Zeitung Heute : Besser als Tango

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Von Malte Oberschelp

Es ist kein Genlabor, es ist eine Fußballfabrik. Und es sind keine Keimzellen, sondern Leder-Eier. Gewissermaßen. Doch diese Fußballfabrik hier, das Adidas-Werk im fränkischen Scheinfeld, wo gerade ein WM-Ball von zwei hydraulischen Stahlhalbkugeln in die Zange genommen und bei 70 Grad Celsius auf vier Bar aufgepumpt wird, die sieht eben aus wie ein Forschungszentrum. Es zischt, Zeiger schlagen aus – anderthalb Minuten später gibt die Maschine eine makellose Kunststoffkugel frei. Ihr : „Fevernova“.

„Es ist schwieriger als man glaubt, etwas Rundes hinzubringen“, sagt Marcus Kürner, der Mann, der „Fevernova“ entwickelt hat. Neben der Fabrik liegt das Testzentrum: eine Halle, voll gestellt mit Fußballtoren, Computern, Lichtschranken und Schussmaschinen. Hier stellen Biomechaniker und Werkstoffwissenschaftler Bälle auf den Prüfstand, testen ihre Flugbahnen und messen die Äquatoriallinien der Prototypen auf den Zehntelmillimeter genau. Aus dem Nachbarraum dringen Geräusche, als wäre ein Hallenteam beim Training: Eine Maschine schießt einen Ball gegen eine Stahlplatte, wieder und wieder. „Wenn ein Ball hier durchkommt, kann man auch mit dem Auto drüberfahren“, sagt Kürner; neben ihm steht eine Kiste mit zu Tode getesteten Probanden. Ohne Luft, mit abgescheuerter Farbe, zerfetzt.

Die Vorgängermodelle aus Leder hätten die Versuche nicht überstanden. Der „Telstar“ aus dem Jahr 1970 etwa, als Adidas mit der Produktion von Weltmeisterschaftsbällen begann. Oder der „Tango“, acht Jahre später beim Turnier in Argentinien. Den letzten WM-Ball, der den Namen Leder noch halbwegs verdiente, holte Toni Schumacher im Finale 1982 drei Mal aus dem Tor des Madrider Bernabeu-Stadions.

Die Frage, wie ein runder Körper aus eckigen Flächen zusammengesetzt werden kann, ist alt. Schon Leonardo da Vinci machte im 15. Jahrhundert Zeichnungen, die das Design eines heutigen Fußballs vorwegnehmen. Die Kombination von 12 Fünfecken und 20 Sechsecken hat sich seither als der Ball der Weisen erwiesen, aber in der Fußballmoderne hat sie die rechteckigen Lederstreifen erst nach der WM 1966 abgelöst, aus denen die Bälle damals noch zusammengenäht wurden.

Etwa 800 Bälle pro Tag werden in Scheinfeld hergestellt und in aller Welt verkauft. Die Adidas-Niederlassung ist der Stolz des kleinen Dorfes im Steigerwald, das vom auch nicht eben weltstädtischen Stammsitz Herzogenaurach 50 Kilometer entfernt ist. Dass zum Beispiel Raúl, der große Stürmer von Real Madrid, zum Maßnehmen seines Fußes hier gewesen ist, scheint unwirklich, ist aber wahr. In den Produktionshallen, wo neben Fußbällen auch die dazugehörigen Schuhe gefertigt werden, hängt überlebensgroß ein Porträt des Firmengründers Adolf Dassler, sorgsam die Schraubstollen prüfend, auf denen 1954 das Wunder von Bern daherkam.

Ein Stockwerk darüber ist im Schauraum reliquiengleich eine Schusterwerkstatt aus der Vorkriegszeit ausgestellt: Gründungsmythos eines Weltkonzerns mit sechs Milliarden Euro Umsatz. Es gibt uralte Rindslederbälle zu sehen und klobige Fußballstiefel aus den 20er Jahren; nebendran steht der Leisten von David Beckham. Fußballerpuppen präsentieren das neue WM-Trikot der deutschen Nationalmannschaft, bei dem es nicht mehr um Schweiß geht, sondern um „verbesserten Flüssigkeitstransport“. In einer Glasvitrine dokumentieren alte WM-Bälle die Entwicklung des Sports: Schon der „Telstar“, der seinen Namen den fernsehfreundlich geschwärzten Fünfecken verdankte, bot einen Vorgeschmack auf das Konglomerat aus Fußball, Verbänden und Fernseh-Anstalten, das Horst, Dasslers Sohn, aufbaute.

Für den „Fevernova“ haben die Designer nun mit dem „Tango“-Muster aus dem Jahr 1978 gebrochen, das jeweils landestypisch modifiziert worden war: 1990 in Italien mit antikisierender Grafik, oder 1998 in den Farben der Trikolore. Nun prangen vier gold-grün-rote Dreiecke auf der Hülle. In Gestalt von Turbinen sollen sie die Wirtschaftskraft der WM-Gastgeber Südkorea und Japan symbolisieren und außerdem an Shuriken erinnern, japanische Ninja-Wurfsterne. „Man muss auch einmal etwas Neues wagen“, sagt Ball-Produktionsleiter Joachim Rduch, die digitale Schublehre in der Hand. Auch vom traditionell weißen Hintergrund der Bälle musste er sich verabschieden, den „Fevernova“ dominiert Silberglanz. Der Ball des neuen Jahrtausends hat Glamour.

Jedenfalls von außen. „Made in Morocco, Engineered in Germany“, steht auf dem Ball – zwar stellt Adidas in Scheinfeld die Einzelteile her und übernimmt die Endverarbeitung, das Rundmachen; zusammengenäht aber wird der Ball zwischendurch von Hand in Fès. „In zehn Jahren wird der Ball nicht mehr handgenäht sein“, prognostiziert Kürner. Schon jetzt denkt er über den WM-Ball 2006 nach. Kürner sagt, dass der Trend zu kleinen, schweren Bällen geht. Nicht noch mehr Speed ist das Ziel, sondern Spin – damit die Freistoßspezialisten den Ball mit mehr Effet um die Mauer zirkeln können. Kürner hat das bereits an seiner Schussmaschine untersucht; dokumentiert von Hochgeschwindigkeitskameras, gegen die Fernseh-Zeitlupen rasend schnell sind.

Doch die Geometrie des Balles wird sich nicht ändern; spätestens seit die Chemie 1985 feststellte – Jahrhunderte nach da Vinci und Jahrzehnte nach den Fußball-Designern –, dass die Natur es genauso macht wie die Angestellten hier in Scheinfeld. Es gibt nämlich ein rundes Kohlenstoffmolekül gleicher Bauart. Aus Fünf- und Sechsecken.

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