Zeitung Heute : Betäubt Erfolg, Herr Schäuble?

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Als Wolfgang Schäuble vor zwölf Jahren Opfer eines Attentats wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, hatten viele erwartet, dass er die Politik aufgeben oder einschränken würde. Stattdessen ist er bis heute Mitglied im Parteivorstand der CDU.

Herr Schäuble, können Sie verstehen, dass John F. Kennedy schwer krank war und zugleich berufliche Höchstleistungen erbrachte?

Ja, jeder will aus seinem Leben das Bestmögliche machen. Ich kann mir vorstellen, dass unter bestimmten Umständen chronische Erkrankungen oder auch Behinderungen zu einer stärkeren Konzentration zwingen.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit Ihrer Behinderung gemacht?

Die Leute denken schnell, man muss einen beinah übermenschlichen Willen haben, um diese Leistungen zu erbringen. Sie sagen, es sei heroisch, was ich da mache. Alles Käse. Das ist nicht heroisch, sondern einfach der Not gehorchend. Die Menschen können sich einfach nicht vorstellen, so etwas selbst zu tun – so wie ich es mir vorher auch nicht hätte vorstellen können.

Sind Sie ein anderer Mensch geworden?

Man ist schnell geneigt zu glauben, durch die Anstrengungen gewinne man automatisch an charakterlicher Härte. Das ist aber ein Vorurteil. Ich selbst glaube sogar, ich bin weicher geworden mit einem feineren Gespür für bestimmte Situationen. Aber wahrscheinlich stimmt das, was meine Frau sagt: „Du bist derselbe Schäuble geblieben.“

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise verändert?

Ich brauche für vieles mehr Zeit, einige Dinge kann ich gar nicht mehr machen. Dafür kann ich mich lange am Stück konzentrieren, denn in der Reduzierung steckt auch immer Konzentration - und umgekehrt. Ich bewege mich nicht mehr auf Stehempfängen, Betriebsbesichtigungen mache ich gar nicht mehr. Dafür denke ich mehr nach und schreibe viel.

Betäubt Erfolg Schmerzen?

Er hilft unheimlich. Ich habe es da besser als viele andere, die ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten. Nach ein paar Wochen der Schinderei war ich wieder als Innenminister tätig. Das hat mir sehr geholfen, mit der neuen Situation fertig zu werden. Wissen Sie, der Beruf ist ja nicht nur anstrengend, sondern bedeutet auch Erfüllung.

Glauben Sie, dass man Krankheit politisch für sich nutzen kann?

In einem akuten Fall geht das sicherlich, aber auf Dauer nutzt es sich ab. Ich selbst wollte nie Rührseligkeiten oder einen Bonus und habe meine Behinderung nie inszeniert. Und ich wollte schon gar nicht, dass der politische Gegner eine Beißhemmung entwickelt.

Wie nehmen Sie die Reaktionen der Öffentlichkeit wahr?

Es gab vor allem am Anfang eine blöde Neugierde, viel Befangenheit und Leute, die mir die Hand auf die Schulter legen wollen. Davon ist aber vieles einfach Unerfahrenheit im Umgang mit Behinderten. Ich gewöhne mich und die anderen nun seit zwölf Jahren daran, und ich glaube, dass die Akzeptanz in der Öffentlichkeit gestiegen ist.

Die Fragen stellte Deike Diening.

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