Berlins künftiger Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen : SPD-Linker aus dem roten Süd-Hessen

Der 57-jährige Matthias Kollatz-Ahnen übernimmt in Berlin das Finanzressort. Der Mann aus Hessen will unternehmerisches Denken und Haushaltskonsolidierung zusammenbringen.

Der künftige Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen.
Der künftige Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen.Foto: dpa

Endlich wieder ein Genosse! Die Berliner SPD ist froh, dass dem parteilosen Finanzsenator Ulrich Nußbaum ein Mann aus den eigenen Reihen folgt. Ein Sozialdemokrat aus dem roten Süd-Hessen, ehemals stellvertretender Bundeschef der Jungsozialisten. Matthias Kollatz-Ahnen passt trotzdem nicht in das Schema des Geldausgebers und Umverteilers. Der 57-jährige promovierte Ingenieur und Volkswirt hat in seinem beruflichen und politischen Leben so viele Erfahrungen gesammelt, das ihm eine differenzierte und kompetente Sicht auf die Finanzprobleme Berlins zuzutrauen ist.

Seine Philosophie? Einen Moment sinnt Kollatz über die Frage nach. „Unternehmerisches Denken und Konsolidierung des Haushalts zusammenbringen.“ Den öffentlichen Sektor effizienter gestalten, das gehöre zu einem modernen Bundesland. Berlin habe, auch aus Sicht der Finanzpolitik, beträchtliche Fortschritte gemacht und sei „viel weiter gekommen als vor 15 Jahren gedacht“. Es werde trotzdem schwierig sein, die Schuldenbremse langfristig einzuhalten, warnt der neue Mann im Müller-Kabinett und erinnert beiläufig daran, dass der Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern gerade neu geordnet wird.

Vor einem Jahr wäre Kollatz beinahe Wirtschaftsminister in Hessen geworden. Aber Schwarz-Grün machte den Wechsel in die Regierungspolitik eines großen Bundeslandes unmöglich. Stattdessen ging er zum weltweit agierenden Beraterkonzern PriceWaterhouseCoopers, als Spezialist für die Förderprogramme der Europäischen Union. Zuvor hatte er als Vize-Präsident der Europäischen Investitionsbank sechs Jahre geholfen, die überschuldeten und krisengeschüttelten EU-Länder vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Mit starkem Fokus auf Mittel- und Osteuropa.

Nebenbei entwarf Kollatz für den hessischen SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel Konzepte zur Förderung von Industrie und Kreativwirtschaft, aber auch für den Wohnungsbau und die Stärkung des Finanzplatzes Hessen. Offenbar ein Allround-Talent, mit einer klaren finanzpolitischen Linie: „Wir müssen das globale Kasino schließen und dafür sorgen, dass nicht der Steuerzahler für die teuren Eskapaden mancher Banken haftet“, forderte der Banker 2013 im hessischen Wahlkampf. Er gehört zur SPD-Linken, die im Berliner Landesverband eine breite Mehrheit hat. Auch das wird der künftige Regierende Bürgermeister Michael Müller bei seiner Personalwahl wohl bedacht haben.

Aber es gibt noch etwas anderes, das Müller bei der Vorstellung Kollatz’ am Freitag besonders betonte. Die Finanzpolitik des Senats werde mit dem neuen Mann „wieder mehr Sensibilität bekommen für die vielen Themen, die uns wichtig sind“. Ein schmerzhafter Seitenhieb auf den noch amtierenden Nußbaum, der nicht nur aus Müllers Sicht viele Vorhaben blockierte. Etwa beim Umgang mit den landeseigenen Immobilien, beim Wohnungsneubau, bei Investitionen und in der öffentlichen Verwaltung. Es ginge eben nicht nur darum, sagte Müller, „das Zahlenwerk des Haushalts im Griff zu haben“.

Die Finanzplanung Berlins hat sich Kollatz offenbar schon angesehen. Denn er versprach bereits, die „ relativ geringe Investitionsquote des Landes zu erhöhen, soweit dies möglich ist“. Sollte ihm das gelingen, vielleicht schon im Doppelhaushalt 2016/17, wäre dies ein erster Punktsieg gegen ein Sparen, das nach Ansicht vieler Experten die Substanz der Stadt untergräbt. Dazu gehört auch, die Fördermittel der EU für Berlin nicht teilweise zu verschenken, was nicht nur die Opposition immer wieder kritisiert. Ab 11. Dezember sitzt in der Senatsverwaltung für Finanzen ein EU-Experte. Mal sehen, ob das hilft.

Dass Kollatz aus Hessen stammt, hört man ihm nicht an. In Wiesbaden hat er Abitur gemacht, bevor er in Darmstadt Physik studierte und 1981 nach Berlin zog und dort an der Technischen Universität sein Diplom als Volkswirt ablegte und Doktor der Ingenieurwissenschaften wurde. Sozialdemokratische Politik lernte der neue Finanzsenator schon im Elternhaus kennen. Der Vater, Udo Kollatz, Volkswirt und Jura-Professor, war in den siebziger Jahren Staatssekretär im Bundesministerium für Entwicklungshilfe. Minister war damals der SPD-Linke Erhard Eppler.

Dieses Umfeld prägte wohl auch den Sohn, der in den achtziger Jahren als Juso Aufsätze über „sozialistische Technologiepolitik“ schrieb, die aufkommende Gentechnik kritisierte und den „Überwachungsstaat bekämpfen“ wollte. Matthias Kollatz liebt immer noch den gesellschaftspolitischen Diskurs, aber jetzt bevorzugt er Themen wie „risikoarme Geschäftsmodelle für eine erneuerte Finanzindustrie“. Zeitweilig betreute er die SPD-Bundestagsfraktion beim EU-Fiskalpaket und saß in der Antragskommission für Bundesparteitage der Sozialdemokraten und im Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Mit der deutlich prominenteren Ehefrau Doris Ahnen, von der Kollatz getrennt lebt, wird er bald gemeinsam in den Finanzministerkonferenzen von Bund und Ländern sitzen. Die SPD-Frau wechselte Anfang November im Zuge einer Kabinettsumbildung vom Bildungs- ins Finanzministerium. In Rheinland-Pfalz. Auch ein Nehmerland.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!