Zeitung Heute : Bescheidenheit ist eine Gier

Peter Siebenmorgen

Der Posten des EU-Kommissionspräsidenten ist ab Oktober frei. Wie kam es, dass Edmund Stoiber die Nachfolge Prodis nicht antreten will?

Viel ist es nicht mehr an Edmund Stoiber, was an seinen Lehrherrn Franz Josef Strauß erinnert. Ein gemeinsamer Wesenszug tritt jetzt wieder stärker in den Vordergrund: Zu äußern, was man alles werden könnte, um sich am Ende in der Rolle des rast- und selbstlos sich Aufopfernden zu gefallen.

Vor ein paar Tagen erst, am Vorabend der Bundespräsidentenwahl war das an Stoiber wieder zu bemerken: „Ich brauche keine Auszeiten“ – anders als die Kochs und wie sie alle heißen, ruft er in einen Kreis von Unionsabgeordneten, die in der bayerischen Landesvertretung beisammensitzen. Stets sei er im Dienst für Volk, Partei und Vaterland, er verzehre sich. „Und für wen tue ich das alles?“, fragt der sich allmählich in Rage redende CSU-Vorsitzende in die Runde hinein. „Sag’s uns“, stichelt jemand. „Für euch! Ich tue das nur für euch!“

Stets opfert sich der fleißige Mann also auf – und muss das immer wissen lassen. Weil er die Seinen nicht im Stich lassen darf, verzichtet er auf das höchste Staatsamt. Und nun habe er aus dem gleichen Grund auch die Offerte von Gerhard Schröder und Jacques Chirac ausgeschlagen, Präsident der EU-Kommission zu werden, hallt es aus der CSU.

Für so viel Freude am Verzicht sind sie ihm alle dankbar. Eine große Ehre und hohe Auszeichnung sei das Angebot, erklärt CSU-Generalsekretär Markus Söder, um dann doch erleichtert mitzuteilen, dass Stoiber „nach kurzem Überlegen“ entschieden habe, seine Aufgaben auch künftig in „Deutschland, Bayern und der CSU“ wahrnehmen zu wollen. Wichtiger als in Ämter gewählt zu werden, sei es für den CSU-Vorsitzenden, sich mit „kraftvoller Politik“ darauf zu konzentrieren, wie Deutschland wieder zum „Reformmotor Europas“ werden könne. Auch Angela Merkel, die in Stoibers Überlegungen eingeweiht gewesen sein soll, kann sich laut Söder vor Dankbarkeit darüber, dass Stoiber „der deutschen und der bayerischen Politik erhalten bleibt“, kaum halten.

Nur eins ist nicht so klar: ob es die Offerte an Stoiber überhaupt gegeben hat. In Kanzleramt und Auswärtigem Amt weiß man davon angeblich nichts. Ein dem bayerischen Ministerpräsidenten zugetaner Unionsgrande hält es „eher für wahrscheinlich, dass Stoiber da etwas gehört hat, was man eigentlich nicht hören konnte“ – will heißen: dass er vielleicht eine vage, unverbindliche Bemerkung als Werben um seine Person verstanden hat. Dass öffentliche Kokettieren mit dem Brüsseler Posten hält der Unionskollege für „Wichtigtuerei“. Nicht so sehr von Stoiber selbst, mehr von dessen Umfeld. Der CSU-Chef selbst schweigt.

Ob mit oder ohne Angebot, Stoiber wird nicht nach Europa wechseln. Wer aber wird Romano Prodi als Kommissionspräsident folgen? Der Lieblingskandidat des Kanzlers und des französischen Präsidenten ist Guy Verhofstadt, der belgische Premier. Doch den wollen die Briten, ohne die es kaum geht, einstweilen nicht.

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