Zeitung Heute : Bestimmung: Chaos

Peter Köhler

Ein richtiges Mannsbild soll stark, selbstbewusst und dominant sein. Erling Fall ist all das nicht. Er ist unsicher, passiv, voller Selbstzweifel und muss sich eingestehen, das zu sein, was er an manchen Abenden in einem Quartett mit Freunden und Verwandten spielt: die zweite Geige. Immer wieder ließ er sich führen von Freunden, von seiner Mutter, von seiner Frau. Als sie ihn verlässt und obendrein anzeigt, weil er gedroht haben soll, sie umzubringen, glaubt der Amtsrichter Fall, der sein Leben immer in wohlgeordneten Bahnen, brav in Übereinstimmung mit den Regeln der Gesellschaft führen wollte, sich am Ende.

Ein Anfall von Verrücktheit

Tatsächlich fängt er damit erst an, der lange, quälende und faszinierende Weg zur Selbstfindung, zur Befreiung, zur Verwandlung womöglich, von dem der Norweger Ketil Bjørnstad erzählt. Er führt Erling Fall im Gefolge eines alten Schulfreundes, der es zu Reichtum und Ansehen gebracht hat, auf einen Achttausender im Himalaya, und später, nach diesem "Anfall männlicher Verrücktheit", als erfolgreichen Geschäftsmann ins Ausland. Die Erinnerung an seine Frau scheint er endgültig abgestreift zu haben, als er eine chinesische Schriftstellerin heiratet und mit ihr nach Paris zieht.

Zunächst mag dieser verspätete Erziehungsroman insofern, als er typische Männererwartungen erfüllt, trivial wirken. Doch das trügt schon deshalb, weil sich das eigentliche Drama unter der Oberfläche abspielt: das Drama eines Menschen, der sich selbst nicht kennt, deshalb andere braucht, und dessen Weg zur Selbständigkeit wiederum gepflastert ist mit Abhängigkeit.

Zuerst von jenem übermächtigen Freund, der ihm zum Vorbild wird. Dann von jener Chinesin, weil seine Bewunderung für die schöne und gebildete Frau sich in Unterwerfung zu verwandeln droht. Die eigentliche Krisis steht Erling Fall deshalb noch bevor. Der Tod, der Erlings Träume prägt, dem er im Himalaya begegnet, als ein Mitglied des Teams abstürzt, der ihn symbolisch beschäftigt, weil es ihn nach Tötung seiner eigenen Vergangenheit drängt, der Tod also scheint die männlich starke Lösung zu sein, als Erling seine Frau der Untreue verdächtigt und erneut befürchten muss, verlassen zu werden.

Ketil Bjørnstad, der in Deutschland mit Künstlerbiografien über Edvard Grieg und Edvard Munch hervortrat und - mit über 30 Platten - einen Ruf als Jazzpianist hat, erzählt eine Geschichte mit ungewissem Ausgang. Ebenso meisterlich, wie Ketil Bjørnstad alles in der Schwebe lässt, versteht er sich auf die psychologische Feinzeichnung eines Charakters: Im Drama einer männlichen Selbsterforschung spiegelt sich beispielhaft der Konflikt von Individuum und Gesellschaft, von Anpassung und Selbstbestimmung, Rollenspiel und wahrem Selbst.

Erling Fall wollte es immer den anderen recht machen: seiner Familie, deren Juristentradition er fortsetzte, indem er Richter wurde. Seiner Frau, die zwei Kinder in die Ehe einbrachte und der zuliebe er sich sogar sterilisieren ließ: "Er war immer von dem starken Wunsch beseelt gewesen, sich einzuordnen, das System zu akzeptieren, alles das, was sich die Menschen an Regeln, Ordnungen und Vorschriften ausgedacht hatten, all das, was man eine Gesellschaft nannte." Erst allmählich begreift er, dass Regeln auch deshalb notwendig sind, damit man gegen sie verstoßen kann, und reichlich verblüfft erkennt der solide Erling Fall, als er die ausgetretenen Bahnen seines Lebens verlässt und nicht mehr wie vorgeschrieben funktioniert: "Im tiefsten Innern war er für das Chaos geschaffen." Inwieweit man sich freilich wirklich ändern kann, ob manches dabei nicht nur grobe Selbsttäuschung ist, und welchen Preis man dafür am Ende zahlt, bleibt offen.

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