Zeitung Heute : Besuch der schneeweißen Dame - Zuckerrohr brachte der kubanischen Kolonialstadt Glanz und Niedergang

Stefanie Bisping

155 Stufen - eine gute Übung für Waden und Kreislauf, vor allem bei mehr als 30 Grad Außentemperatur. Der "Torre de Iznaga" ist die höchste Erhebung weit und breit. In Augenhöhe mit Truthahngeiern öffnet sich hier oben der Blick auf die saftig grünen Felder des Valle de los Ingenios. Die Iznagas machten in diesem Tal Zuckerrohr, vom kubanischen Ethnologen Fernando Ortiz die "schneeweiße Dame" genannt, zu Gold. Einer ihrer Söhne hatte den tiefsten Brunnen der Umgebung gegraben, was seinem Bruder keine Ruhe ließ: Gleich daneben baute er den höchsten Turm am Ort. Der Wettstreit blieb nicht völlig zweckfrei: Fortan wurde hier ein Wächter postiert, der den Horizont nach Rauchwolken und möglichen Vorboten eines Sklavenaufstands absuchte. Am Boden vor dem Turm liegt noch immer die gewaltige Glocke, die die Sklaven zur Arbeit rief. Der Wächter kniff die Augen zusammen. In der Ferne blitzen die gleichmäßig schwingenden Macheten der Zuckerschneider in der grellen Sonne. Aber hört man da nicht irgendwo Rufen, Schreien, Trommeln? Die "schneeweiße Dame" machte reich und furchtsam zugleich.

Vor 200 Jahren waren Trinidad und sein Valle de los Ingenios, das "Tal der Zuckermühlen", der größte Zuckerlieferant der Welt. In der Stadt schossen Herrenhäuser empor, fürs D¬¤ner ließ man schon mal Rinderfilet aus Uruguay zubereiten. Zehntausende Sklaven aus Westafrika machten solche Extravaganzen möglich. Doch für Trinidad war das Abenteuer bald wieder vorbei. Die einstmals wichtigste Handelsstadt Kubas geriet in Vergessenheit, nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts die örtliche Zuckerproduktion durch Sklavenbefreiung und Unabhängigkeitskrieg zusammenbrach.

Die "schneeweiße Dame", die unablässig Sklaven verlangte, heimische Pflanzen überwucherte, ganze Wälder verschlang und Kuba bis heute in einseitiger Exportabhängigkeit knebelt, kehrte Trinidad den Rücken. Dann wurde auch noch der Hafen von Cienfuegos attraktiver. Stille senkte sich über die Stadt. Als hätte eine Märchenfee Trinidad per Zauberstab 100 Jahre Dornröschenschlaf verordnet. Bis in die 50er Jahre führte nicht einmal eine befestigte Straße her. Doch der Fluch der Fee erwies sich schließlich als Segen. Weil sich niemand mehr um das Städtchen am karibischen Meer scherte, wurde kaum etwas verändert. So ist das Stadtbild eingefroren wie in einem Schnappschuss aus den 30er oder 50er Jahren, die Farben leicht verblichen, die Ränder ein wenig ausgefranst. Kaum ein Urlauber lässt Trinidad heute links liegen - schon hat der Tourismus den Zucker, in staatlichen Betrieben hergestellt, als Devisenbringer überholt.

Wie die meisten Siedlungen in der Neuen Welt legten die Spanier auch diese ordentlich nach Schachbrettmuster an. Den alten Stadtkern stört bis heute keine moderne Silhouette. Trinidad besitzt so das neben der Altstadt von Havanna größte Viertel kolonialer Bauwerke auf Kuba - wenn hier auch alles drei Gänge ruhiger zugeht. Schon das halsbrecherische Kopfsteinpflaster, über das bereits die Zuckerbarone vergangener Jahrhunderte stolperten, zwingt zu mäßigem Tempo. Wie zuvor das alte Havanna wurde 1988 auch Trinidads Altstadt mit dem Tal der Zuckermühlen von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Doch wo in Havanna die "Kamele", riesige Busse mit Kabinen für 250 Fahrgäste, von sowjetischen Zugmaschinen durch die Straßen geschleppt werden, sind in Trinidad nur Berittene und ein paar alte amerikanische Straßenkreuzer unterwegs, zusammengehalten durch kubanische Improvisationsgabe und positives Denken.

Rund um die Plaza Mayor erheben sich die bonbonbunten Paläste der spanischen Oberschicht, die einzigen zweistöckigen Gebäude der Altstadt. Heute beherbergen sie Museen. Eingänge, Dächer und die wie in Andalusien mit Kacheln verzierten Fassaden dürfen nicht verändert werden. Aus gutem Grund, denn jedes Detail erzählt vom Leben der Zuckerbarone in der reichen Tropen-Kolonie. Hinter zimmerhohen, schmiedeeisernen Gittern sperren schwere Holztüren die Hitze aus. In die Türen sind Luken eingelassen. Längst ist der Reichtum Geschichte, doch einige alten Gewohnheiten blieben lebendig - auch wenn heute der Fernseher im Hintergrund eine Ansprache des "Líders" überträgt. Noch immer klopft man hier auf einen Plausch an, und viele Luken stehen abends offen, um Leben ins Haus zu lassen. Dann flanieren die Bürger durch die Straßen, die Zigarre im Mundwinkel, und manche führen Käfige spazieren, in denen Singvögel zwitschern - fast wie zu Zeiten des dekadenten Wohlstands während des Besuchs der schneeweißen Dame.

In Trinidad ist der Zustand der Altstadt auf Grund niedrigerer Bevölkerungszahlen und weniger gravierender Umwelteinflüsse nicht ganz so bedenklich wie in Havanna, wo schon mal morsche Balkons auf Pflaster krachen und jeder tropische Regenguss Opfer unter den bröckelnden Kolonialhäusern fordert. Auch ist die Zahl der zu rettenden Bauwerke geringer. Doch in Trinidad fließen erst seit 1998 jährlich zwei Prozent der Einnahmen aus dem örtlichen Tourismus in Landeswährung sowie ein Prozent in US-Dollar in die Altstadtsanierung. Daher läuft die Restaurierung nach dem Beginn der Krise durch den Zusammenbruch der Ostblockstaaten und die gleichzeitige Verschärfung des Embargos der USA hier nur langsam wieder an. Fürs vergangene Jahr waren es laut Stadthistoriker Carlos Joaquin Zerquera immerhin 300 000 Dollar - genug für die Sanierung einer Wohnstraße am Rand des historischen Trinidads.

Bis 1989 ließ die DDR einige Gebäude der Altstadt restaurieren. Heute schickt die Universität von Barcelona Experten und Geld. So ist die Plaza Mayor, umrahmt von den pastellfarbenen Villen der Kolonial-Elite, zum touristischen Aushängeschild Trinidads geworden. Sie weckt nur einen Wunsch: auf unbestimmte Zeit den Alltag dieses weltentrückten Orts zu beobachten. Reiter mit Ehrfurcht gebietenden Silbersporen sprengen auf Maultieren vorbei. Ein Musiker eilt mit dem Kontrabass über der Schulter durch wabernde Nachmittagshitze zur Casa de la Trova, dem Haus der Sänger. Ein Mädchen im perlenbestickten Barbie-Kleid lässt sich fotografieren. Es ist sein 15. Geburtstag, und die Familie feiert den Eintritt der Tochter in die Welt der Erwachsenen. Ein Brautpaar wird im knallroten Cabriolet aus den 50er Jahren langsam durch die zerlöcherten Straßen der Altstadt chauffiert, die meterlange weiße Schleppe der Braut hinter sich.

Der Mann mit dem Bass spielt abends in der Casa de la Trova im ehemaligen Haus eines Zuckerbarons. Anders als in vielen Tanz-Bars in Havanna sind die Urlauber hier in der Minderheit. Der Bassist zupft die Saiten, während junge Pärchen und vitale Senioren auf der Tanzfläche im Innenhof die Sohlen glühen lassen. Und wie. Jeder zwischen 15 und 85 scheint hier ausgereifte Fertigkeiten im lateinamerikanischen Gesellschaftstanz zu besitzen. Ein älterer Herr gönnt sich keine Atempause, bis er jede anwesende Frau übers Parkett geschoben hat. Ein verstörend fremder Anblick für Mitteleuropäerinnen, die mit jenen sturen Tanzverweigerern aufgewachsen sind, die sich nichts dabei denken, auch bei der eigenen Hochzeit die Braut nicht aufzufordern.

Jeden Abend erwacht Trinidad aus seinem Dornröschenschlummer. In der Open-Air-Disco vor den Toren der Altstadt ist die Hölle los. Hunderte tanzen dichtgedrängt. Fast wie in Europa - auf den ersten Blick. Denn auch hier gilt: Rumba statt Rock, Son statt Techno. Parkplatznöte sind unbekannt: Pferde und Maultiere haben die Gäste an der Mauer angebunden, die die Tanzfläche mit Grasnarbe umgibt. Gesattelt dösen die Tiere und schnippen die Ohren zur Musik. Chachacha. Dann kommt die Fee, sieht das Treiben und zückt den Zauberstab. Trinidad fällt wieder in Schlaf.

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