Zeitung Heute : Berlins Schulmeister

Erst freudig begrüßt, jetzt beschimpft: Jürgen Zöllner, Bildungssenator und Erfinder der Superuni

Anja Kühne Susanne Vieth-Entus

Hinter der Acrylglasscheibe schwebt eine bizarre Muräne senkrecht zwischen zwei Felsen im Wasser, grünlich schimmernd, das Maul weit aufgesperrt. Haie kreisen. Die Luft vor der Scheibe ist feucht und warm. Im Dämmerlicht sitzen an weiß gedeckten Tischen die Kultusminister der Länder und hören einer Jazzsängerin zu. Auch Berlins Wissenschaftssenator ist da, wie immer stoppelbärtig, trinkt Rotwein und erzählt von seinem ersten halben Jahr in Berlin. Nur zwei freie Abende habe es für ihn gegeben, und an diesen sei er um acht erschöpft ins Bett gefallen. Raubfische, die Atmosphäre einer aufgeheizten Grotte – Jürgen Zöllner, der Präsident der Kultusministerkonferenz, hat einen Ort für das Treffen von Wissenschaftspolitikern und Presse ausgesucht, der gut zu seiner politischen Lage passt: das Aquarium des Berliner Zoos.

Wollte man Zöllner einem der Tiere im Aquarium zuordnen, wäre es wohl das Nilkrokodil: ein großes Urvieh, das lange reglos daliegt, bis es plötzlich mit enormer Geschwindigkeit zufasst. Zöllner lässt sich nicht anmerken, was er gerade plant. Und überrascht dann umso mehr mit seinen Bewegungen. Lange hat Zöllner über seine Absichten für Berlins Wissenschaft geschwiegen. Dann lag plötzlich sein Plan „Wissen schafft Berlins Zukunft“ auf dem Tisch. In dem Papier steht einiges, was überrascht. Das dramatisch verschuldete Berlin will in den kommenden vier Jahren 185 Millionen Euro zusätzlich für Lehre und Forschung ausgeben, weitere bis zu 115 Millionen werden vom Bund erwartet. 300 Millionen Euro – das entspricht einem Drittel des Berliner Jahresetats für alle Hochschulen. Der größte Knaller aber: Berlin bekommt eine neue Superuni für die besten Berliner Wissenschaftler.

Zöllner, der Supersenator? Irgendetwas läuft gerade schief. Fällt an den Universitäten der Name des Senators, schütteln Professoren die Köpfe und lassen über seinen Plan hässliche Worte fallen, „dilettantisch“ etwa oder „Rohrkrepierer“. Die Kritik an dem unverhofften Geschenk, dem millionenschweren Masterplan, ist massiv. Dabei hatte man sich doch stets einen starken Senator gewünscht. Was ist geschehen?

Als der Regierende Bürgermeister im Herbst nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus Zöllner als neuen Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung präsentierte, freute man sich an den Hochschulen. Der 61-Jährige, bis dahin 15 Jahre Wissenschaftsminister in Rheinland- Pfalz, ist der erfahrenste Bildungsexperte der SPD mit großem Gewicht in der Kultusministerkonferenz. Als ideologischer Betonkopf ist der Medizinprofessor nicht bekannt, sondern als Pragmatiker, der den Ausgleich sucht. Seine Mitarbeiter schwärmen von seiner „reizenden Art“. Als er Rheinland-Pfalz verließ, weinten altgediente Beamte.

Zöllners Vorgänger Thomas Flierl von der PDS wurde vom Regierenden Bürgermeister gerne als Punching-Ball im Senat vorgeführt und musste hohe Sparsummen umsetzen. Das schadete dem Image der Berliner Wissenschaft. Auf Fachkongressen in anderen Teilen Deutschlands mussten sich Berliner Professoren von ihren Kollegen dafür bemitleiden lassen, in der Hauptstadt zu forschen. Mit Zöllner sind diese Zeiten vorbei. Er weiß den Regierenden Bürgermeister hinter sich. Als Sparkommissar wäre einer wie Zöllner auch kaum nach Berlin gekommen. Er wolle „gestalten“, hatte er von Anfang an erklärt. Das macht er nun. Und verprellt dabei viele Wissenschaftler.

Das neue Geld ist willkommen, die damit verbundenen Ideen nicht. Die Superuni hingegen mag zwar viele Bürger begeistern. An den Universitäten selbst stößt sie jedoch auf heftigen Widerstand. „Eine nach außen sichtbare Adresse“ der Berliner Universitäten will Zöllner schaffen, erklärte er in der vergangenen Woche bei einem Festvortrag im Herzzentrum der Charité – die Hände ganz ruhig am Pult, als gäbe es die ganze Aufregung gar nicht. Damit Berlin im internationalen Wettbewerb bestehen könne, solle die Spitzenforschung der drei großen Unis und der außeruniversitären Institute vereint werden. Schon vor Monaten hatte Zöllner die neue „Einheit“ in nebulösem Technokratendeutsch angekündigt. Sicher wollte er so Unruhe vermeiden. Dass die geplante „Tochter“ zu einer neuen Berliner Universität für die Spitzenforschung heranwachsen soll, gab erst Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, preis – ein Schock für die Universitäten.

