Besuch bei Cees Nooteboom : Reisen ist eine Sucht

Cees Nooteboom wohnt inmitten eines Idylls. Keine zehn Gehminuten vom betriebsamen, baustellenumsäumten Amsterdamer Zentralbahnhof entfernt, steht sein Haus in einer kleinen, verkehrsberuhigten Straße. Auf den Kanälen schippern an diesem sonnigen Mittwochnachmittag die Sightseeingboote, die Grachtenanwohner haben zum Kaffee Stühle und Tische vor ihre Häuser gestellt, und in so manchem Schaufenster bereiten sich die ersten Prostituierten auf eine lange Nacht vor.

Amsterdam ist an so einem Tag, gerade in den ringförmig um die Grachten angelegten Straßen wie Singel und Herengracht und allen Coffeeshops, Bordellen und Spielhöllen zum Trotz, dermaßen dörflich-pittoresk, dass es jedes Postkartenklischee geradezu übererfüllt. Doch bei aller Schönheit löst diese Enge auch spontane Fluchtreflexe aus. Kein Wunder, könnte man denken, dass ein Schriftsteller wie Cees Nooteboom, der seit über fünfzig Jahren rastlos in der Welt umherschweift, es hier nicht lange aushält. Nooteboom schaut skeptisch bei der Schilderung dieses Eindrucks und schüttelt den Kopf: „Amsterdam ist eine wunderbare Stadt. Ich fühle mich hier wohl. Doch man muss auch loslassen können. Das Reisen ist nun einmal meine Lebensform.“

Und schließlich trieb es den 1933 in Den Haag geborenen Nooteboom schon früh in die Welt. Anfang der fünfziger Jahre, nachdem er aus diversen Internaten herausgeflogen war, unternahm er seine erste Reise ins Ausland, mit dem Fahrrad von Hilversum nach Belgien und Luxemburg: „Während jener Reise erlebte ich (…) eine erste Konfrontation mit dem anderen, eine Konfrontation, die ich für den Rest meines Lebens unaufhörlich weiter suchen sollte“, schreibt Nooteboom in seinem im letzten Jahr veröffentlichten Erinnerungsbuch „Roter Regen“ und schildert die Faszination, die Grenzen und fremde Sprachen damals auf ihn ausübten. „Auf dieser Reise muß sie begonnen haben, die Sucht, die mich nie mehr loslassen sollte“.

Welche Sucht genau, die des Reisens oder die des Schreibens, präzisiert Nooteboom an dieser Stelle nicht weiter. Doch muss er das auch nicht: Reisen und Schreiben ist für Nooteboom schnell eins geworden, spätestens als er sich 1957 in ein Mädchen aus Surinam verliebte, ihretwegen als Matrose auf einem Schiff anheuerte und bei dieser Reise nach Surinam auch im Auftrag einer holländischen Zeitung unterwegs war. Als Reisender ist Cees Nooteboom stets auch Schreibender. Und ein Betrachter, der unentwegt das Gefühl hat, etwas bewahren zu müssen und das schreibend tut. Und als Schreibender, als Erzähler ist er immer ein Reisender. Davon zeugen nicht nur seine vielen Reiseerzählungen, sondern auch die Helden seiner Romane, die letztlich seine Reisen unternehmen: vom jungen Philip aus Nootebooms Romandebüt „Philip und die anderen“ von 1955, der auf der Suche nach einem traumhaften chinesischen Mädchen ist. Bis zu dem Literaturkritiker Erik Zondag aus seinem letzten, 2005 erschienenen Roman „Paradies verloren“, der sich in Australien auf den Traumpfaden der Aborigines bewegt. „Ich wusste damals, dass ich unbedingt weg wollte“, sagt er heute, „und dass ich schreiben wollte. Beides konnte ich damals schön kombinieren“. Nooteboom verkörpert dieses ständige Unterwegs- und gleichzeitig Schreiberdasein auch bei sich daheim in Amsterdam ganz gut, eigentlich hat er für ein Interview kaum Zeit. Gerade zurück von einer Lesereise in Deutschland und der Schweiz, ist Amsterdam nur Zwischenstopp auf einer Reise nach Brasilien, er hat eine Einladung zu einem Literaturfestival in Salvador da Bahia. Und von dort geht es für ihn dann auf die spanische Baleareninsel Menorca, wo er ein Bauernhaus besitzt und regelmäßig die Sommermonate verbringt.

