Zeitung Heute : Besser als das schwarze Loch Wie eine 51-jährige Ingenieurin einen Taxibetrieb gegründet hat

Dirk Engelhardt

Dagmar Schultz sitzt in adretter Dienstkleidung am Steuer ihres Taxis und sagt: „Eigentlich ist das ja gar nicht mein Ding.“ Was sie damit meint, ist zum Teil bereits auf den ersten Blick erkennbar. Auf dem tiefschwarzen Lack ihrer Limousine ist mit goldenem Schriftzug „Paradise Cab“ aufgebracht. Dagmar Schutz steuert seit zwei Monaten ihr eigenes original Londoner „Fairway“-Taxi durch Berlin – und das ist auch noch ausgesprochen exotisch dekoriert. Der andere Teil der Erklärung: Dagmar Schultz ist promovierte Ingenieurin und 51 Jahre alt. Jahrelang arbeitete in der Wasserwirtschaft – überwiegend im Bereich Facility Management. Bis sie vor einem Jahr arbeitslos wurde. Ihr Arbeitgeber musste Personal abbauen.

Eine Ahnung, dass die Krise auch ihren Arbeitsplatz treffen könnte, hatte Dagmar Schultz schon länger. Und Gespräche im engsten Bekanntenkreis hatten sie dafür sensibilisiert, dass plötzliche Arbeitslosigkeit nach einem langen Erwerbsleben den Menschen in ein schwarzes Loch stürzen kann. So bereitete Schultz ihre „zweite Karriere“ schon vor ihrer Entlassung vor. Zunächst hoffte sie zwar, ihren Angestelltenstatus aufrecht erhalten zu können. Bei den Bewerbungen erfuhr sie aber schnell, dass nicht allein ihr Alter ein Problem war, sondern zusätzlich auch noch ihre Promotion. Auf Bewerbungsgespräche in ihrem Beruf angesprochen sagt sie: „Ich hatte manchmal den Eindruck, dass die Chefs regelrecht Angst vor meiner Qualifikation hatten – und Angst um ihren eigenen Stuhl.“

So erwies es sich als Glück für die 51-jährige Diplom-Ingenieurin, dass ihr in durch Zufall ein Zeitungs-Artikel über die „Karma-Cabs“ in London die Hände geraten war. Schultz fuhr nach London, guckte sich die exotischen Taxis näher an und beschloss, daraus eine Geschäftsidee für Berlin zu machen. Schnell war der so genannte P-Schein gemacht und ein echtes Londoner Taxi – ausnahmsweise mit Linkssteuer – gekauft, das Schultz dann liebevoll nach fernöstlicher Art dekorierte: Farbige Volants mit Troddeln schmücken die Fensterscheiben, die Sitzbänke sind mit echtem Fell bespannt, und bunte Seidenkissen machen den Fahrgastraum zur Kuschelhöhle. Ihr Sohn, der passenderweise eine Event-Agentur leitet, half der Unternehmensgründerin, einen ansprechenden Werbe-Flyer zu entwerfen und so kostengünstig wie möglich umzusetzen. „Ursprünglich wollte ich mich mit dem Auto fotografieren lassen“, sagt Schultz. Doch ihr Sohn überzeugte sie, dass sich ein junges Model wahrscheinlich besser auf der Hochglanzwerbung mit der noblen Karosse macht. Mit dem Ergebnis sind beide zufrieden: Die Glamour-Fotos zeigen das Taxi neben einer Flughafenrollbahn, bereitgestellt für eine Blondine im Minirock und mit Rollkoffer.

Besonders stolz ist Dagmar Schultz auf die höhere Weihe ihres Gefährts: „Der indische Mönch Sadhu Maharaj hat mein Paradise Cab im Mai persönlich gesegnet“, erzählt Schultz und erwähnt außerdem, dass sie sich schon länger mit Reiki, Massage und fernöstlicher Philosophie beschäftigt. Die exklusive Art der Beförderung hat ihren Preis: Für 100 Euro pro Stunde chauffiert Schultz ( www.paradise-cab.de . 0 63 - 6165686) bis zu fünf Gäste durch Berlin – Räucherstäbchen und indische Musik inklusive. Ihre ersten Gäste waren Hochzeitsgesellschaften und ein Chef, der die Fahrt als Geschenk von der Belegschaft bekommen hatte.

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