Zeitung Heute : Berufe im IT-Bereich: Beherrscher der Datenflut

Helga Ballauf

Rechner und Computernetzwerke stellen die Arbeitswelt auf den Kopf. Traditionsreiche Berufe verändern sich grundlegend, ganz neue Tätigkeiten entstehen. Informationsmanager, Geo- und Verwaltungsinformatiker, Riskmanager - vier Beispiele für neue, hochspezialisierte Professionen. Die Fragen, die sich bei diesen neuen Tätigkeiten auftun: Wie dauerhaft sind elektronische Publikationen? Wie haltbar sind die Speichermedien und was passiert, wenn das CD-ROM-Laufwerk ausgemustert wird?

Mit den traditionellen Aufgaben von Bibliothekaren und Archivaren hat das nicht mehr viel gemein. Früher mussten diese darauf achten, dass der Papierfraß nicht wertvolle Schriften zerstörte. Künftig benötigen sie ein ausgeklügeltes logistisches System zur Rettung des digitalen Bestands vor dem Verfall. In den USA gibt es dafür bereits das Berufsprofil des "Systemlibrarian". Nicht mehr das inhaltliche Erschließen von Publikationen steht im Mittelpunkt der Arbeit, sondern ihre systematische Strukturierung mit Hilfe der IT.

Die feinsäuberliche Trennung bisheriger Aufgabengebiete von Bibliothekaren, Archivaren und Dokumentaren löst sich zusehends auf. Im Zeichen des elektronischen Publizierens mit Hyperlinks, laufenden Aktualisierungen und der Verbindung von Text-, Bild- und Tonelementen verliert die klassische Vorstellung von einem abgeschlossenen Werk seine Konturen. Und angesichts der Flut ständig neuer Publikationen müssen sich Bibliothekare vom bisherigen Ziel verabschieden, alles wissenschaftlich Relevante vollständig zu sammeln. Inzwischen gibt es bereits fruchtbare Verbindungen von Tradition und Moderne, etwa den "Server für die Frühe Neuzeit" ( www.sfn.uni-muenchen.de ). Wer sich beispielsweise für das Fachgebiet "Hexenforschung" interessiert, kann wertvolle mittelalterliche Schriftstücke und Zeichnungen in digitalisierter Form zuhause auf dem Bildschirm studieren. Dieser Server ist ein Prototyp für das Angebot wissenschaftlicher Bibliotheken im 21. Jahrhundert. Wer hier mitarbeiten will, sollte schon ziemlich genau darüber Bescheid wissen, wie Dokumentationsbestände nutzerorientiert aufbereitet und vermittelt werden. Ohne vertiefte Kenntnisse von den Möglichkeiten der Rechner und Netzwerke geht das ebensowenig wie ohne direkte Kooperation mit Forschern und Wissenschaftlern.

Reizvolle Aufgaben für Informationsmanager, die eine Brücke zwischen moderner Technik und altehrwürdigen Kulturgütern schlagen wollen. Den Bildschirm füllt eine Weltkarte. Klick. Das Gebiet Kanadas erscheint vergrößert. Klick. Die Lebensräume verschiedener Eskimostämme kommen ins Bild. Klick auf "Inuit": Jetzt steht Wissenswertes über diesen Stamm auf dem Monitor. Schließlich kann man ein Bilddokument über das Aussehen der Inuit oder eine Tonsequenz mit dem Klang ihrer Sprache wählen. Die Demoversion "Eskimosprachen" gibt bereits einen akzeptablen Eindruck davon, was ein Geoinformationssystem (GIS) alles leisten kann. Das Internet erweitert die Möglichkeiten, raumbezogene Informationen zu erfassen und bereits vorhandene zu vermarkten, enorm und beeindruckend.

So bedient sich beispielsweise das Ingenieurbüro beim Straßenbau direkt vom Datenbestand der Gemeinde. Der Versicherer lässt sich zeigen, wie groß die Hochwassergefahr in einer bestimmten Region ist. Und dem Immobilienmakler erleichtern Geodaten die Suche nach einem geeigneten Gewerbegrundstück. Geoinformatik ist eine junge Disziplin. Erst einige wenige Hochschulen bieten das Fach an. Dort werden der Umgang mit GIS, die Möglichkeiten der 3 D- und 4 D-Visualisierung und die Nutzung von Geodaten auf DV-gestützter Grundlage gelehrt. Fachkenntnisse aus Geographie, Kartographie und Vermessung rücken etwas in den Hintergrund. Branchenkenner rechnen damit, dass in den kommenden Jahren das Geschäft mit Geografischen Informationssystemen richtig in Schwung kommt. Ein Berufsfeld für Karthographen wie für Wirtschaftsinformatiker.

Während sich Industrie- und Dienstleistungsunternehmen auf E-Commerce vorbereiten, heißt das Zauberwort in der öffentlichen Verwaltung "E-Government". In vielen Rechenzentren von Städten, Ländern und dem Bund tüfteln Verwaltungsinformatiker an Programmen, wie sich einfache Behördenvorgänge - etwa die Kfz-Anmeldung - und hochoffizielle Akte - wie etwa Wahlen - rechnergesteuert abwickeln lassen. IT-Wissen allein genügt nicht. Ein Verwaltungsinformatiker kennt sich ebenso bei behördlichen Verfahren und in juristischen Fragen aus. Datenschutz- und Arbeitsrecht sind wichtig. Außerdem ist es günstig, die rechtlichen Grundlagen des Amtsvorgangs zu kennen, für den eine IT-Anwendungen entwickelt wird.

Wenn der Gesetzgeber beispielsweise den Berechnungsmodus für die Sozialhilfe ändert, muss ein Verwaltungsinformatiker die juristische Verfügung in ein EDV-Programm umsetzen können. Oder er muss wissen, was es bedeutet, wenn die kommunale Buchführung von der staatswirtschaftlichen Kameralistik auf das kaufmännische Rechnungswesen umgestellt wird. Die Wege zum Beruf sind bisher unübersichtlich. Einen speziellen Studiengang bietet die Universität Magdeburg an ( www.uni-magdeburg.de ). Außerdem bilden mehrere Fachhochschulen der Länder ihre künftigen Verwaltungswirte mit IT-Schwerpunkt aus. Die beste Übersicht liefert die Homepage www.vfh-hessen.de .

Viele Gründe können zum Scheitern eines IT-Auftrags führen: Ein schwer ersetzbarer Mitarbeiter wird plötzlich krank. Die Zulieferfirma steht vor dem Konkurs. Kurz vor Torschluss zeigt sich, dass das Softwareprojekt nicht zum vereinbarten Termin fertig wird. All diese Hindernisse zu umschiffen ist Aufgabe von Riskmanagern. Es geht darum, Schwachstellen eines Softwareprojekts frühzeitig zu erkennen, Lösungswege aufzuzeigen und dabei eine angemessene Balance zwischen tolerierbarem Projektrisiko und akzeptablen Kosten zu halten. Technische Risiken können immer auftreten. Häufig jedoch stürzen IT-Projekte aus anderen Gründen ab, etwa dann, wenn die Fachabteilung eines Unternehmens sich gegen die Einführung eines neuen EDV-Systems sperrt, weil sie bei der Planung nicht einbezogen war. Idealerweise greift der Riskmanager ein, bevor die Situation eskaliert. Doch bei vielen Softwareprojekten geschieht das nicht, weil systematisches und vorausschauendes Handeln in der Branche häufig als bürokratisch empfunden wird.

Riskmanager machen sich leicht unbeliebt, wenn sie laufend auf einen Abgleich zwischen Projektauftrag und vorläufigem Ergebnis dringen. Oder wenn sie einem Kunden den Rückgriff auf eine ältere, aber bewährte Software empfehlen. Oder bei den Kollegen eine realistische Zeitplanung anmahnen. Die Trouble-Shooter brauchen technische Erfahrung, vor allem aber soziale, betriebswirtschaftliche und arbeitsorganisatorische Kompetenzen. Will sagen: Das ist kein Job für Berufseinsteiger.

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