BESETZUNGSzettel : Würziger Frühling

Carsten Niemann pflegt christliche Rituale

Carsten Niemann

„Führe mich, Alter, nur immer in deinen geschnörkelten Frühlingsgarten! Noch duftet und taut frisch und gewürzig sein Flor.“ So dichtete ein begeisterter Eduard Mörike, als er auf die Lyrik von Barthold Hinrich Brockes stieß. Und auch der glühende Atheist Arno Schmidt unterstrich diese lobenden Zeilen dick: Seinen Radioessay, der die moderne Wiederentdeckung des tief religiösen Barockdichters begründete, leitete er nämlich mit just diesen Versen ein.

Kein Wunder, dass es eine Vertonung des Passionsoratoriums von Brockes ist, mit der das Konzerthaus am Sonntag das Zeitfenster-Festival eröffnet: Schwerpunktthema der hochkarätig besetzten Biennale für Alte Musik im Konzerthaus werden dieses Jahr bis zum 23. März nämlich christliche Rituale und ihre heutige Bedeutung sein. Telemanns lustvoll ausgemalte Version der „Brockes Passion“ ist die populärste Vertonung des hoch emotional und detailverliebt erzählten Oratorientextes – die Chancen auf einen Brückenschlag stehen also nicht schlecht. Und sollte Brockes würziger Frühlingsgarten trotz allem noch weiteren Düngers bedürfen, dann werden ihn René Jacobs, der RIAS-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik mit Sicherheit zu besorgen wissen.

Konzerthaus Berlin, So 16.3.,

20 Uhr, ab 28 €

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