schleidörfer“ war ein voller Erfolg, der nächste soll am 2. Juli sein. Auf den Höfen entlang der Schlei wird dann Honig oder Wurst verkauft oder Musik gemacht, man kann töpfern oder eine Werft angucken.

KENT NAGANO

Prominente wohnen in Arnis nicht im Hotel, die haben dort ihr Segelboot liegen. Freddy Quinn zum Beispiel. Der sei aber nicht besonders nett gewesen, sagt ein kahlköpfiger Seemann, der sich in der Strandhalle gerade mit einem Long Drink betrinkt. Er sagt dazu Medizin.

STATISTIK

Rechnet man die Bevölkerungsdichte von Deutschlands kleinster Stadt hoch auf die 891 Quadratkilometer der größten, hätte Arnis 1,97 Millionen Einwohner. Das wäre Platz 2 in Deutschland.

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