Zeitung Heute : Besseres Schriftbild macht das Computer-Buch salonfähig

Sabine Siebold

In der Welt von Dick Brass wird es bald keine Zeitungsjungen mehr geben: Über Funk landet die Zeitung im Jahr 2018 stattdessen allnächtlich auf dem Computer, wo sie sich zu einer gut sortierten Bibliothek von ungefähr einer Million Büchern gesellt. Brass Augen funkeln, wenn er auf der Frankfurter Buchmesse von seiner schönen neuen Welt schwärmt - und er tut einiges, um sie wahr werden zu lassen. Brass ist Vize-Präsident der Entwicklungsabteilung des Software-Giganten Microsoft, der das Computer-Buch salonfähig machen will. Anfang 2000 soll ein Programm zum Bücherlesen auf herkömmlichen Computern auf den Markt kommen.

Derzeit ist die Software noch in der Entwicklung, aber das größte Problem hat Microsoft schon gelöst: Die Microsoft-Schrift ist laut Brass 300 Prozent klarer als bei gewöhnlicher Software, das augenverzerrende Flimmern kaum noch wahrnehmbar. "Das ist doch die Voraussetzung für alles: Wer würde denn ein hässliches Buch kaufen?" fragt Brass.

Tatsächlich sollen Computer-Bücher, die im Internet oder als CD-ROM im Laden angeboten werden, auch etwas fürs Auge hermachen: Wer seinem Rilke im Computer frönt, stößt zunächst wie gewohnt auf die gestaltete Titelseite, der Text steht dann im Buchformat auf schwarzem Hintergrund. Die sonst bei Microsoft übliche Befehlsleiste fehlt.

Was aber sollte den Leser dazu bringen, statt eines Buches aus Papier und Druckerfarbe einen Plastik-Computer im Einheits-look zum Schmökern mit ins Bett zu nehmen? Brass strahlt siegessicher: Der Preis natürlich. "Sie zahlen für Papier, sie zahlen für Tinte, den Transport, die zurückgehenden Exemplare. Wenn ein Buch jetzt 30 Dollar kostet, ist es auf dem Computer vielleicht für fünf Dollar zu haben", kündigt Dick Brass an.

Das Computer-Buch werde einen wahren Leseboom auslösen: Künftig werde jeder Bildung bezahlen können. Jedes Dorf in der Dritten Welt werde sich eine Bibliothek leisten können, der Analphabetismus werde zurückgedrängt werden. Auch das Verlegen von Büchern werde mit der Software weit billiger: Schließlich fielen die meisten Produktionskosten weg, der Autor könne sein Werk sogar ohne Verlag einfach ins Internet stellen.

Dem herkömmlichen Buch sagt Brass für die Zukunft ein Nischendasein voraus: Mit der Erfindung des Autos seien die Pferde schließlich auch nicht ausgestorben. Papierene Bücher würden auch in Zukunft um des reinen Vergnügens willen, von Sammlern und Kunstliebhabern gekauft werden. Aber der größte Teil der Literatur werde auf Computern zu finden sein. Schon in 20 Jahren werde das Wort Buch nicht mehr für das Buch an sich stehen, sondern hauptsächlich für einen schriftstellerischen oder fachlichen Inhalt, der sich entweder auf dem Computer oder eben zwischen zwei Buchdeckeln finde.

Brass selbst bevorzugt seinen handtellergroßen Mini-Computer - auch im Bett. "Damit störe ich meine Frau abends nicht: Schließlich muss ich fürs Lesen auf dem Computer das Licht nicht anknipsen - der Monitor ist von hinten beleuchtet."

Bei der Hardware könnte sich vielleicht noch etwas tun: Ein Computer, der sich anfühle wie Papier - das hätte schon was, gibt Dik Brass zu. Aber Microsoft ist nur für die Software zuständig, das Material ist Sache von Firmen wie SoftBook, die Winzlingscomputer nur zum Lesen entwickeln. Und schließlich ist der gute, alte Plastik-Computer für die meisten Gelegenheiten doch ausreichend.

Für die Oper, zum Beispiel, wie Brass gesteht: "Wenn mich meine Frau in die Oper schleppt, hab ich jetzt wenigstens was Gutes zu lesen. Und ich meine nicht das Libretto."

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