Bestattung : Mein Freund, der Wald

Bestattungswald, was ist denn das? Bisher hatte unser Kolumnist Helmut Schümann das Wort noch nicht gehört. Jetzt ist er schlauer. Und wundert sich trotzdem.

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Man lernt auch im Alter nie aus. Sondern immer noch etwas hinzu. Zum Beispiel den Begriff Bestattungswald. Ich habe das Wort noch nie gehört, dabei gibt es in Deutschland schon 100 Bestattungswälder. Für einen Menschen, der die späten siebziger und frühen achtziger Jahre schon bewusst erlebt hat, bekommt das Waldsterben plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Der Wald liegt gar nicht mehr im Sterben, der ist schon tot und sogar schon bestattet. So etwa. Dazu singt Alexandra: „Mein Freund, der Baum, ist tot ...“ Das ist aber die falsche Assoziation. Der Bestattungswald ist nämlich gar nicht tot. Der heißt nur so, weil man sich in ihm, wenn es dann endgültig vorbei ist und der vormalig lebende Mensch zu einem Häuflein Asche zusammengekrümelt ist, bestatten lassen kann. Unter Wurzeln eines Baumes, naturbelassen, erdverbunden, in freier Wildbahn. Und so ein Terrain erhält jetzt als letztes Bundesland auch Sachsen. Der Landkreis Leipzig genehmigte den Antrag, kann ja nicht jeder einfach so in irgendeinen Wald gehen und sich unter die Wurzeln eines Baumes graben.

Der neue Bestattungswald wird in der Gemeinde Bennewitz bei Wurzen sein. Bennewitz bei Wurzen, das klingt ein bisschen so, als wolle man dort nicht tot über dem Zaun hängen. Aber das tut Bennewitz Unrecht.

Durch Bennewitz verläuft zum Beispiel die B 6 auf der West-Ost-Achse, und weil Bennewitz auch eine Nord-Süd-Achse hat, führt auf dieser die B 107 durch den Ort. Und immerhin gibt es im Ort das Hannelore-Kohl-Haus. Die Bennewitzer haben zweifellos ein Faible für Bindestriche. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in Bennewitz auf der B 6 und der B 107 ein Schild den Weg zum Bestattungswald weist. Unumstritten ist er aber nicht. Forstwissenschaftler befürchten Schadstoffanreicherungen im Wald, weiß man’s, ob der zur Asche zuvor zugehörige Mensch ein unschädliches und untadeliges Leben geführt hat? Und auch die Kirchen nehmen die Waldbestattung zwar hin, sehen sie aber sehr kritisch. Sie fürchten Esoterik im Wald. Dass die Kirche Esoterik fürchtet, mag überraschen. Einleuchtender ist schon der andere Grund: Pantheismus. Der sagt, dass Gott in allen Dingen ist, auch im Waldboden. Das will die Kirche nicht hinnehmen, weil Gott einmalig ist und ganz woanders wohnt als im Wald. An Bennewitz bei Wurzen ist aber die Kritik abgeprallt. Im Sommer wird der Bestattungswald eröffnet. Vielleicht klingt Alexandra dazu.

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