Zeitung Heute : Besuch ausführen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Besuch ist wie Fisch, sagt ein Sprichwort. Nach drei Tagen muss er weg, sonst fängt er an zu stinken. Das ist natürlich nur sinnbildlich gemeint. Eigentlich muss es heißen: …sonst will er ins Kino. Motto: Der Worte sind genug gewechselt.

So ging es mir neulich mit meinem Besuch aus Norddeutschland. Und wohin geht man mit Besuchern? Zum Potsdamer Platz natürlich. Da stehen zwar auch nur Cinemaxxe rum, wie in jeder besseren Kleinstadt, aber drumherum die Häuser, die sind neuer, höher, teurer als alles zusammen, was bessere Kleinstädte zu bieten haben. Am Potsdamer Platz, da wird man dem Besucher ein finales Anerkennungsseufzen entlocken.

Wir waren früh da, damit es keinen Stress gibt mit den Karten. Die Zeit bis zum Film überbrückten wir im Cinemaxx-Café, wo man draußen sitzt und die Sonne sich beim Untergehen in den gläsernen Fassaden spiegelt. Die Kellnerin kam an unseren Tisch und ging gleich wieder weg, ohne ein Wort. Dann kam sie wieder und sagte, dass die Batterie in ihrem Auftragserfassungscomputer alle war. Ach so. Wir bestellten zwei kleine Bier und aus der Snack-Karte zwei Sandwiches. Ich freute mich auf Thunfisch und wurde bitter enttäuscht: Wie er aus der Dose kam, wurde er aufs labbrige Brot gepatscht, und auch das nur zur Hälfte, den Rest bedeckte eine Tomatenscheibe. Der Gast mümmelte klaglos ein trockenes Käsesandwich.

Ich fühlte mich ein bisschen schuldig. Berlin gegenüber, weil ich nicht möchte, dass Leute denken, wir würden hier nur labbrige Sandwiches haben, und dem Gast gegenüber, weil ich ihm nichts Ordentliches zu essen bieten konnte. Ich blickte umher und sah Mädchen auf viel zu hohen Schuhen, ältere Damen mit viel zu engen Stretchblusen und Männer in Hosen, die vorne Jeans hatten und hinten Cord oder umgekehrt. „Alles Touristen“, sagte ich. Ein Mann kam an unseren Tisch und riss einen Stuhl weg: „Kannick den ha’m?“

Wir zahlten einen astronomischen Preis, der aus dem faden Sandwich eine Frechheit machte, und setzten uns ins Kino1, in dem uns sofort die Finger- und Nasenspitzen abfroren, weil die Klimaanlage aus vollen Rohren blies. Ich fragte im Foyer nach wärmerer Luft und bekam Bescheid, dass der Techniker Feierabend habe.

Der Film, den der Gast ausgesucht hatte, zeigt zwei kybernetische Organismen, die mit reglosen Gesichtern die Welt zerstören oder retten wollen, und die beste Szene ist, als der männliche Organismus gegen ein Feuerwehrauto geschleudert wird und die Feuerwehrleute rauswirft mit den Worten: I drive.

Nach dem Kino gingen wir durch die Arkaden, deren Läden alle verschlossen waren, zur Karoshi-Bar. Die Musik war laut und hinter der Bar standen junge Mädchen in sündigen Outfits, die ihren Gästen sehr tief in die Augen blickten. Ich bekam Kopfweh und ein schlechtes Gewissen. Mein armer Gast. Nie wieder, schwor ich, werde ich Besuch zum Potsdamer Platz schleppen. Und was sagte der Gast? „Das war doch nochmal ein richtig schöner Abend.“ So ein Fischkopp.

Womöglich kann man den Potsdamer Platz doch empfehlen. Besuchern aus dem Norden jedenfalls.

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