Besuch in Swansea : Der Mann, der Dylan hieß

John Lennon verehrte ihn, Mick Jagger auch – und Bob Dylan nahm seinen Namen an: Dylan Thomas war Dichter, Frauenheld und Säufer. 1953 starb er – jung wie ein Rockstar.

Markus Hesselmann
Ein Denkmal gebaut: Mit einer Statue im neu angelegten Hafen erinnert die Stadt Swansea an ihren großen Sohn Dylan Thomas.
Ein Denkmal gebaut: Mit einer Statue im neu angelegten Hafen erinnert die Stadt Swansea an ihren großen Sohn Dylan Thomas.Foto: promo

Achtzehn Gläser Whisky hatte Dylan Thomas nach eigener Aussage getrunken, „ich glaube, das ist der Rekord“. Mehr konnte der walisische Dichter, der sich auf Lesereise in den USA befand, nicht mehr sagen. Denn kurz darauf fiel Thomas in seinem New Yorker Hotelzimmer ins Koma. Der Trip in die USA sollte seine letzte Sauftour werden.

Ehefrau Caitlin flog sofort über den Atlantik. Sie wusste, dass Dylan Thomas in Amerika eine Geliebte hatte. Eine von vielen. „Ist der Scheißkerl schon tot?“, fragte Caitlin Thomas bei ihrer Ankunft. Aufgedunsen vom Alkohol, lag ihr Mann im Sauerstoffzelt. Nichts war mehr übrig von dem einst so gut aussehenden Dichterfürsten, vom jungenhaften Genie, das sie und die anderen Frauen mit seiner schönen Stimme betört hatte. Caitlin Thomas erlitt einen Nervenzusammenbruch. „Das ist nicht mein Dylan“, schrie sie. „Ich will weg von hier.“ Die Krankenpfleger hatten Mühe, die kräftige Frau zu bändigen, und steckten sie in eine Zwangsjacke.

Nach fünf Tagen im Alkoholkoma starb Dylan Thomas im Alter von 39 Jahren. Es war der 9. November 1953. An seinem Bett wachte seine letzte Geliebte. Die Ehefrau, selbst Alkoholikerin, wurde zur selben Zeit in einer New Yorker Klinik psychiatrisch behandelt.

Mit seinen Lesereisen hat Dylan Thomas Anfang der 50er Jahre Amerika erobert. Seine Auftritte waren große Performances. Im rhythmischen Sprechgesang, der Elemente des Rap vorwegnahm, trug der Dichter seine Reime vor. Dylan Thomas war Popstar, Trinker, Frauenheld. Auf seinen Touren verdiente er tausende Dollar. Doch Geld hatte er nie, weil er alles sofort für Drinks ausgab. Thomas schmiss Lokalrunden, hielt seine Freunde aus. Dafür ließ er sich von ihnen einkleiden, lieh sich Hosen und Hemden. Auch der Anzug, den Dylan Thomas zuletzt in New York trug, war geliehen von einem Freund. Kürzlich sandte ihn der Besitzer als Reliquie an das „Dylan Thomas Centre“ in Swansea, der walisischen Heimatstadt des Dichters.

„Dylan Thomas hat viel vom Lebensstil des Rock-’n’-Roll vorweggenommen“, sagt sein Biograf Andrew Lycett. In dem Buch „Dylan Thomas. A New Life“, das bislang nur auf Englisch erschienen ist, porträtiert Lycett den Dichter als frühen Protagonisten der Popkultur: „Er hat die Brücke vom Modernismus zum Pop geschlagen.“ Und nur wenige Schriftsteller könnten von sich behaupten, dass T. S. Eliot und die Beatles gleichermaßen von ihnen begeistert waren.

„Wir alle mochten Dylan Thomas“, hat Paul McCartney einmal gesagt, mehr noch, „ich glaube, dass John seinetwegen zu schreiben begann.“ Die Beatles haben ihren Helden auf dem Cover von „Sgt. Pepper“ verewigt. Mick Jagger von den Rolling Stones wollte das Leben des Dichters verfilmen. John Cale hat seine Gedichte vertont. Und Bob Dylan heißt Bob Dylan, weil er ein Fan von Dylan Thomas ist.

