Zeitung Heute : Besuch bei der Dicken

Wie der Strom aus dem Windrad in die Steckdose kommt

Dennis Kremer

Sie nennen sie auch die Dicke, dabei ist sie die Größte. In 124 Metern Höhe tanzen ihre Rotorblätter am Himmel leicht und geräuschlos. Damit überragt sie all ihre Nachbarinnen um Längen. Nichts deutet darauf hin, dass ihr Leib fast vollständig aus Stahl besteht, nichts darauf, dass in ihrem Innersten ein Generator tickt, der Strom erzeugt – 4,5 Megawatt Leistung und damit so viel wie keine andere ihrer Art. Die E-112 ist die größte und leistungsfähigste Windkraftanlage der Welt und vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie seit 2002 in einem Windpark in Egeln steht – einer Gemeinde in der Nähe von Magdeburg mit 3500 Einwohnern.

Denn auffallen darf die Dicke nicht. Die E- 112 ist ein Prototyp – und seit es beim deutschen Marktführer Enercon vor Jahren einen Fall von Wirtschaftsspionage gegeben hat, ist vor allem der Bauch Sperrzone.

Die Vorsicht ist gerechtfertigt: Im Innern der E-112 steckt Hochtechnologie. Martin Hoppe-Klipper vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) der Universität Kassel sieht den Unterschied zu anderen Anlagen in ihrem Multipol-Generator, der ohne Getriebe arbeitet. Das bedeutet: In der Anlage befinden sich kaum bewegliche Teile. Ein schneller Verschleiß – eines der größten Probleme bei herkömmlichen Windanlagen – ist damit ausgeschlossen. Der gravierende Nachteil ist das Gewicht. Der Generator ist schwerer als üblich und stellt damit höhere Anforderungen an die Statik.

Die Anlage muss einiges aushalten, denn über Egeln fegt der Wind manchmal mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern in der Stunde hinweg. Dann drehen sich die Rotorblätter besonders schnell – und nur dank des Multipol-Generators lässt sich der erzeugte Strom ohne viel Energieverlust ins Netz weiterleiten. Ein Transformator, der am Boden der Anlage steht, bringt den Strom auf die übliche Netzspannung von 220 Volt herunter und leitet ihn weiter zu den Netzen der Energieversorger. Die Leistungsfähigkeit der E-112 lässt sich Enercon einiges kosten: 4,5 Millionen Euro hat allein der Bau des Prototyps verschlungen.

„Damit könnte sich die Branche ins eigene Fleisch schneiden“, vermutet Hoppe-Klipper. Mit teuren Anlagen wie der E-112 verabschiede man sich vom Ziel der Wirtschaftlichkeit. Das sieht Frank Ihme anders. Der Magdeburger Niederlassungssleiter von Enercon lobt seine Anlage in den höchsten Tönen: „Die E-112 kann zehn Millionen Kilowattstunden Energie im Jahr erzeugen und wird mindestens 20 Jahre produzieren.“ Zudem garantiert Ihme eine Verfügbarkeit seiner Anlage von 97 Prozent. Nur an drei von 100 Tagen fällt sie wegen Reparaturen aus. Die ISET-Zahlen besagen anderes. Die Experten des Instituts werten regelmäßig die Daten von 1500 in Deutschland installierten Windrädern aus. Danach werden selbst an guten Standorten höchstens drei Millionen Kilowattstunden Energie pro Jahr produziert. „Das kann auch eine E-112 nicht viel mehr als verdoppeln“, sagt Kurt Rohrig vom ISET. Außerdem stoße die Windenergie zunehmend an Akzeptanzgrenzen. Auch die Landesregierung von Sachsen- Anhalt – wo zehn Prozent aller deutschen Windräder stehen – sieht das so. Sie will die Zahl der neuen Rotoren deutlich begrenzen.

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