Zeitung Heute : Berlins türkischer Sender Metropol FM nach dem Erdbeben

Lars Törne

In einer Ecke des geräumigen Schöneberger Altbau-Büros läuft pausenlos der Fernseher. Erhan Mertürk sitzt davor und schaltet per Fernbedienung von Programm zu Programm. Der junge Radiomoderator hat vor ein paar Minuten seine Frühschicht bei 94 8 Metropol FM beendet, dem ersten türkischsprachigen Radiosender Berlins.Jetzt sucht er nach den neuesten Nachrichten aus dem Erdbebengebiet. Beim türkischen Nachrichtenkanal NTV hält er kurz inne. Gerade gibt Ministerpräsident Bülent Ecevit eine Erklärung ab. Bis auf ein paar allgemeine Aussagen nichts Neues. Mertürk zuckt mit den Schultern, drückt die Fernbedienung, von NTV zu Kanal D, von Star-TV zum Staatssender TRT, wieder zurück zu NTV. "Einer von uns sitzt immer vor dem Fernseher und sucht nach neuen Informationen", sagt Redakteur Ceyhun Kara. Jeder in der Redaktion hat Angehörige, Freunde oder Bekannte im Erdbebengebiet. "Wir sind sehr aufgewühlt", sagt eine Mitarbeiterin, "die meisten von uns haben bisher noch nichts von ihren Verwandten gehört."

Ceyhun Kara erfuhr am Dienstag früh um vier Uhr vom Erdbeben. Auf dem Weg zur Arbeit fragte ihn sein Zeitungshändler, wieso der Sender denn immer noch die übliche, fröhliche Popmusik spiele, nach allem, was passiert ist. "Wir haben sofort die Musik heruntergefahren und spielen seitdem statt lustiger Liebeslieder nur noch langsame Stücke", erzählt der 33jährige Redakteur. Auch die sonst sehr beliebten Gewinnspiele, die Kochprogramme, das Horoskop und sogar die Sportnachrichten werden bis auf weiteres nicht gesendet.

In der Türkei ist es üblich, nach dem Tode eines Nachbarn zu Hause keine Musik zu hören, sagt Kara. "Hier in Berlin haben wir 170 000 Nachbarn, die brauchen jetzt keinen Dudelfunk, sondern unsere Solidarität." Einige von Karas Mitarbeitern sitzen in jeder freien Minute am Telefon und versuchen, jemanden aus ihrer Familie in Istanbul oder Izmit zu erreichen. "Eine Redakteurin mussten wir eben gerade nach Hause schicken", erzählt der Redakteur. Sie hatte in der Frühstückspause erfahren, dass ihre Tante in Istanbul am Morgen tot aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses geborgen worden war. In der Redaktion wird seit Dienstag über kaum etwas anderes geredet als über das Unglück. "Wir sprechen über die Nachrichten und diskutieren, warum dieses und jenes Haus eingestürzt ist", sagt Kara. "Aber über unsere Angst", schränkt er ein, "darüber reden wir nicht."

Ceyhun Kara selbst versucht nicht einmal, jemanden aus seiner Familie anzurufen. "Was sollte ich machen, wenn ich erfahre, dass jemand von meinen Verwandten gestorben ist?", fragt er. "Dann könnte ich hier nicht weitermachen. Rumheulen ist für uns Luxus." Das bisher Letzte, was er von seinen Eltern hörte war, dass sie kurz vor dem Erdbeben nach Istanbul fahren wollten, um Verwandte zu besuchen. Was danach passierte, weiß er nicht. "Ich habe dichtgemacht", sagt er. "In der Türkei sagen wir, schlechte Nachrichten kommen schnell. Ich habe bisher nichts gehört, also hoffe ich, dass ihnen nichts passiert ist."

Die achtköpfige Redaktion will ihren Berliner Hörern so viele Informationen wie möglich aus dem Erdbebengebiet liefern. Von morgens um sechs bis Mitternacht gibt es regelmäßig aktuelle Nachrichten. "Viele unserer Hörer rufen an und wollen mehr Details erfahren", sagt Kara. "Aber mehr als telefonieren können wir im Moment auch nicht." Und auch das ist nicht einfach, denn die Telefonleitungen in die Türkei sind überlastet und brechen dauernd zusammen. Eigene Korrespondenten vor Ort hat der kleine Sender nicht. Die wichtigste Quelle ist der Istanbuler Radiosender "Best FM". Einmal pro Stunde rufen Kara und seine Kollegen dort an, bekommen Informationen und lassen sich Berichte vom Ü-Wagen der Istanbuler Kollegen überspielen, die sie in ihr Programm übernehmen.

Zusätzlich ist 94,8-Projektleiter Akin Duyar gerade nach Istanbul gefolgen, um von dort zu berichten. Und sobald einer der Berliner Redakteure ein Familienmitglied in der Türkei am Telefon erreicht hat, werden auch diese Informationen im laufenden Programm verarbeitet. Neben den Nachrichten aus der Türkei berichtet der Sender über die Berliner Reaktionen auf das Erdbeben, so über den Spendenaufruf türkischer Vereine oder den Beschluss des Senats, die Flaggen in der Stadt auf Halbmast zu setzen.94 8 Metropol FM sendet rund um die Uhr auf Türkisch, UKW: 98,4, Kabel: 92,9.

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