Besuch in Dresden : Eine Nacht mit Putin

Auf einmal sagt er auf Deutsch: "Das ist prinz-i-pi-ell." Betont, akzentfrei, unmissverständlich. Russlands Regierungschef ist nicht zum Einlenken nach Deutschland gekommen. Aber er lässt mit sich reden.

Stephan-Andreas Casdorff
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Flamme des Zorns. Wladimir Putin am Freitagabend auf dem Semperopernball in Dresden. Foto: dpa

Glänzendes Licht aus gläsernen Kerzenhaltern blinzelt herüber vom Platz, von festlicher Musik begleitet, in Wogen. Der Takt lädt zum Verweilen und Tanzen ein. Dunkel gewandete Gestalten huschen eilig weiter. Die wartenden Kaleschen sind prächtig. Fahrer warten frierend, sie stehen in Gruppen zusammen und unterhalten sich leise. Die Petersburger sind da!

Was für eine Nacht. Der Semperopernball ist in vollem Schwunge, Regent Stanislaw, der erste Sorbe im Amt, ist noch da, warum soll er sich nicht auch noch ein wenig Amüsement gönnen, nach all dem Ärger der vergangenen Wochen über seine Vergangenheit. Soll das Volk doch sehen, dass es ihm gegenwärtig gut geht. Eben noch hat er Wladimir Wladimirowitsch ausgezeichnet mit dem Orden, der den Heiligen Georg zu Pferde zeigt, den Drachentöter. Für Wladimir, den Premier unter den Russen, die „außergewöhnliche Person“, die sich „unbeirrt und voller Mut“ für die gemeinsame Zukunft der Sachsen und der Russen engagiert. Und für den „Kulturaustausch“. Der Austausch von Kapellen, ist zu hören, funktioniert gut. Mit russischen Weisen, die manche wegen ihrer Schwere mögen.

Eine Nacht in Dresden, unverhofft. Im Taschenbergpalais – der Oper gegenüber – Warten auf Gospodin Putin, der zum Gespräch gebeten hat, einem politischen. 23 Uhr, weil ein Treffen am nächsten Morgen, Samstag, nicht zustande kommen kann. Er hat Termine, wichtige. Der Mann, der für seine kulturvollen Verdienste gefeiert worden ist, liegt im Zank mit dem Nachbarn Ukraine, und darum ist halb Europa ohne Gas. Im Winter.

In Dresden ist es kalt, aber nur draußen, nicht im Palais. Noch nicht. Der Raum ist geschmückt, ein Kellner mit weißen Handschuhen öffnet die Fenster. Frost kommt herein. Putin ist noch nicht da, nur seine aufgeregte Entourage. Wasser und Kaffee werden gereicht, später Häppchen mit Lachs und Obst. Der Premier ist ein Genosse Mineralsekretär, wie sie früher im Sowjetreich über jenen spotteten, der das Wodkatrinken einschränken wollte. Putin ist ohnehin eher der nüchterne Typ.

Er ist immer noch nicht gekommen. Namensschilder der kleinen Gruppe dürfen nicht verschoben werden, njet, njet, njet, Plätze nicht getauscht. Das Njet wird schärfer. Die hochgewachsene, fein gewandete Frau scheint für die Protokollfragen zuständig zu sein. Sie rollt die Augen. Diese Journalisten, dieses Dutzend, Himmel, sie sollen sich doch fügen. Die Bilder an den Wänden zeigen Dresden, vier Bilder, ein Motiv, wie bei Canaletto die Brücke, der Blick auf Elbflorenz, in verschiedenen Farben und jedes in einem anderen Licht betrachtet. Manchmal passt sich die Umgebung ja doch der Situation an.

Es wird unruhig, es bildet sich eine hohle Gasse, durch die er kommen muss. Da ist er, plötzlich, kommt schnellen Schrittes, neigt höflich den Kopf, eine kleine Verbeugung, ein Händedruck zur Linken, er hat Platz genommen. „Guten Abend, meine Damen und Herren“, sagt Putin auf Deutsch, lächelnd. Die Fenster sind inzwischen wieder geschlossen. Sein Lächeln bringt keine Wärme. Er trinkt grünen Tee. In einer halben Stunde ist Mitternacht. Putin wirkt frisch. Nach Kanzleramt, Grüner Woche und einem Treffen mit europäischen Gasindustriellen in Berlin und allem, was ein Tag in solchen Zeiten für einen russischen Regierungschef so mit sich bringt.

Alles an ihm ist akkurat. Kein Haar widersetzt sich. Sein Anzug sitzt, die dunkle Krawatte auch. Seine Hände: klein und breit und kraftvoll. Er spielt mit einer Büroklammer. Er hört genau zu, oft mit gesenktem Kopf, wie in sich gekehrt. Hebt er den Kopf, schießt er Blicke aus hellen blauen Augen ab. Nicht sein Kinn ist es, seine Augen machen sein Gesicht energisch.

Akten scheint er keine zu benötigen. Die Gaslieferungen kann er bis zum einzelnen Kubikmeter aufzählen, die Lieferungen an die Staaten, die Vertragsklauseln, die Lage gestern und gegenwärtig. Putin kann sehr herausfordernd sein. Keine Frage ohne eine erschöpfende Auskunft, er zieht offenkundig fließend neue Energie daraus. Der Weg des Gases, das Problem des Transits, die Schuld der Ukraine, die „Clanfehde“ dort, der Zustand der Unklarheit, der Kriminalität und Erpressung von deren Seite, „alles, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, ist die absolute Wahrheit“, sagt er. Und wenn der Dolmetscher nicht ganz genau übersetzt, dann hält er ihn dazu an.

