Zeitung Heute : beschmutzer Netz

Spam: Die größte Plage der Neuzeit. Denn die meisten E-Mails sind Werbemüll. Woher sie kommen – und wie man sich schützt.

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Von Kurt Sagatz InternetNutzer freuen sich derzeit schon über Winzigkeiten: Im September waren „nur“ noch drei von vier E-Mails Spam-Mails! – elektronischer Werbemüll, also. 75 Prozent – das gilt schon als Erfolg. Vorher, so hat es der weltweit zweitgrößte Spam-Filter-Hersteller „Message Labs“ gemessen, seien immerhin 82 Prozent aller E-Mails Spam gewesen. Man ist eben bescheiden geworden. Denn Spam droht nach wie vor sämtliche Briefkästen zu verstopfen, mit unaufgefordert eingesandter dubioser bis obszöner Werbung für Penisverlängerungen, Millionenverdienste oder Viagra-Großpackungen.

Der große Vorteil der E-Mail-Kommunikation – schnell und preiswert mit aller Welt in Kontakt zu stehen – ist zugleich die größte Gefahr für den elektronischen Gedankenaustausch. Dass nun erstmals weniger Spam gemessen wird, gibt Hoffnung und führt zugleich zur Frage, ob nicht doch endlich Wege gefunden wurden, dieser Geißel Herr zu werden. Bevor jedoch Gegenstrategien entwickelt und erfolgreich umgesetzt werden können, muss erst einmal verstanden werden, wie Spam zustande kommt – und wer vom Geschäft profitiert.

Ganz am Anfang der Spam-Nahrungskette stehen die Adressensammler. Sie setzen so genannte „Harvester“ ein, um das Internet nach E-Mail-Adressen zu durchforsten. Diese „Erntemaschinen“ sind vergleichbar mit Suchrobotern, die auf ihrem Weg durch das Internet bei jeder Wortkombination mit einem @-Zeichen in der Mitte anschlagen. Sie suchen sowohl im World Wide Web als auch in jeder anderen Form der elektronischen Kommunikation: in Newsgroups, Chat-

rooms und Internet-Verzeichnissen. 40 bis 100 Dollar bekommen die Betreiber dann für zehn Millionen Adressen. Mitunter gelangen die Sammler aber auch durch Indiskretion an ihr Rohmaterial. Mitte des Jahres flog ein AOL-Mitarbeiter auf, der im Mai 2003 ganze 92 Millionen E-Mail-Adressen des Internet-Dienstes gestohlen und verkauft hatte. Sein Preis: 100 000 US-Dollar.

Spam-Versender stellen dann die Technik zur Verfügung. Sie betreiben die Infrastruktur für den milliardenfachen Versand des Werbemülls. Zumeist haben sie sich in Länder zurückgezogen, die, anders als die USA oder die meisten europäischen Staaten, keine Anti-Spam-Gesetze anwenden; in Deutschland ist zum Beispiel im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb geregelt, dass Menschen nicht unverlangt mit Werbebotschaften bombardiert werden dürfen.

Vor allem der asiatische Raum gilt als Hochburg für den Versand. Aber auch gekaperte Rechner in allen Teilen der Welt dienen als Relaisstationen: ungeschützte Computer kleiner Unternehmen, aber auch von Privatleuten, die über eine so genannte Flatrate ständig mit dem Internet verbunden sind. Werden diese PCs von einem Spam-Virus befallen, können die Hacker ihn ohne Wissen des Besitzers missbrauchen und ihn innerhalb eines Tausender-Pakets an die Spam-Versender vermieten. Die Zahl der eigentlichen Auftraggeber ist demgegenüber allerdings weit geringer als vielfach angenommen – nur einige hundert Massenmailer, nach jüngsten Schätzungen.

Genauso notwendig für die anhaltende Spam-Welle sind aber auch die Empfänger. Es stört die Spammer nicht, dass mehr als 99 Prozent der Zuschriften unbeachtet gelöscht werden. Denn genau jener Bruchteil eines Prozents reagiert dann auf die Viagra-Annonce oder die Werbung für die Penisverlängerung.

Dass nun die ersten Anti-Spam-Unternehmen glauben, der Zenit der Werbemüll-Zeit sei überschritten, hat vor allem einen Grund: In der Wirtschaft – die die Hauptlast der Spam-Schwemme zu tragen hat – hat man nicht länger auf staatliche Gesetze oder andere Initiativen gewartet. Man hat die Initiative ergriffen und neben den unvermeidlichen Virenscannern und Firewalls eigene Anti-Spam-Programme installiert. Ebenso wirkungsvoll war es, E-Mail-Funktionen wie zum Beispiel die Abwesenheitsnachricht einzuschränken, denn erst über die erfuhren die Spam-Versender zuverlässig, welche E-Mail-Adressen tatsächlich existieren und welche nicht.

Überhaupt besteht vermutlich die einzige Chance, dem weltweiten Werbemüll Einhalt zu gebieten, darin, dass tatsächlich niemand mehr auf die ominösen Angebote der Versender reagiert.

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