Ein Dylan-Thomas-Gedicht ist wie ein guter Popsong. Die Wörter wirken, bevor ihre Bedeutung ins Bewusstsein vordringt. Sie leben vom Klang und von den Bildern, die sie auslösen. Dylan Thomas’ Hauptwerk ist kein Roman oder Theaterstück, sondern ein Hörspiel: „Unter dem Milchwald“, „Ein Spiel für Stimmen“, wie er es selbst nannte. „Unter dem Milchwald“ war sein letztes Werk, ein später Erfolg. Die Stimmen, die Dylan Thomas darin hört, dringen durch die puritanischen Fassaden einer Küstenstadt in Wales. Sie erzählen von den Lastern und Trieben der vermeintlich so anständigen Bürger. Ein anderer walisischer Trinker und Frauenheld, der Schauspieler Richard Burton, hat bei „Milchwald“-Aufführungen mit großer Begeisterung mitgewirkt. Das Stück hat surrealistische Anklänge, etwa wenn fünf Ertrunkene sich aus dem Jenseits melden: Wie geht’s bei euch oben? – Gibt’s noch Rum zu trinken und Tang zu essen? – Brüste und Rotkehlchen? – Ziehharmonikas? – Ebenezers Glocke? – Keilereien und Zwiebeln? – Und Spatzen und Gänseblümchen? – Stichlinge im Einmachglas?

Dylan Thomas, Jahrgang 1914, war mit 20 nach einer behüteten Jugend in bürgerlicher Umgebung, der Vater war Schuldirektor, nach London gezogen. Sein Boheme-Leben in der Hauptstadt finanzierte er mit Geldsendungen seiner Mutter und sporadischen Veröffentlichungen. Außerdem verkaufte er Bücher, die ihm Verlage als kostenlose Rezensionsexemplare zuschickten. In London lernte er 1936 seine spätere Frau Caitlin kennen – „zwangsläufig in einem Pub, denn Pubs waren unser natürlicher Lebensraum“, schreibt Caitlin Thomas in „Double Drink Story“, ihrer Autobiografie. „Von diesem Tag an gaben wir uns den Pubs und einander hin.“ Ein Jahr später heirateten die beiden. 1939 wurde ihr Sohn Llewelyn geboren. Tochter Aeronwy und Sohn Colm folgten 1943 und 1949.

Caitlin Thomas hatte Tanzunterricht genommen und auf eine Karriere als Tänzerin gehofft. Sie wollte größer sein als Isadora Duncan, die Heldin des modernen Ausdruckstanzes. „Wir waren beide absolut sicher, dass Dylan der größte Dichter aller Zeiten sein wird und ich die größte Tänzerin aller Zeiten.“ Doch während Dylan Thomas seine Karriere als Schriftsteller vorantrieb, blieb Caitlin Thomas nur die Rolle der Mutter, Muse und Trinkkumpanin. „Auf jedes Pint Bier, das er kippte, antwortete ich mit einem doppelten Scotch mit Ginger Ale.“ Einer Karriere als Tänzerin sind solche Exzesse nicht förderlich. „Ich war wie gelähmt und wusste nicht, welches Bein ich als Nächstes bewegen sollte.“ So beschreibt Caitlin Thomas ihre erfolglosen Versuche, ihr Talent in einer Tanzgruppe unter Beweis zu stellen.

