Zeitung Heute : Bestechende Dynamik

In Kantabrien wartete man bis vor kurzem nicht auf Godot, sondern darauf, die berühmten Felsmalereien von Altamira sehen zu können. Etwa drei Jahre musste man sich schriftlich voranmelden, um in das Innere der Höhle vordringen zu dürfen, die nach Expertenmeinung die "Sixtinische Kapelle" des Quartärs in sich birgt. 15 000 Jahre alte Abbildungen von Bisons, Pferden, Hirschen, Händen und geheimnisvollen Zeichen, die auf die Felswände geritzt und gemalt wurden, zogen die Besucher in ihren Bann, die die lange Wartezeit in Kauf nahmen.

In diesem Sommer nun eröffnete das spanische Königspaar in Santillana del Mar (Kantabrien) nach vierjähriger Bauzeit eine exakte Replik der Originalhöhle, die "Neocueva" oder Neue Höhle sowie das Nationale Forschungszentrum von Altamira.

Die Höhle von Altamira wurde im Jahr 1879 von Marcelino Sanz de Sautuola unter einem Hügel in nur zwei Kilometer Entfernung von Santillana del Mar entdeckt. Die Entdeckung der Höhle vor 120 Jahren entfachte unter den Archäologen großen Streit über die Echtheit der Höhlenzeichnungen. Es war unvorstellbar, dass Menschen aus der Vorgeschichte solch perfekte Zeichnungen angefertigt haben konnten.

Der Eingang der Höhle war bis zu seiner Entdeckung wegen eines Einsturzes, der vor 13 000 Jahren stattgefunden hat, versperrt. Im Inneren der Höhle setzt vor allem ein mehrfarbiger Saal, die so genannte Sixtinische Kapelle, die Besucher in Staunen. An seiner Decke sind fast 100 Tiere und Zeichen zu sehen. Besonders bemerkenswert sind 21 Bisons, die stehend, springend oder liegend dargestellt sind. Sie werden von Pferden, Wildschweinen und Stieren begleitet. Die Bilder, die vor rund 14 000 Jahren entstanden sind, bestechen durch ihre Dynamik. Der Bewegungsfluss verleiht den Malereien den Eindruck eines Gesamtkunstwerks. Die Künstler verwandten unterschiedliche Techniken und Materialien: Die Tierfiguren wurden mit rötlichen Ockerfarben ausgemalt, die Konturen mit Holzkohle ausgezogen. Die größte Tierdarstellung ist die "Große Hirschkuh" mit einer Länge von 2,25 Metern. Das Deckenrelief wurde genutzt, um einen größeren Realismus zu erzielen. Das ist charakteristisch für diesen Maler von Altamira. Insgesamt sind auf einer Gesamtlänge von 270 Metern zahlreiche Gravuren auf den Höhlenwänden zu sehen, von denen einige sogar älter als 20 000 Jahre sind.

Der Besuch der Originalhöhle von Altamira ist aus Konservierungsgründen auf 9000 Besucher pro Jahr beschränkt. Ihre Besichtigung ist nach schriftlicher Anmeldung jedoch weiterhin möglich. Eine originalgetreue Abbildung der faszinierenden Höhlenmalereien ohne Wartezeit ist nun in der Neuen Höhle zu sehen. Die täuschend echte Kopie wurde von Matilde Múzquiz und Pedro Saura aus Kalksteinpulver und Polyesterharzen gefertigt.

In der ständigen Ausstellung des angeschlossenen "Nationalen Museums und Forschungszentrums Altamira", das von dem Architekten Juan Navarro Baldeweg entworfen wurde, können sich die Besucher über die Vorgeschichte auf der Iberischen Halbinsel informieren. Dem Publikum werden Instrumente und Methoden der prähistorischen Archäologie aufgezeigt. Tsp

Museo Nacional y Centro de Investigación de Altamira, 39330 Santillana del Mar, Kantabrien; Telefon: 00 34 / 942 / 81 88 15; Telefax: 00 34 / 942 / 84 01 57; im Internet unter: www.mcu.es/nmuseos/altamira

Öffnungszeiten des Museums: Sommer (Juni bis September) dienstags bis sonnabends von 9 Uhr 30 bis 19 Uhr 30, sonn- und feiertags von 9 Uhr 30 bis 17Uhr; im Winter (Oktober bis Mai) dienstags bis sonntags von 9 Uhr 30 bis 17 Uhr; Eintritt: Erwachsene: 400 Peseten Kinder unter 18 Jahren: kostenlos

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