Doch muss er auch neue Buchausgaben vorbereiten und Manuskripte suchen – für die deutsche Taschenbuchausgabe seiner Reisegeschichten. Und für ein Buch, das in den Niederlanden erscheint, mit Essays und Prosa, die bislang nur in deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen erschienen sind. Die Zeit also ist knapp, wenngleich Cees Nooteboom ohne Bedenken davon profitiert, dass das Reisen schneller und unkomplizierter geworden ist. Nooteboom ist in dieser Beziehung kein Dogmatiker, kein Kulturpessimist, sondern praktisch veranlagt. In „Roter Regen“ singt er ein Loblied auf das „Round-the-world-ticket“, das für ihn „die größte Versuchung des modernen Reisenden darstellt, der sich der Tyrannei der Zeit nicht unterwerfen will. Ich reihe frühere und spätere Reisen aneinander und kümmere mich nicht mehr um den Zwang von Zeit und Reihenfolge“.

Trotzdem vertritt er den Standpunkt, dass trotz Globalisierung und überbordenden Flugverkehr die Welt nicht kleiner und uninteressanter geworden ist. Im Gegenteil: „Sie ist unendlich viel größer, als man denkt“, so Nooteboom. „Natürlich sind sie mit dem Flugzeug in weniger als einem Tag und einer Nacht in Argentinien oder in Australien. Aber sie sind deshalb noch lange nicht angekommen. Fahren sie vom Flughafen zu einem Busbahnhof und nehmen sie einen Bus ins Land, dann merken sie, wie groß Argentinien oder Australien sind. Laufen Sie einmal nach Santiago de Compostela! Das dauert Wochen, da erfahren sie, wie groß die Welt ist, da bekommen sie ein neues Zeitmaß. Wenn man herumtrampt und sich Zeit nimmt, dann spürt man, was Abstände bedeuten.“

Das Reisen ist für Nooteboom so auch mit einem anderen Zeiterleben verbunden. Er kennt Gleichzeitigkeiten, Mehrzeitigkeiten und das Erfahren von zirkulärer Zeit, für ihn spiegeln sich an historischen Orten frühere Zeiten und Kulturen. Und für ihn besteht wie für einen seiner Romanhelden vor allem „Zeit aus Geschichte“. Wobei Nooteboom oft das Glück hatte, bei historischen Umwälzungen dabei gewesen zu sein: 1956 in Ungarn, 1968 in Paris, 1989 in Berlin, wo er sich mit einem Daad-Stipendium ein Jahr lang aufhielt.

Dass ein Zeitenwanderer wie er es sich nicht versagen konnte, auf der Südseeinsel Tonga die Zeit einmal ganz praktisch zu überlisten, versteht sich da fast von selbst. Auf einem zweistündigen Flug von den Fidschi-Inseln nach Tonga überflog er die Datumsgrenze und landete im Gestern: „Unverhofft hat einem das Leben einen ganzen Tag geschenkt, man ist räumlich vor-, zeitlich jedoch zurückgereist und hat sich so einen der schönsten Träume der Menschheit erfüllt (...) Vielleicht war ich deshalb so glücklich in Tonga“.

Allerdings reagiert Nooteboom etwas mürrisch, befragt man ihn nach diesen Experimenten mit der Zeit: „Zeit ist eine Fiktion, eigentlich gibt es sie nicht. Zeit ist etwas, das wir erfunden haben. Sie ist eine Erfahrung, das Erfahren unterschiedlicher Abstände und Einheiten. Aber hören Sie, das wird jetzt aber doch sehr philosophisch!“ Sanfter und offener ist er dagegen in Bezug auf sein Alter. Angst davor habe er nicht, auch nicht davor, einmal nicht mehr reisen zu können: „Wenn es aufhört, hört es auf. Ich kann mir dann sagen: Ich habe das gemacht, was ich immer machen wollte.“ Er sagt aber auch: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwann der Augenblick kommt, wo ich so etwas nicht mehr mache, weiß aber gleichzeitig, dass er kommen wird, nur jetzt noch nicht, und diesen Satz kann ich mir noch lange vorsagen.“

Es liest sich bisweilen unspektakulär, was Nooteboom erlebt und dann niederschreibt. Ob das nun im nördlichsten Norwegen ist („Den ersten Blick auf Spitzbergen werfe ich aus der Luft, und ich sehe, was Barents sah: spitze Berge.“) oder auf Mauritius. („Ich flog an einem Silvesterabend dorthin, irgendwo über dem Sudan sagte der Kapitän, das neue Jahr sei da, es gab Champagner, dann las ich weiter.“) Wirklich anders, wirklich intensiv schauend erscheint das zunächst nicht. Nooteboom kennt auch die Hot Spots des Tourismus und ist vermutlich nicht „nur auf meine Weise unterwegs, in kleinen Hotels, auf eigene Faust“.