Beide gingen dauernd fremd. „Das ist das Schlimme an der Ehe: Alles ist besser als der Spatz in der Hand“, schreibt Caitlin Thomas. Doch ohne den Spatz ging es auch nicht. Caitlin und Dylan lieferten sich handfeste Eifersuchtsdramen. Sie erinnert sich: „Wir schlugen uns gegen die Köpfe, so hart wir konnten, mit alkoholverstärkter Kraft, auf den splitternden Dielen unseres Schlafzimmers.“ Prügelszenen wechselten sich mit Liebesbezeugungen ab. „Liebling, meine Liebe, meine Cat, ich liebe dich. Du bist mein für immer, wie ich für immer dein bin. Ich liebe dich“, schrieb Dylan Thomas an seine Frau – und ging weiter fremd. Über allem lag der Dunst von Alkohol. Selbst Sex war nüchtern nicht denkbar. „Ich habe nie mit einem Mann geschlafen, ohne betrunken zu sein“, bekennt Caitlin Thomas. Auch mit ihrem Mann ging sie niemals nüchtern ins Bett. So richtig glücklich waren die beiden allein wohl nur, wenn er ihr vorlas und sie dabei genauso bannte wie sein Publikum bei einem öffentlichen Auftritt.

Dylan Thomas war von Natur aus ein Entertainer. Doch in jedem seiner Texte steckte die Arbeit von Jahren. Immer wieder schrieb er sie um. „Under Milk Wood“ entstand größtenteils in einer Fischerhütte im walisischen Küstenort Laugharne, wo Familie Thomas nach den Londoner Jahren lebte. Seine Tochter Aeronwy Ellis erinnert sich: „Jeden Tag um Punkt zwei Uhr ging er von unserem Haus hinauf in seine Hütte und schrieb exakt fünf Stunden lang.“ Sein Gemurmel drang bis hinunter an den Strand, wo die Kinder spielten. „Er trank nie, wenn er schrieb. Er hatte immer eine Flasche Orangenlimonade dabei. Mit möglichst viel Zucker.“ Am Abend gingen Vater und Mutter dann in den Pub. Jeden Abend. „Ich habe früh gelernt, auf mich selbst aufzupassen“, sagt Aeronwy Ellis. „Das hat mich stark gemacht.“

Die Tochter, selbst Schriftstellerin, verwaltet das literarische Erbe des Vaters. Und sie sieht aus wie er: die gleichen ausdrucksstarken runden Augen, mit denen sie ihr Gegenüber fixiert, die gleichen Engelslocken. Es ärgert sie, dass das Geburtshaus ihres Vaters in Swansea über die Jahre verfiel. Das Haus liegt in einer der wenigen idyllischen Ecken der Industrie- und Hafenstadt. Am Haus mit der Nummer 5 in der Cwmdonkin Drive hängt eine abgewetzte blaue Plakette: „Dylan Thomas, Dichter, 1914–1953, wurde in diesem Haus geboren.“ Die weiße Farbe der alten Schiebefenster blättert ab, zwischen den schiefen Steinplatten im Vorgarten gedeiht Löwenzahn. Eine leere Bierdose zwischen dem Unkraut ist weniger eine Reminiszenz an den heiligen Trinker als ein Beispiel für die britische Unsitte, anderen Leuten Müll in den Vorgarten zu werfen. Hoffnung vermitteln ein paar Zementsäcke und ein Schild, das die Restaurierung des Hauses ankündigt. Und zwar im Zustand der Zeit zwischen 1914 und 1934, als Dylan Thomas hier lebte. In gut einem Jahr soll das Haus für Fans aus aller Welt zugänglich sein.

Jo Furber hat drei Jahre lang in Cwmdonkin Drive 5 gewohnt. Sie arbeitet für das Dylan Thomas Centre in Swansea, betreut dort Ausstellungen und veranstaltet Dichterlesungen. „Es war schon eine merkwürdige Erfahrung“, sagt Jo Furber. „Zu wissen: Du lebst jetzt in dem Haus, in dem Dylan Thomas zwei Drittel seiner Gedichte geschrieben hat.“ Und dauernd klopften Leute an die Tür, um zu sehen, wo der „Rimbaud der Cwmdonkin Drive“ (Thomas über Thomas) aufgewachsen war. Wie sein französisches Vorbild hat auch der walisische Dichter schon als Jugendlicher große Poesie verfasst. „Die Kraft, die durch die grüne Kapsel Blumen treibt“ schickte er als 19-Jähriger an eine Londoner Zeitung, die einen Dichterwettbewerb ausgeschrieben hatte. Dylan Thomas gewann. Das kurze Gedicht (siehe Kasten links) beschreibt sein großes Lebensthema: die Kraft der Liebe, die auch eine tödliche Kraft ist.

Angesichts der spektakulären Lebensgeschichte und der aktuellen Welle biografischer Filme – über Truman Capote, Johnny Cash oder Jane Austen, der Film „Becoming Jane“ kommt im Herbst in die deutschen Kinos – ist es erstaunlich, dass es bislang noch kein großes Leinwandepos über Dylan Thomas gibt. Das wird sich bald ändern. Während aus Mick Jaggers Plänen nie etwas wurde, beginnen jetzt die Dreharbeiten für zwei Filme über das Ehepaar Thomas: „Caitlin“ mit Miranda Richardson und Michael Sheen sowie „The Best Time of Our Lives“ mit Sienna Miller und Matthew Rhys. Beide Filme sollen nächstes Jahr in die Kinos kommen.

„The Best Time of Our Lives“ dürfte der spektakulärere von beiden sein – zumindest von der Handlung her. Es geht um einen dramatischen Vorfall aus dem Jahr 1945: Dylan Thomas hatte getrunken. Und es gab Streit. Über den Krieg und seinen Sinn. Thomas, der Pazifist, der sich erfolgreich vor dem Kriegsdienst gedrückt hatte, prügelte sich im Pub mit William Killick, einem Soldaten, der auf dem Kontinent gekämpft hatte.

Für Killick war der Fall damit nicht ausgestanden: Er hatte mit dem Dichter mehrere Rechnungen offen. Er glaubte, dass seine Frau Vera ihn mit Dylan Thomas betrog. Und dass sie mit seinem Sold den Boheme-Lebensstil des Dichters unterstützte. William Killick schoss mit seiner Maschinenpistole auf den Bungalow, in dem Dylan Thomas mit einigen anderen Gästen nach dem Pub-Besuch weitertrank. „Die Kugeln flogen knapp über das Kinderbettchen hinweg, in dem ich lag“, erzählt Aeronwy Ellis. „Hätte er ein bisschen tiefer gezielt, dann säße ich jetzt nicht hier.“ Nur mit viel Glück wurde niemand verletzt. Der Polizei sagte Killick, er habe Dylan Thomas nur „einen Geschmack vom Frontleben“ geben wollen.

Angereichert wird das Kinodrama mit einer lesbischen Liebesszene zwischen Caitlin und Vera, gespielt von Keira Knightley. Ist das authentisch? Biograf Andrew Lycett weiß nichts von einer lesbischen Affäre. Tochter Aeronwy Ellis auch nicht: „Meine Mutter hat Männer vernascht, aber keine Frauen“, sagt sie. „Sie hat längst nicht alles ausprobiert. Beim Sex war sie sogar eher konventionell.“

Anders als Dylan Thomas ging Caitlin Thomas auch nicht am Alkohol zugrunde. Sie opferte ihre Karriere, aber nicht ihr Leben. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie nach Italien, lebte mit einem Italiener namens Giuseppe Fazio zusammen und bekam mit 49 Jahren noch einen Sohn. Mit 60 wandte sie sich an die anonymen Alkoholiker und verbrachte die letzten zwei Jahrzehnte ihres Lebens nüchtern. „Ein Mix aus frischen Blutorangen und deutschem Traubensaft wurde ihr neuer Cocktail“, schreibt ihr Sohn Francesco in seinem Nachwort zur „Double Drink Story“. 1994 starb Caitlin Thomas im Alter von 81 Jahren. Auf ihren Wunsch hin wurde sie neben Dylan Thomas in der alten Heimat Laugharne begraben.

Als sie in den letzten Jahren ihres Lebens in Italien ihre Autobiografie schrieb, lieferte Caitlin Thomas im Rückblick eine eigene popkulturelle Einordnung ihrer Beziehung zu Dylan: „Ich denke manchmal, dass wir die Original-Hippies waren. Alle, die später kamen, waren nur Imitationen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar