Zeitung Heute : Berufe mit Musik: Raus aus dem Orchestergraben

Jörg Königsdorf

Martin Kögel hat es geschafft. Der 32-Jährige ist seit sechs Jahren Oboist beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO), verdient ungefähr 10 000 Mark brutto und hat mit einem Arbeitspensum von sieben mal drei Pflichtstunden pro Woche ein nach Musikermaßstäben behagliches Dasein. Martin Kögel wird seine Stelle vermutlich bis zur Pensionierungsgrenze behalten - vielleicht mit einem Lehrauftrag oder einer Professur später sein Gehalt noch aufbessern oder sich durch die von Musikern so geliebten Nebentätigkeiten, die sogenannten "Mucken", noch regelmäßig eine gute Stange Geld hinzuverdienen und gleichzeitig für künstlerischen Ausgleich zum Orchesterdienst sorgen. Ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche Musikerkarriere, deren Verlauf schon in einem Alter feststeht, in dem Spitzenkräfte anderer Berufe noch mühsam um Anerkennung ringen müssen.

Würde Martin Kögel noch einmal neu anfangen und in ein anderes Orchester wechseln wollen, müsste er sich beeilen: Im Wettkampf um die wenigen Stellen in Deutschlands Elite-Orchestern gelten die gleichen Gesetze wie für Spitzensportler: Wer über Dreißig ist, gehört zum alten Eisen und hat nur noch eine Außenseiterchance. Bei den Probespielen, die über die Besetzung der etwa 200 jährlich frei werdenden Orchesterstellen entscheiden, haben die Jüngeren die besseren Chancen. "Nie ist man so fit für Probespiele wie gegen Ende des Studiums, und nie hat man so viel Zeit, seine Vorspielstücke auf Hochglanz zu polieren", sagt Kögel, der sich selber noch aus dem Studium heraus, mit 25 Jahren, auf seine erste Stelle im Mainzer Opernorchester spielte.

144 deutsche Kulturorchester

Für ihn war dieser erste Job freilich kaum mehr als ein anderthalbjähriger Zwischenstopp, der ihm die notwendige Orchestererfahrung vermittelte und ihm entscheidende Qualifikationsvorteile bei der Bewerbung um die DSO-Stelle gebracht hat: Der Sprung in eines der wenigen reinen Konzertorchester, bei denen die Musiker nicht allabendlich den unattraktiven Dienst im Orchestergraben leisten müssen und in der Regel weit besser bezahlt werden, ist nach wie vor das Traumziel fast aller Berufsmusiker.

Bei seiner schnurgeraden Laufbahn hatte Kögel freilich neben seiner musikalischen Qualifikation auch eine ganze Menge Glück: Denn der Arbeitsmarkt für junge Musiker hat sich in den neunziger Jahren empfindlich verschlechtert. Während die Hochschulen nach wie vor Geiger, Fagottisten und Harfenisten diplomieren, hat die Zahl der offenen Stellen durch die Einsparungen im Kulturbereich kontinuierlich abgenommen. Eine im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift "Das Orchester" (4 / 2000) veröffentlichte Studie weist allein für die Spielzeit 1997 / 98 den Verlust von 500 Orchesterstellen aus, Zahl und Personalbestand der 144 deutschen Kulturorchester dürften langfristig weiterhin sinken.

Einschnitt beim Vordiplom

Eine trübe Aussicht, die nur wenig dadurch abgemildert wird, dass die meisten wegfallenden Stellen ohnehin kleine Orchester in der Ex-DDR am unteren Ende der Besoldungsskala betreffen. Durch die weitgehende starre Beschäftigungsstruktur lässt sich der Bedarf für jede Instrumentengruppe auf Jahrzehnte prognostizieren, ohne dass sich jedoch die Hochschulen bei ihren Aufnahmeprüfungen nach dem künftigen Stellenbedarf richten.

Christhard Gössling, Rektor der Berliner Hanns-Eisler-Musikhochschule und nebenbei noch Posaunist bei den Berliner Philharmonikern, räumt dieses Versäumnis teilweise ein: "Sicher müssen wir angesichts der Arbeitsmarktsituation noch strenger werden und Studenten rechtzeitig darauf hinweisen, wenn sie ihre Musikliebe besser im Hobby-Orchester pflegen sollten. Das heißt vor allem, dass das Vordiplom einen stärkeren Einschnitt bedeuten muss. Für Abbrecher ist es dann noch früh genug, etwas anderes zu studieren, während sich die ernst zu nehmenden Profi-Musiker von diesem Zeitpunkt an auf ihre Vorspiele konzentrieren." Dennoch, beharrt er, würden die allermeisten der etwa 60 Musiker, die Hanns Eisler jährlich mit einem Diplom im Fach Orchesterinstrument verlassen, von ihrem erlernten Beruf auch leben.