Ein Einlenken ist von ihm nicht zu erwarten, Vorschläge ja, er hat doch schon welche gemacht, gerade wieder, und erklärt sie, denn von seiner Seite aus soll keine Unklarheit bleiben. Wie beim Vorschlag einer unabhängigen Expertengruppe mit Europäern, Ukrainern, der russischen Gasprom, die sich des Durchleitungsproblems und der Sicherheit der Versorgung annimmt. Unerschöpflich sind seine Fakten über täglichen und „technologischen“ Verbrauch, über Preise und Entwicklungen auf dem Markt, auch über die Lage in der West- und der Ostukraine, wo die unterirdischen Lager noch aus Sowjetzeiten seien. Er weiß Bescheid, keine Frage. Besser. Aber er ist Optimist, sagt er, und dass es schlussendlich eine Lösung geben wird. Nur ob er Deutschland im Kalten sitzen lassen will, soll man nicht ihn fragen, besser nicht, sondern die Ukraine. Russland habe den Gashahn aufgedreht, sagt er mit einem Blick aus blauen Augen, in denen wie hinter Glas eine kleine Flamme des Zorns lodert.

Das Gespräch kommt auf den Mangel an Demokratie und das Imageproblem der Russen, auf die Frage, wie er das alles ändern will. Er hört zu und schaut auf, ironisch, verweist auf die Journalistenrunde und die Bedeutung „objektiver Berichterstattung“, um dann zu sagen: „Ich weiß ja nicht, was Sie schreiben wollen. Tun Sie, was Sie wollen.“ Er will zwingend überzeugen. Dass Russland flächenmäßig das größte Land der Erde sei; dass 33 ethnische Gruppen dort lebten, und zwar demokratischer denn je seit 15 Jahren; dass keiner eine Rückkehr zu den vormodernen Staatsformen wolle. Dass es marktwirtschaftlich und transparent zugehen müsse. Dass wirtschaftswissenschaftlich betrachtet ein Monopol immer schädlich sei, dass aber dennoch niemandem etwas weggenommen werden solle … Seine Argumentation wird immer größer und breiter. Er zollt Respekt und verlangt ihn für die eigenen, die russischen Interessen. Mit Blick auf den kommenden amerikanischen Präsidenten Barack Obama und die Begeisterung der Europäer sagt er verständnisvoll: „Die herbsten Enttäuschungen entstehen von den größten Erwartungen.“ Der Satz könnte auch für ihn gelten, für ihn im Streit mit der Ukraine. Das weiß Putin, und dazu nickt er auch – aber er hat doch schon klar gesagt, dass Russland keine andere Wahl hat. Nicht mit ihm.

Putin wirbt und ermüdet mit Fakten, er fordert zum Widerspruch heraus und redet mit Stolz. Und sagt auf einmal auf Deutsch, da lässt er sich nicht übersetzen, in einer Weise, wie es für ihn und das ganze Gespräch gilt: „Das ist prinz-i-pi-ell.“ So betont, akzentfrei, unmissverständlich. „Ordnung muss sein.“ Er versteht jedes Wort. „Nicht hochnäsig sein.“ Putin spricht Deutsch seit seiner Zeit als Agent in Dresden. „Ausgezeichnete Wortwahl, sehr kultiviert“, hat vor Jahren eine Frau Schmiedel gesagt, die seinen verlorenen Schlüsselbund für die KGB-Zentrale in der Villa am Elbhang gefunden und zurückgebracht hatte.

Und niemand soll sagen, er hätte keine Kultur. Darum setzt er sich für die Verfilmung des „Faust“ ein, ein Projekt von Regisseur Alexander Sokurow, hat den Regisseur und den Produzenten Andrej Sigle, der auch Musik komponiert, zu dieser nachtschlafenden Zeit dazugebeten. „Humanitär“ sei das Projekt, nicht wirtschaftlich, nicht politisch, sagt Putin, während er auf eine Broschüre und eine DVD schaut, die dienstbar bereitgelegt sind. Der Film soll zu Teilen in Deutschland und auf Deutsch gedreht werden, weil Russland und Deutschland einander doch so verbunden sind. Die beiden Künstler gratulieren Putin ganz besonders zum Orden, weil er doch so wichtig sei für die russischen Menschen, und danken ihm für die Unterstützung. Putin lässt sie gewähren.

Ganz am Ende ergreift Regisseur Sokurow überraschend noch einmal das Wort, will nicht alles vom Gasstreit überlagert sehen. Noch einmal wärmende Worte, zum Schluss mit Faust. Wladimir Wladimirowitsch lässt es geschehen, er lächelt, wehrt den Dank kurz freundlich mit der Hand ab. Es geht gegen zwei Uhr. Er hat noch dreieinhalb Stunden zur Ruhe. Der Orden mit dem Drachentöter zu Pferde kommt ins Gepäck.

Die Kaleschen warten vor dem Palais. Der Tanz geht weiter. Die Musik ist – eine russische Weise.

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