Zeitung Heute : Besonders Amerikaner mühen sich um die Rettung der totgesagten Kunstform

Christian Blees

Wenn Anthony Tollin von den goldenen Zeiten des US-amerikanischen Rundfunks zu erzählen beginnt, gerät er ins Schwärmen. "Radiohörspiele waren in den 30er, 40er und 50er Jahren die Massenunterhaltung überhaupt", sagt der Fachjournalist. "Wir hatten extrem kreative Leute in diesem Bereich, wie Orson Welles, und jedes Radio-Network hatte damals seine eigenen, populären Hörspiel-Reihen." Doch während der Rest der Welt mit der Entwicklung der Kunstform Hörspiel bis heute weitergemacht habe, sei das Genre seit dem Durchbruch des Fernsehens inzwischen "fast tot" - gäbe es da nicht das Internet.

Hörspielfans jenseits des Atlantiks können von Verhältnissen, wie sie in Deutschland herrschen, nur träumen. Während die Sender der ARD pro Jahr mehrere hundert Neuproduktionen über den Äther schicken, fristet das Genre in den USA ein Schattendasein. Zwar ist die Zahl der Radiosender auf über 12 500 angewachsen, doch erhalten die Stationen des National Public Radio, das dem deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk am nächsten kommt, keine Rundfunkgebühren. Entsprechend knapp ist das Geld für Hörspielproduktionen. So müssen private Schauspieler-Gruppen in die Bresche springen, um das Genre am Leben zu erhalten. "Das Internet ist dabei für uns die vielleicht letzte Chance", befürchtet Craig Wichman aus New York City. Er und sein "Quicksilver Radio Theatre" sind nur eine von mehreren Dutzend Radio-Theatergruppen im ganzen Land, die Hörspiele machen.

Hörernachwuchs züchten

Zwei Stücke pro Jahr inszenieren Wichman und seine Kollegen, meist Adaptionen bekannter Romane wie Frankenstein oder Sherlock Holmes. "Ursprünglich haben wir unsere Produktionen ganz gewöhnlich über einzelne lokale Rundfunkstationen ausstrahlen lassen", erzählt er. "Aber im Laufe der Zeit wurde es immer schwieriger, entsprechende Sendeplätze eingeräumt zu bekommen. So sind wir vor etwa einem Jahr im Zuge der Ausstrahlung unseres Frankenstein-Hörspiels über eine New Yorker Station auf den Gedanken gekommen, es einmal parallel über deren Homepage www.wbaifree.org im Internet zu versuchen."

Dass es nun plötzlich möglich ist, ein weltweites Auditorium für die eigenen Werke zu gewinnen, sei eher ein angenehmer Nebeneffekt: "Viel wichtiger erscheint uns, auf diese Weise innerhalb der USA Hörernachwuchs heranzuzüchten. Denn 90 Prozent aller Fans dieses Genres sind über 60 Jahre alt. Dagegen wissen die wenigsten jungen Leute bei uns, dass es so etwas wie Hörspiele überhaupt gibt," so Wichman.

Indem "Quicksilver" und andere Produzenten ihre Stücke im Internet präsentierten, "kommt der eine oder andere jugendliche Websurfer auf den Geschmack, der per Zufall auf irgendeiner Hörspielseite landet". Die Zahl der Webpages mit entsprechenden Angeboten ist im Laufe der letzten Monate sprunghaft angestiegen. So gibt es neben den "Quicksilver"-Produktionen unter www.protree.com, von der "Atlantic Radio Theatre Company" ( www.artc.org ) oder dem "Seeing Ear Theatre" (SET) regelmäßig Ausstrahlungen im Real Audio-Format - vom letzteren über die Homepage des Science Fiction Channels ( www.scifi.com/set ) sogar einmal pro Woche.

Anlässlich des Halloween-Festes Ende Oktober konnten die SET-Macher mit einer ganz besonderen Attraktion aufwarten: Im Rahmen des vom New Yorker Museum of Television and Radio (MTR) veranstalteten Radio Festivals wurde über die erwähnte Internetseite aus den Räumen des MTR eine live produzierte Wiederaufführung des Hörspiel-Klassikers "Sorry, wrong number" ("Du lebst noch 105 Minuten") aus dem Jahre 1943 ausgestrahlt - gemeinsam mit einer vom SET eigens aus diesem Anlass verfassten Fortsetzung.

Inzwischen haben diese mit viel Liebe zum Detail angefertigten Produktionen bereits einen derartigen Kultstatus erreicht, dass sie seit kurzem durch "Radio Spirits" ( www.radiospirits.com ), den größten kommerziellen Anbieter für Hörspiele den USA, in Form von Kaufcassetten vertrieben werden. Noch umfangreicher als die Zahl der Internet-Seiten mit Real Audio-Hörspieldateien ist die Menge jener Anbieter, die Radio-Dramen zum Download bereithalten ( www.fissiontech.com/otr , http://otr.n3.net und www.goldenageofradio.net ).

Ob "Superman", "Rauchende Colts" im Original oder die vollständige Fassung des Klassikers "The War of the Worlds" ("Krieg der Welten") - für jeden Geschmack ist etwas dabei. "Amerikanische Hörspielfans haben MP3-Dateien bereits zu einer Zeit ins Netz gestellt, als die Diskussion über Musikstücke zum Herunterladen aus dem Internet noch in den Kinderschuhen steckte", sagt Craig Wichman. "Nur hat das außerhalb der Szene selbst bis heute offenbar noch niemand so richtig gemerkt." Die Befürchtung, das Herunterladen eines kompletten Hörspiels sei viel zu zeitaufwendig und damit auch relativ teuer, vermag er nicht zu teilen: "Da es sich in der Regel um halbstündige Serienfolgen aus den 30er bis 50er Jahren handelt, dauert das Kopieren auf die Festplatte pro Titel nur ein paar Minuten."

Dies sieht auch "Radio Spirits"-Geschäftsführer Carl Amari so, der eigenen Angaben zufolge bereits vor mehreren Jahren das Copyright für zahlreiche Radioserien der Golden Days of Radio erworben hat. Hatte Amari angesichts des fröhlichen Treibens der Hörspielfans im Internet bis vor kurzem noch ein Auge zukniffen, will er jetzt juristisch gegen diese vorgehen.

Seit Amari in einem offenen Brief den "Hörspiel-Piraten" den Kampf angesagt hat, tobt auf den Seiten der Hörspiel-Newsgroup www.deja.com sechs Jahrzehnte nach dem "Krieg der Welten" ein Krieg der Weltanschauungen. Wer zu welcher Serie das Copyright besitzt, wie lange dieses gilt und ob derartige Old Time Radio Shows nicht ganz einfach "public domain" sind, mithin frei kopierbare Massenware - all dies wird erbittert im Internet diskutiert. Dabei hat sich die Situation mit der Forderung zahlreicher Fans, "Radio Spirits" im Weihnachtsgeschäft zu boykottieren, dramatisch zugespitzt.

"Wenn es ganz schlimm läuft", resümiert Craig Wichman vom "Quicksilver Radio Theatre", "dann macht Carl Amari erst allen privaten Hörspiel-Homepages den Garaus, bevor er aufgrund des dann wohl vehement einsetzenden Kundenboykotts seinen eigenen Laden dicht machen muss. Das wäre nach dem zaghaften Aufwärtstrend der vergangenen Jahre für alle Hörspielfans hierzulande eine echte Katastrophe.

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