Auch Experten in den großen deutschen Forschungsorganisationen warnen vor den Risiken. Sie befürchten, dass die neue Tochter ihren Müttern die Haare vom Kopf fressen könnte. Die Befürchtung: Das Riesenbaby könnte alles verschlingen, was „exzellent“ erscheint. Die Universitäten, bislang jede für sich selbst eine Forschungsuniversität, blieben ausgeweidet zurück, zu besseren Schulen degradiert. Und das, da Freie Universität und Humboldt-Universität gerade auf dem Sprung sind, im bundesweiten Exzellenzwettbewerb Eliteunis zu werden.

So spricht man an den Universitäten nicht darüber, dass Zöllner nach Jahren des Sparens frisches Geld für Berlins Wissenschaft auftut. Vielmehr spekulieren einige Wissenschaftler, ob es den Senator in der Kultusministerkonferenz, kurz KMK, schwächen wird, dass ein DFG-Vizepräsident seine Pläne öffentlich als „hirnrissig“ bezeichnet hat.

Zöllner hat ja gerade erst eine Niederlage in der KMK erlitten. Als die Kultusminister im vergangenen Monat zum Jahrespressetreffen im Aquarium zusammenkamen, sahen die Unionspolitiker den an ihren Tischen vorbeischwebenden Rochen mit zufriedenen Gesichtern zu und amüsierten sich prächtig, als die Gäste eine Schlange streicheln durften. Gerade hatten sie die vom KMK-Präsidenten gewollte „Exzellenzinitiative für die Lehre“ an den Hochschulen ausgebremst, Zöllner seinen Aufschlag vermasselt. Stattdessen wird die KMK nun kleine Brötchen backen, eine Arbeitsgruppe soll über eine „Qualitätsoffensive“ für die Lehre nachdenken. Ein Racheakt der Union. Zöllner, so war zu vernehmen, habe versäumt, für sein Projekt zu werben und die Länder mit dem fertigen Papier überfallen.

Der Supersenator Zöllner könnte vielleicht auch deshalb keine Zeit gefunden haben, seine Kollegen am Telefon auf seine Seite zu ziehen, weil er sich auch noch um Berlins Schulen kümmern musste. Es vergeht kein Tag, an dem sich Eltern, Schüler oder Lehrer nicht in Briefen oder mit Demonstrationen über den Mangel an Personal an Berlins Schulen beklagen. „Zöllner wirkt angespannter als zu Beginn und nicht mehr so offen“, sagt Berlins GEW-Chefin Rose-Marie Seggelke. Die „harte Berliner Wirklichkeit“ habe ihn eingeholt.

Ob die „harte Berliner Wirklichkeit“ der Glaubwürdigkeit Zöllners etwas anhaben kann, ist allerdings noch offen. Als er kürzlich im Lokal „Loretta am Wannsee“ einen Abend lang ärgerlichen Eltern Rede und Antwort stand, hörte man hinterher nur Lob: „Er war angenehm“, „Er war authentisch“, „Er kümmert sich“, sagten die Eltern.

Selbst Oppositionspolitiker bescheinigen ihm, den Menschen offen in die Augen zu sehen und dabei so sympathisch zu wirken, dass der Schuss Überheblichkeit, der bei ihm manchmal zu spüren ist, nicht weiter wehtut.

Zöllner ist nur schwer zu verunsichern. Vielleicht gar nicht. Schon als Schüler, so berichten seine alten Lehrer und Klassenkameraden, sei er lässig, erfolgreich und sportlich gewesen. Ein Siegertyp.

Einer, der Brücken nicht abbricht, weil er weiß, dass sie Halt geben. Einer, der in seinen Heimatdialekt verfällt, wenn er sich wohlfühlt und will, dass sich andere wohlfühlen. Einer, der mit seiner gemütlichen Pfeife, seinem Lächeln signalisiert: Solange ich da bin, kann euch nichts Schlimmes passieren, denn ich habe immer Erfolg, und so bleibt es auch. Ihr dürft daran teilhaben.

Ein paar gute Schachzüge sind ihm für die Schule in der Tat schon gelungen. Die kompetent besetzten Arbeitsgruppen zum Beispiel, die helfen sollen, Bürokratie abzubauen und die Lehrerzuteilung zu verbessern. Zöllners Ansehen in den Schulen steht und fällt letztlich aber damit, ob er es schafft, dass weniger Unterricht ausfällt – und zwar sofort. Lehrer und Eltern sind ungeduldig. Angesichts von abwandernden jungen Pädagogen und immenser Probleme vor allem in Grund- und Hauptschulen hat Zöllner keine Zeit.

Und dann ist da noch Staatssekretär Eckart Schlemm, den sich Jürgen Zöllner geholt hat. Schlemm weiß seine fehlenden Kenntnisse über Berlins Schulen bisher schlechter zu überspielen als der Senator selbst. Möglich, dass Berlin es dennoch schafft, das kommende Schuljahr ohne Desaster beginnen zu lassen. Dann hätte Zöllner zumindest bewiesen, dass Erfolg auch etwas mit Magie zu tun hat.

Beim Rundgang durch das Berliner Aquarium hat ein Pfleger den Politikern und Journalisten erklärt, dass sich der Zoo kein weiteres Nilkrokodil mehr anschaffen will. Ein so großes Tier habe hier einfach zu wenig Bewegungsfreiheit. Ob Zöllner Berlin bald als zu klein empfindet, wird von der Geschicklichkeit abhängen, mit der er seinen Platz nutzt.

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