Zeitung Heute : Besuch der alten Damen

MEIN KLASSISCHES LEBEN

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Von Christine Lemke-Matwey

Ich hoffe, ich werde jetzt nicht indiskret. Meine Mutter nämlich hat eine Bekannte, das ist die Rosel. Die Rosel ist 82, hat eine Figur wie 68, fährt Fahrrad wie 43 und steigt auf Berge wie 54. Okay, sagen wir: wie 57. Und Kopfstand kann sie auch. Die Rosel ist also topfit. Die Rosel ist dermaßen topfit, dass sie alles vermeidet, was irgend auf ihr Alter hindeuten könnte. Sich in einem Liegestuhl zu sonnen beispielsweise, weil die Wiese noch zu feucht ist, findet sie absolut nichtswürdig. Und wenn sie ins Wasser geht, dann sieht es so aus, als würden sich unter ihrem Stechschritt die Wogen zerteilen, hurtiger noch und herrlicher als einst im Alten Testament. Nichts aber liebt die Rosel so sehr wie Fragen nach ihrer Fitness. Dann kann sie ihr Gegenüber genüsslich auf Symptome juveniler Unfitness taxieren, auf schwarze Augenränder, nervöse Pickel oder einen schwabbeligen Bauchansatz, und sagen, dass sie jeden Abend eine Halbe Bier trinke und jeden Morgen schwimmen gehe. So einfach sei das, tjaja.

So einfach ist es natürlich nicht. Denn erstens hat nicht jeder Mensch alle Zeit der Welt, und zweitens geht die Rosel in Tutzing schwimmen, am Starnberger See, was unter Umständen ziemlich weit weg ist. Das liebliche Tutzing, wo Johannes Brahms 1873 seine Haydn-Variationen vollendete. Tutzing, wo, direkt am See, einer der heimeligsten Biergärten Bayerns liegt. Und Tutzing, die Gemeinde, die bald nach dem Krieg die Pianistin Elly Ney zu ihrer Ehrenbürgerin erklärte. Elly Ney, die „Reichsklavierleiche“, wie böse Zungen sie bis heute nennen, machte mit ihrem weißen Haarschopf während der Nazi-Zeit als weiblicher Beethoven Furore, was insofern einen Sinn ergab, als die männlichen Stellvertreter des Meisters auf Erden gerade als Kanonenfutter gebraucht wurden. Dabei war es Elly Ney – das belegen etliche Aufnahmen – weniger um die getreue Ablieferung des Notentextes zu tun als um einen infernalischen Ausdruck. Anders gesagt: Sie haute dermaßen in die Tasten und daneben, dass es einer Sau grausen konnte, was die Tutzinger nicht daran hinderte, ihr nach ihrem Tod 1968 an der Seepromenade inmitten eines Rosengärtleins ein Denkmal zu setzen. Vor diesem Denkmal wiederum (Stein mit Bronzekopf), Hakennase an Hakennase, habe ich einmal - und das ist jetzt wirklich wahr! – Leni Riefenstahl verharren sehen, ihres Zeichens ebenfalls Wahl-Tutzingerin. Was sie wohl gedacht haben mag? Dass sie die Letzte sei ihres Schlages und zwangsläufig an allem schuld? Dass auch die Klavierspielerinnen von heute nix mehr taugen?

Die Rosel, wie gesagt, ist 82, Elly Ney starb mit 85, und Frau Riefenstahl wird am 22. August 100. Es muss also etwas geben unterm Alpenpanorama, das die Frauen zäh macht und geradezu preußisch diszipliniert. Aber ich wollte ja nicht indiskret sein.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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