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Diplomaten, die Presse – ein syrischer Minister ist derzeit einer der gefragtesten Männer im Nahen Osten

Astrid Frefel[Damaskus]

Wer dieser Tage Mohsen Bilal sprechen möchte, fühlt sich an einen Besuch beim Hausarzt erinnert. Vor der Tür seines Arbeitszimmers eine lange Warteschlange. Die Tür geht auf, jemand verlässt den Raum. Der Nächste, bitte. So geht das seit Tagen.

Nun ist Mohsen Bilal kein Wunderheiler, sondern Informationsminister. Der Informationsminister Syriens. Und das ist der Grund, warum ihn derzeit Diplomaten und Journalisten aus aller Welt aufsuchen, um seine Meinung zum Konflikt zwischen Israel und Libanon zu hören.

„Wir arbeiten intensiv an einem Waffenstillstand“, sagt Bilal. Es ist einer dieser routiniert klingenden Verlautbarungssätze, von denen man im Verlauf des Gesprächs einige zu hören bekommen wird. „Einige europäische Länder unterstützen uns, während die USA und England dagegen sind. Nach einem Waffenstillstand muss dann über alle offenen Fragen geredet werden.“ Ob er ein adäquates Forum für die Probleme des Mittleren Ostens sehe? Die Vereinten Nationen, sagt er. Allerdings, sagt er, die USA würden den Sicherheitsrat dort kontrollieren, eine Hegemonie ausüben. Und: Um eine UN-Truppe aufzustellen, brauche es den Konsens aller libanesischen Kräfte. „Die Hisbollah eingeschlossen“, das betont Bilal besonders.

Das Telefon klingelt, es wird das Gespräch noch einige weitere Male unterbrechen. Aus dem Faxgerät quillt fast unablässig Papier.

„Syrien“, sagt Bilal schließlich, „ist das Herzstück dieser Region. Syrien kann man gar nicht isolieren.“ Der syrische Golan sei nun von Israel besetzt. „Nicht mit Syrien zu verhandeln, heißt einseitig die Bedingungen Israels zu akzeptieren.“

Welche Folgen er sehe?

„Wenn es keine umfassende Lösung gibt, wird die Gewalt, wie wir sie jetzt sehen, in regelmäßigen Abständen aufflammen und die Stabilität der Region permanent bedroht sein.“

Die westlichen Diplomaten in Damaskus bestätigen, sie seien unsicher, wie sie die Haltung der syrischen Regierung einschätzen sollen. Ihre Gespräche mit dem Informationsminister scheinen daran wenig geändert zu haben. Es passt in dieses Bild, dass sich offizielle Stellungnahmen einzelner Minister des Landes manchmal völlig widersprechen.

Unbestritten ist dagegen, dass Präsident Assad mit allen Mitteln daraufhin arbeitet, die politische Isolation insbesondere mit den EU-Ländern zu durchbrechen. Und dass er alles unternimmt, um die Verhandlungen über den Golan wieder in Gang zu bringen, die im Jahre 2000 nicht an Syrien gescheitert sind. Klar scheint auch zu sein, dass Syrien mit seiner vergleichsweise schwachen Armee sich aus jeder militärischen Auseinandersetzung heraushalten will. Und doch wagt niemand vorauszusagen, was geschieht, wenn eine der israelischen Bomben auf syrisches Territorium fallen sollte. Das Niemandsland zwischen der syrischen und der libanesischen Grenzstation in Masnaa war schon im Visier.

Das Wichtigste sei deshalb, die Armee unablässig zu trainieren und für einen Ernstfall vorbereitet zu sein, forderte Assad am „Tag der Armee“ zu Beginn dieser Woche von seinen Generälen. Und in der Hauptstadt Damaskus hängt neben den Plakaten des syrischen Präsidenten meist auch jenes von Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah. An unzähligen Autos und Geschäften hängt eine der gelben Hisbollah-Fahnen mit dem grünen Gewehr. Zudem, täglich gibt es mehrere Demonstrationen zur Unterstützung der Organisation.

„Ein anhaltender Friede ist nur mit Damaskus möglich“, glaubt deshalb Waddah Abd Rabbo. Rabbo ist Chefredakteur von „ Al Iqtissadiya“, der ersten unabhängigen Zeitung Syriens. Er fordert, dass alle UN- Resolutionen umgesetzt werden, nicht nur jene mit der Nummer 1559, verabschiedet vor zwei Jahren, die unter anderem eine Entwaffnung der Hisbollah verlangt. Falls es so weit kommt, wird bis dahin noch Zeit vergehen.

Vorerst wird Hilfe für libanesische Kriegsflüchtlinge in Syrien gebraucht. Die Einheit für Katastrophenhilfe und 150 weitere Leute kümmern sich im 24-Stunden-Betrieb um 15 000 Menschen in Gastfamilien und 4000 in Lagern, die zumeist in Schulen eingerichtet sind. „Eine humanitäre Krise gibt es hier nicht, eher schon eine Überversorgung“, sagt Jean-Jacques Frésard, der Delegationsleiter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK).

Allerdings: Die Großzügigkeit ist auch ein politisches Signal – an den Libanon und den Westen. Die Botschaft? – Fällt unterschiedlich dramatisch aus. Die Angaben, wie viele Flüchtlinge zu versorgen sind, gehen weit auseinander. Etwa 100 000, sagt das IKRK. Bestimmt 300 000, sagt Informationsminister Bilal.

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