Zeitung Heute : „Besser singen lernen“

Die Sportfreunde Stiller sind die deutsche Fußballband schlechthin. Benannt nach ihrem Jugendtrainer, gespalten in der Zuneigung zu beiden Münchner Vereinen, hatten sie bereits vor Jahren angekündigt, einen WM-Song zu schreiben. Und siehe da, das Sportfreunde-Lied „54, 74, 90, 2006“ wird von den Fans in den Stadien fleißig gesungen. Für den Fall des deutschen Ausscheidens haben die drei Münchner eine Überraschung vorbereitet.

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Die WM ist in vollem Gange. Überrascht euch denn die Stimmung, die das ganze Land ergriffen hat?

Peter: Ja, damit konnte man nicht rechnen. Ich habe mich wie ein Schnitzel auf die WM gefreut, aber jetzt hat man wirklich das Gefühl, dass jeder dabei ist.

Flo: Man muss sich nicht mehr verstecken. Ich freue mich, dass die Menschen Farbe bekennen. Das ist in Ordnung, solange das Bewusstsein stimmt.

Also hängen Deutschlandfähnchen am Tourbus?

Flo: Nein, das nicht. Aber ich habe nichts gegen die Fähnchen. Wir sind zum Beispiel vom Flughafen hierher mit einem iranischen Taxifahrer gefahren, der die ganze Zeit bestens gelaunt seine Deutschlandfahne aus dem Fenster gehalten hat.

Rüde: Hingegen befremdet es mich, wenn im Stadion gesungen wird „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“. Da muss ich bei mir erst einmal den Schalter umlegen und mir sagen: „Hey, ist nur Fußball!“ Es ist verständlich, dass man als Deutscher solche Gesänge angesichts der Geschichte hinterfragt.

Ihr habt das Spiel gegen Ekudaor gesehen. Auch von der Euphorie gepackt?

Flo: Die Mannschaft spielt frisch, offensiv, euphorisch. So, wie man sie schon lange nicht gesehen hat. Ich war nach den Vorbereitungsspielen sehr skeptisch. Aber offenbar haben sie zum richtigen Zeitpunkt die richtige Einstellung gefunden. Vor allem unser „Pippo“ Lahm, auch „Wireless Lahm“ genannt, ist ein absoluter Topmann, der zum Star der WM reifen kann.

Wird’s denn diesmal eine Sensation, um die Zeile aus eurem Song „54, 74, 90, 2006“ aufzugreifen?

Rüde: Es ist noch zu früh, davon zu sprechen. Das erste wirklich überzeugende Spiel war Deutschland gegen Polen. Trotzdem: Ich glaube, dass die Weltmeister werden. Und wenn sie’s nicht werden, dann bin ich echt todtraurig.

Flo: Flennst du dann?

Rüde: Klar. Und ich denk dann auch dran, mir ernsthafte Verwundungen beizubringen.

Bleiben wir mal so optimistisch. Wer unterliegt uns im Finale?

Flo: Bis jetzt muss man vor keinem richtig Angst haben. Selbst die Brasilianer haben nur gegen Japan den Zauberfußball gezeigt, den man eigentlich von ihnen gewohnt ist. Argentinien ist äußerst stark, Spanien im ersten Spiel. Aber den leidenschaftlichsten Fußball haben bis jetzt die Deutschen gezeigt.

Und auf den Rängen?

Rüde: Die deutschen Fußballfans sollten an ihren Sangesqualitäten arbeiten. Da bestehen noch viele Möglichkeiten nach oben hin. Ich hab zum Eröffnungsspiel tatsächlich nur Variationen von Deutschlandgesängen gehört und das Ganze auch noch in sehr unmelodiösen Ausrufen. Wenn mal ein sattes „Olé, Olé“ käme und ein Melodiebogen, vielleicht zum Anfang über zwei Takte, dann über vier …

Flo: Ich glaube, das liegt nicht daran, dass die Deutschen zu blöd sind, sondern weil man sich eben nicht dazu befohlen sah, deutschlandaffine Lieder zu komponieren. Die Engländer, die Spanier, die haben grandiose Lieder, die äußerst patriotisch daherkommen. Aber sie haben nun einmal auch nicht die Vergangenheit, mit der wir zu kämpfen haben. Und deswegen fehlt es auch an Songs, die melodiös und schön zu singen sind, weil es das im Prinzip seit dem Zweiten Weltkrieg hier nicht gab.

Rüde: Man ist ja für eine Mannschaft und nicht für ein Land.

Flo: Trotzdem kann man versuchen, mehr Melodie in den deutschen Fangesang zu bringen. Wir haben’s versucht, es könnte klappen.

Wie ist denn die Resonanz auf den Song, wird er gesungen?

Peter: Beim Eröffnungsspiel hab ich’s nicht mitbekommen, aber ich hab viele SMS bekommen, dass in Dortmund tatsächlich das Lied geschmettert wurde. Nach dem Polenspiel hast du es in München im Autokorso und in den Kneipen gehört. Das ist echt unglaublich, dass jetzt in Erfüllung geht, was wir uns seit Jahren erhofft haben. Dass wir einen WM-Song schreiben, der von den Leuten tatsächlich gesungen wird.

Was passiert, wenn Deutschland nicht Weltmeister wird? Gibt es 2010 einen Nachfolgesong?

Peter: Wir haben noch was in der Hinterhand, wenn Deutschland ausscheidet. Darf man aber noch nicht verraten. Aber daran denke ich noch nicht, schließlich sind wir durch dieses Lied so involviert. Nach den Deutschlandspielen steigt das Lied in den Charts immer, und es ist schon komisch zu sehen, wie sich unsere Musik mit der WM verknüpft.

Reagiert ihr allergisch, wenn ein paar Leute sagen, dass ihr nur auf den schon fahrenden Fußballzug aufgesprungen seid?

Peter: Das geht uns am Arsch vorbei, weil wir das seit Jahren gesagt haben, dass wird das machen wollen. Wir haben dabei auch nicht auf den Erfolg geschielt, und genauso wenig ließ es sich ermessen, dass das alles so verläuft, wie es verlaufen ist. Wir hatten großen Spaß beim Schreiben der Fußballplatte, wir sind nun mal Fußballfreaks .

Flo: Man muss unterscheiden zwischen Bands einerseits, die sich als Fußballkenner ausgeben, die St.-Pauli-Shirts tragen und glauben, St. Pauli sei in Berlin, oder andererseits eine Band, die sich nach einem Fußballtrainer benennt, deren Mitglieder seit dem sechsten Lebensjahr im Fußballverein spielen und schon immer fußballaffine Lieder schreiben. Und deswegen stehen wir da überhaupt nicht in Erklärungsschuld und stehen leidenschaftlich hinter dem, was wir getan haben.

Hätte Jürgen Klinsmann nicht schöner formulieren können.

Das Interview führten

Ozan Sakar, Jan-Christoph Poppe und Johannes von Bülow.

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