"Um das Berufsbild Orchestermusiker herum gibt es eine ganze Reihe von Beschäftigungsmöglichkeiten von der freien Arbeit in Spezialbereichen wie Barock- oder Zeitgenössische Musik bis zur Lehrtätigkeit. Wir selber haben uns insofern darauf eingestellt, als wir einerseits stärker die musikpädagogische Ausbildung unserer Studenten fördern, andererseits aber auch mehr Praxisbezug für diejenigen geschaffen haben, die sich auf Orchesterstellen vorbereiten."

Gerade weil die irreversible Entscheidung über beruflichen Erfolg oder Misserfolg bei Orchestermusikern schon während des Studiums und zu Beginn der beruflichen Laufbahn fällt, ist das richtige Studieren noch wichtiger als in vergleichbaren musischen Berufen - um bei durchschnittlich 60 Bewerbern auf jede frei werdende Orchesterstelle Erfolg zu haben, muss ein Nachwuchsmusiker oft schon zu Beginn des Studiums einstellungsrelevante Entscheidungen treffen. Bei der ersten Sichtung, geben Kögel und Gössling übereinstimmend zu, gilt der Name des Lehrers als wichtigste Empfehlung dafür, ob ein Bewerber die erste wichtige Hürde nimmt und zum Probespiel eingeladen wird.

Das Renommee des Lehrers steht dabei nicht nur für orchestergerechte Ausbildung, sondern oft auch für ein bestimmtes Klangbild, das vom Schüler erwartet wird - insbesondere bei den Blasinstrumenten splittert sich der Stellenmarkt durch diese individuellen Orchestertraditionen noch zusätzlich in weitere Quasi-Spezialisierungen auf: Ein Hornton, der beim Orchester des Bayerischen Rundfunks geschätzt wird, kann bei der Dresdner Staatskapelle schon von vornherein abgelehnt werden - selbst wenn der Bewerber die glänzendsten Zeugnisse und Wettbewerbserfolge mitbringt.

Spezifische Klangkulturen

Das erklärt auch, weshalb trotz teilweise weit über hundert Bewerbern immer wieder Probespiele bei Spitzenorchestern ohne Ergebnis bleiben. Bis der Bewerber gefunden ist, der sich klanglich, technisch und musikalisch optimal ins Kollektiv einpasst, gehen manchmal zwei Jahre ins Land - die basisdemokratisch verlaufende Einstellungsentscheidung hat mitunter Züge eines Kardinalskonklaves.

Die Eliteorchester, bei denen die Anforderungen auch durch den internationalen Vergleich am stärksten in die Höhe geschossen sind, haben daraus ihre Lehren gezogen: In Berlin verfügen sowohl die Philharmoniker wie die Staatskapelle über so genannte Orchesterakademien, in denen junge Musiker an den Orchesterdienst herangeführt werden. Zu beiderseitigem Nutzen, denn die meist auf Stipendien-Basis beschäftigten Studenten bilden einerseits einen verlässlichen Aushilfe-Pool, zugleich führen die Akademien aber auch an die orchesterspezifischen Klangkulturen heran.

Die Studenten profitieren von diesem Trainee-Programm in jedem Fall: Selbst wenn sie nicht übernommen werden, kommt ihnen die unter Profis erworbene Spielroutine zustatten, mehr noch als bei der Arbeit in Jugendorchestern, wo zur Erarbeitung eines Konzertprogramms wesentlich längere Probephasen zur Verfügung stehen. Denn in der letzten Bewerbungsrunde geht es vor allem um die Fähigkeit, im Orchester zu spielen. Hier zeigen sich gerade bei solistisch hervorragenden Bewerbern immer noch die stärksten Defizite - als Nachwirkung einer Hochschulausbildung, die in der Vergangenheit zu wenig auf die künftige Berufspraxis ausgerichtet war.

Das Missverhältnis von Hochschul-Absolventen und freien Stellen hat in den vergangenen Jahren die Anforderungen an Bewerber ebenso erhöht wie die Bedeutung solcher Zusatzqualifikationen - in dieser Hinsicht unterscheidet sich der Musikerberuf nicht von anderen akademischen Abschlüssen. Nur der Traum vom guten Job ist oft noch schneller ausgeträumt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben