Zeitung Heute : Berlins Schüler zieht es in die Ferne

Die Nachfrage nach Internaten im In- und Ausland steigt – für leistungsstarke Kinder gibt’s Stipendien

Katja Gartz

ANDER(E)S LERNEN: INTERNATE UND PRIVATSCHULEN

Berliner Familien suchen für ihre Kinder zunehmend schulische Alternativen außerhalb der Stadt – und Neuberliner, wie Diplomaten, Wirtschaftsvertreter und Politiker, die im Rahmen des Hauptstadtumzugs hierher kamen, haben die Nachfrage nach schulischen Alternativen weiter steigen lassen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Unterrichtsausfall, verstaubte Lehrpläne, die schlechten Ergebnisse der Pisa-Studie, zu wenig individuelle Förderung und kaum Vorbereitung auf einen internationalen Arbeitsmarkt.

„Viele Schulen bieten zu wenig Lernanreize, die Leistungsfähigkeit der Schüler wird oftmals unterschätzt“, kritisiert zum Beispiel die Unternehmerin Christine Schmitt, allein erziehende Mutter von fünf Kindern. Unzufrieden mit der hiesigen Schulsituation suchte sie mit ihren beiden ältesten Söhnen nach Alternativen. Heute besuchen beide ein Internat: Severin (17) die Leysin American School in der Schweiz, Fabian (15) die Christophorusschule Elze bei Hannover. „Severin wollte unbedingt eine amerikanische Schule, Fabian eine mit sportlichem Schwerpunkt“, berichtet die Mutter.

Aus dem Großraum Berlin erhält beispielsweise die Euro-Internatsberatung seit 1999 pro Jahr etwa 400 Anfragen für Internatsschulen. Das Interesse an Internaten in England ist in den vergangenen drei Jahren um etwa 100 Prozent gestiegen. Verdreifacht hat sich die Zahl der Schüler, die es nach Übersee zieht. Aber auch Internate in anderen Bundesländern werden von wesentlich mehr Berlinern besucht als noch vor der Wende, wenn auch nach wie vor gilt, dass das klassische Internatsklientel eher in den wirtschaftlich starken Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg sitzt.

Jedes Internat hat ein eigenes Profil. So bietet das Internat Urspring in Baden-Württemberg beispielsweise neben einem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt die Möglichkeit, das Gymnasium mit einer Handwerkslehre zu kombinieren und mit dem Abitur auch eine Gesellenprüfung abzuschließen. Im Internat Luisenlund in Schleswig-Holstein wird ab der siebenten Klasse Geschichte und Erdkunde in englischer Sprache sowie Wirtschaftsenglisch und -französich unterrichtet.

Von der Grundschule über Hauptschule bis zum Gymnasium ist jeder Schultyp auch als Internat vertreten. Gelernt wird in kleinen Klassen mit zwölf bis 20 Schülern. Auf 350 Schüler kommen in der Regel 100 Mitarbeiter, 50 davon sind Lehrer. Nach dem Unterricht, dem Mittagessen und den von Fachkräften betreuten Hausaufgaben steht ein breites Freizeitangebot auf dem Tagesplan: Von Chor, Orchester, Theater und Tanz über Reiten, Wasser- und Ballsportarten bis hin zu Kunst-, Foto- und Computerkursen. Austauschprogramme und Schulpartnerschaften fördern die internationale Ausbildung. Studien- und Berufsberatungen geben Orientierungshilfe für den weiteren Werdegang. Dienste in Seniorenheimen stärken die sozialen Fähigkeiten.

Doch diese paradiesischen Zustände haben ihren Preis: In Deutschland kostet ein Internat monatlich zwischen 400 und 2200 Euro – ab 3000 Euro in der Schweiz, in England und den USA. Sehr häufig investieren Eltern zum Ende der Schulzeit für drei Jahre in einen Internatsaufenthalt, um ihren Kindern eine gute Basis für die Zukunft zu ermöglichen. Leistungsstarke Schüler können sich um ein Stipendium bewerben. Kinder, die in familiären Konfliktsituationen aufwachsen, unterstützt das Jugendamt.

„Schulbildung ist an Internaten genauso wichtig wie die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen“, betont die Geschäftsführerin der Euro-Internatsberatung, Connie Hasenclever. Die frühere Internatsleiterin sieht die Stärke von Internaten vor allem in ihrem ganzheitlichen Ansatz. Schülern, deren Leistungen schlechter werden, weil sie Schwierigkeiten mit Lehrern oder Eltern haben, Kindern, die sich nichts zutrauen, weil die Geschwister bessere Noten nach Hause bringen, Hochbegabten, die in den staatlichen Schulen oft nicht angemessen gefördert werden, oder auch Legasthenikern bietet die pädagogische Rundumbetreuung eines Internats Möglichkeiten, sich zu verbessern, Talente zu entdecken und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Für Internatsschüler kann die Schule zu einem zweiten Zuhause werden. Sie wohnen je nach Klassenstufe in Ein- bis Vierbettzimmern und fahren etwa jedes zweite Wochenende zu ihren Familien. Die so genannten Externen nehmen am Schulbetrieb teil und leben weiterhin bei ihren Eltern.

Die 2001 gegründete Seeschule in Rangsdorf bei Berlin bietet eine Neuerung: Ein Wochen-Internat mit Förderung an fünf Tagen. Die Wochenenden verbringen die Schüler in ihren Familien. Die 15-Jährige Lea Weituschat tauschte vor einem Jahr ein Spandauer Gymnasium gegen die Seeschule. „Das Verhältnis zu den Lehrern ist besser und in kleinen Klassen lerne ich mehr“, sagt die Schülerin heute. Doch für ihre Entscheidung gab es noch einen anderen Grund: Lea kann hier ihren Hobbys nachgehen – der Rangsdorfer See bietet viele Wassersportmöglichkeiten.

Einen kostenlosen Beratungstag veranstaltet die Euro-Internatsberatung am 29. Juni 2003 von 11-17 Uhr im Hotel Adlon, Unter den Linden 77 in Berlin-Mitte. Anwesend sind auch Internatsdirektoren aus dem In- und Ausland. Informationen und Termine unter Tel. 24 31 02 12 9.

Internate im Ausland vermitteln auch die Carl Duisberg Centren. Infos über Schulen in den USA, Großbritannien und Kanada bei Anke Kröner, Tel. 0221 / 162 62 87 .

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