Es überwiegt dann jedoch eine sehr gelungene Mischung aus Tagebuch und Nahaufnahme, aus Reportage und politischer Betrachtung, mit plötzlichen Entdeckungen und regelmäßig wiederkehrenden historischen Exkursen. Und natürlich vielen Meditationen darüber, was Reisen bedeutet. Sei es, dass es für ihn „zu einer Art angenehmer Leere“ geworden ist, „einem Zustand der Schwerelosigkeit, in dem man nicht alle Aktualität für sich selbst verliert, aber doch vieles erlassen bekommt – man treibt in fremden Gebiet, sieht, schaut, sieht, hinterläßt hier und da einen Ritz in der unverletzten Oberfläche, verschwindet wieder und kehrt leerer zurück, freilich auch mit Worten.“ Oder sei es, dass man Reisen „lernen muß, eine fortwährende Interaktion mit anderen, während man gleichzeitig immer allein ist.“

Wie mit seinen Reisegeschichten geht es einem auch mit der Person Nootebooms: Er sitzt zufrieden auf dem großen Sofa im ersten Stock seines Hauses, das er mit seiner zweiten Frau, der Fotografin Simone Sassen bewohnt, gewandet in einen knallblauen Pullover und eine helle Hose, und macht zunächst den Eindruck, das Gespräch am liebsten so vor sich hin plätschern zu lassen. Er wirbt gern in eigener Sache und erklärt die Covergestaltung seiner Reisebücher. Oder er beklagt sich über die mangelnde Resonanz auf „Roter Regen“ in Deutschland. Wobei dieses Buch tatsächlich mehr enthält als nur „leichte Geschichten“, wie es im Untertitel heißt: Es ist ein schönes Erinnerungsbuch, eine kleine Autobiografie, eine Art Quintessenz seiner Reisebücher mit Gedanken über das Reisen genauso wie über das Alter. Dessen Eigentümlichkeit sei es zum Beispiel, „daß fast alles eine Erinnerung hervorruft“.

Offensichtlich wappnet sich Nooteboom an diesem Nachmittag gegen die ihm tausendfach gestellte Frage, warum er so viel reise. Und erklärt dann doch engagiert, konfrontiert mit einem Satz Heimito von Doderers, beim Reisen gehe es um die Loslösung vom Pfahl des eigenen Ichs, dass das für ihn nicht zutreffe: „Beim Reisen bin ich vor allem bei mir selbst. Man spürt dabei, wie man andere Menschen braucht, um sich nicht immer mit sich selbst, seinem eigenen Ich konfrontieren zu müssen. Es ist gibt da einen Unterschied: Zu merken, dass man ein Ich ist, wie auf Reisen, oder es einfach zu sein, wie im Alltag.“ Und er erzählt, was es für ein Glück sei, beim Reisen von einem Tag auf den anderen in einer anderen Welt in ein anderes Leben eintauchen zu können und sich „der Illusion hingeben zu können, man hätte mehrere Leben und das eigene dauere vielleicht auch länger.“

Einen Überdruss am Reisen, das betont Nooteboom, kenne er überhaupt nicht. „Ich freue mich jetzt auf Brasilien und bedauere, dass ich dort nicht länger sein kann. Denn ich muss nach Menorca und ein Buch mit Kurzgeschichten zu Ende schreiben.“ Dann spricht er noch von einer Einladung nach Australien im nächsten Jahr und dass er da auch wieder Japan „dazunehmen“ werde, „wo wir ein weiteres Mal die 33-Tempel-Wanderung machen wollen. Darüber soll es auch ein Buch von mir und meiner Frau geben“. Und er verabschiedet sich mit dem Hinweis auf ein eventuelles Wiedersehen – im Herbst ist Nooteboom auf Einladung der nordrhein-westfälischen Landesvertretung für drei Monate in Berlin.

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