Bernd Matthies : Chroho, chroho - Kormoran

Der Kormoran ist der Vogel des Jahres 2010. Bei dieser Auszeichnung handelt es sich um den Vögel-Nobelpreis; es ist üblich, den Preisträger morgens um sechs aus dem Nest zu holen und ihm die frohe Botschaft telefonisch vorzuzwitschern. Anders als Barack Obama hat der Kormoran mehrere zehntausend Jahre auf diese Entscheidung hingearbeitet, es gibt also keinen Anlass zur Kritik am Zeitpunkt. Dennoch wird die Entscheidung heftig angegriffen. Warum?

Normalerweise trifft der Preis brave Vögel, die auf ihren Eiern hocken und darauf warten, gebraten, gebacken, vergiftet, erwürgt oder ausgetrocknet zu werden, es handelt sich also quasi um die Sozialdemokraten des Tierreichs. Kurz vor dem Aussterben bekommen dann die letzten hundert Brutpaare den Preis, damit sich die Sache für sie lohnt und sie ein Gutachten in eigener Sache beim Öko-Institut bestellen können.

Der Kormoran ist anders. Er hat permanent Appetit auf Fisch, hängt deshalb in ganz Deutschland massenhaft auf Bäumen, Ufern und Inseln herum. Um es in der Sprache der Bibel, Matthäus 6,25, zu formulieren: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und ihr himmlischer Vater ernähret sie doch. Oder, wie Thilo Sarrazin sagen würde: Die Kormorane erobern Deutschland genau so, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.

Weil es so viele Kormorane gibt, darf sich jeder Fischer einen schießen, und genau das ist das Problem. Denn die Leute beim Naturschutzbund, die den Preis stiften, mögen das Rumgeballere nicht. Sie stehen auf der Seite der Vögel, während ihnen die Fische in der Opferrolle ganz angenehm sind. Fische riechen schon nach wenigen Tagen streng nach sich selbst, und sie weigern sich, zu eventuellen Preisverleihungen aus dem Wasser zu kommen, das wird ihnen strafverschärfend angerechnet.

Dennoch gibt es auch einen Fisch des Jahres, 2009 war es der Aal. Wenn wir uns nun vorstellen, dass der Vogel des Jahres 2010 den Fisch des Jahres 2009 aus dem Teich holt und sich anschickt, ihn mitsamt Pelle ungeräuchert runterzuschlucken – dann ahnen wir, dass die Stifter, der Nabu auf der einen und die Sportfischer auf der anderen Seite, kurz davor sind, aufeinander loszugehen. Der Kormoran wäscht seine Federn in Unschuld, er hat dazu nichts beizutragen als sein misstönendes „chroho-chroho“ oder „kraorr“.

Ein irres Konfliktpotenzial. Barack Obama könnte sich seinen Friedensnobelpreis durch eine gelungene Schlichtung nachträglich verdienen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben