Zeitung Heute : Besser als die Bahn erlaubt

Der Tagesspiegel

Billiger? Auch noch um rund die Hälfte? Das hat sie nicht gewusst. „Sonst wäre ich gewiss mit dem anderen Zug gefahren“, sagt die Frau im Regionalexpress der Bahn, die über Berlin nach Frankfurt/Main fährt. „Der andere“ ist der erste private Fernzug auf Deutschlands Schienen im Tagesverkehr. Seit gestern verbindet der „Interconnex“ des französischen Connex-Konzerns einmal am Tag Gera über Berlin mit Rostock. Während die Bahn fü r die Strecke Berlin–Rostock 33,40 Euro von ihren Kunden haben will, verlangt Connex nur 15,35 Euro. Wer an Bord zusätzlichen Service haben will, muss aber mehr bezahlen.

Es gibt drei „Klassen“, die allerdings nicht mehr so heißen. Wer „Business“ fährt, erhält für 10 Euro zusätzlich ein Lunchpaket, in der „Economy“ ist für 2,50 Euro die Reservierung dabei und auch das Servieren am Platz, während im „Traveller“ -Abteil die Plätze für Fahrgäste vorgesehen sind, die ihren Fahrschein erst im Zug kaufen. Ein Rentner aus Gera ist begeistert: „Ein schöner Zug, freundliches Personal und ein günstiger Preis.“ Der gebürtige Rostocker fährt in die alte Heimat. Einfach so, zum Spaß.

Connex setzt Triebwagen der Baureihe „Talent“ ein. Die waren für den Nahverkehr konzipiert worden. Die Ostmecklenburgische Eisenbahngesellschaft (OME) betreibt mit ihnen im Auftrag des Landes mehrere Nahverkehrsstrecken in Mecklenburg-Vorpommern. Zwei der zehn Triebwagen haben nach Angaben von Geschäftsführer Wolf-Rüdiger Kunkel für den Einsatz auf der Fernstrecke aber in allen Bereichen Sitze erhalten wie sie sonst im Nahverkehr nur in der ersten Klasse eingebaut sind. Man sitzt bequem. Die zwei Dieselmotoren im Triebwagen sind kaum zu hören. Das Schaukeln in den Kurven kann aber auch die moderne Technik – ohne Neigeeinrichtung – nicht verhindern.

Henriette Reinhauer kommt damit klar. Sie ist bereits seit längerem als Kundenbetreuerin in den OME-Zügen unterwegs. Auch bei einer „Wackelfahrt“ serviert sie den Gästen im Zug den Kaffee, ohne etwas zu verschütten. „Alles Übungssache.“

Nach Angaben Kunkels war der Zug gestern zu etwa 40 Prozent besetzt. Das ist laut Kalkulation zu wenig. Erst mit 60 Prozent Auslastung fährt der „Interconnex“ kostendeckend. Doch noch ist das neue Angebot nicht überall bekannt. Fahrscheine gibt es nicht am Bahnschalter, sondern im Zug oder per Telefon (0180/510 16 16). Und schon muss das Personal neu berechnet werden. Lediglich ein Kundenbetreuer wird bei einem voll besetzten Zug wohl nicht ausreichen, hat Kunkel bereits gestern erkannt.

Die Bahn hat der neuen Konkurrenz noch keine Service-Offensive entgegengesetzt. In ihrer Regionalbahn (mit ziemlich schmuddligen Sitzen) gibt es zwar auch einen Getränke- und Imbiss-Automat, jedoch einen mit Tücken. Wer dort gestern für einen Kaffee, der einen Euro kosten sollte, zwei Euro einsteckte, erhielt kein Wechselgeld zurück. Der Kundenbetreuer im Zug sagte, er könne nicht helfen, er sei nicht zuständig. Beschweren könnten sich die Fahrgäste ja telefonisch.

Klaus Kurpjuweit

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