Zeitung Heute : Beruf: Drehbuchautor: Kein Job für Stubenhocker

Nike Weiss

Wer Drehbücher schreibt, braucht nicht nur eine blühende Fantasie, sondern vor allem viel Geduld. Filmfiguren müssen erst entstehen, bevor man sie und ihre Geschichten zu Papier bringt. Bei Rodica Döhnert aus Berlin kann das schon mal eine Weile dauern, "denn zuerst lungern die Figuren auf meinem Sofa rum, fressen meinen Kühlschrank leer und wollen dann auch noch von mir zum Arzt begleitet werden." Ihre Personen brauchen eine Biografie, einen Charakter, Krankheiten, Fehler, Ansichten und Angewohnheiten.

Zu DDR-Zeiten volontierte Döhnert beim Deutschen Fernsehfunk und studierte später Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. "Nach der Wende kam der Crashkurs West. Ich drehte einen Industriefilm nach dem anderen und lernte so die westdeutsche Wirtschaft kennen", erinnert sich Döhnert. Kinder-Serien wie "Fine Freitag" oder "Die Gespenster von Flatterfels" folgten, später ZDF-Filme in der Reihe "Achterbahn" und Folgen für den Polizeiruf. Außerdem drehte sie Dokumentarfilme über die Verlierer der Wende. "Von diesen Erfahrungen zehre ich bis heute. Vieles davon fließt in meine Geschichten ein."

Als die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern irgendwann einmal total pleite war, kam ihr die rettende Idee, sich als Storyliner bei Ufa Grundy zu bewerben. In einem bunt zusammengewürfelten Schreib-Team von zwölf ganz unterschiedlichen Leuten sollte sie sich Geschichten für die von Montag bis Freitag laufende 25-minütige Serie "Alle zusammen und jeder für sich" ausdenken. Immer in drei sich abwechselnden Handlungssträngen, wie das bei Serien dieser Art üblich ist. "Das hört sich simpel an, ist aber harte Arbeit und eine verdammt gute Schule fürs Drehbuchschreiben".

Nach einem halben Jahr bereits schrieb sie die ersten eigenen Folgen für eine SAT 1-Serie, kurz darauf das Drehbuch für "Florian - Liebe aus ganzem Herzen" einen 90-minütigen Film, der rund sieben Millionen Zuschauer vor den Bildschirm lockte. "Auf einmal wusste ich, dass ich Geschichten übers Leben erzählen will. Seither bin ich süchtig nach dem Schreiben."

Vor Angeboten kann sich die 37-Jährige mittlerweile kaum noch retten. Und an Geschichten mangelt es ihr nicht. "Ich schreibe über Grenzsituationen. Natürlich fließt auch viel von meinem eigenen Leben mit ein." Alles, was sie ins Drehbuch schreibt, muss Hand und Fuß haben. Die Recherchen nehmen mehr Zeit in Anspruch als das Schreiben selbst. Viele Ideen entstehen nicht nur am Laptop, sondern draußen im Leben - kein Job für Stubenhocker. "Ab und zu muss ich einfach raus, auf Sportplätze, in Krankenhäuser und in Selbsthilfegruppen, um in die Atmosphäre meiner Schauplätze einzutauchen." Berlin ist dabei wichtige Inspiration, "weil hier so unterschiedliche Lebensgefühle nebeneinander existieren: Ost, West und viele Nationalitäten".

Um sich Wissen anzueignen, verbringt die Drehbuchautorin oft Stunden in Bibliotheken, trifft sich mit Ärzten und Forschern und besucht Uni-Vorlesungen. Das wichtigste Anschauungsmaterial sind und bleiben aber für sie Menschen. "Denn das sind ja meine späteren Zuschauer."

Döhnert muss ihre Drehbücher kaum noch anbieten. Meistens wird sie von großen Sendern beauftragt einen Film zu schreiben. Wenn sie dann eine ausgereifte Idee hat, setzt sie sich hin und verfasst erst mal das Treatment. Später kommt dann die lange Fassung mit den Dialogen und genauen Handlungsanweisungen. Wenn ein Regisseur versucht beim Dreh Döhnerts Figuren umzumodeln, ist Fingerspitzengefühl angesagt: "Schließlich sind die Figuren in meinem Kopf und leben mit mir. Sie zu verändern, ist ein schwieriger Prozess."

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