Zeitung Heute : Bete und wirtschafte

Claudia Keller

Die evangelische Kirche hat ein Reformprogramm aufgelegt, um sich in den kommenden Jahren neu zu strukturieren. Wie wird die Kirche der Zukunft aussehen?


Die Prognose ernüchtert: Bis 2030 schrumpft die Zahl der Mitglieder in der evangelische Kirche von 26 Millionen um ein Drittel auf 17 Millionen; in manchen östlichen Landeskirchen auch um die Hälfte. Die Kirchensteuereinnahmen halbieren sich von vier Milliarden Euro auf zwei Milliarden im Jahr. Schon jetzt sieht es nicht gut aus: Nur vier Prozent der Kirchenmitglieder sitzen sonntags in der Kirchenbank, seit 1991 ist die Zahl der evangelischen Trauungen um die Hälfte gesunken, die Taufen um ein Viertel.

Ökonomisch gesagt: „Die evangelische Kirche hat einen erheblichen Marktverlust im Bereich ihres Kerngeschäfts erlitten.“ So steht es im neuen „Impulspapier“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), das sich teilweise liest, als hätten es Unternehmensberater von Mc Kinsey geschrieben. Das hundertseitige Dokument „Kirche der Freiheit“ gibt den Reformkurs für die nächsten Jahre vor. Durch Konzentration auf Schwerpunkte, Zentralisierung und Qualitätssteigerung soll ein geistlicher und finanzieller Aufbruch erreicht werden. Nach den Reformplänen wird die evangelische Kirche 2030 so aussehen:

Nur noch acht bis zwölf Landeskirchen. Heute gibt es 23 Landeskirchen, die sehr unterschiedlich groß sind und den Ländergrenzen entsprechen, die 1815 beim Wiener Kongress festgelegt wurden. Durch Fusionen sollen acht bis zwölf Landeskirchen übrig bleiben. Ihr Zuschnitt würde den Bundesländern entsprechen. Absprachen mit politischen Institutionen werden dadurch leichter.

Weg von der Ortsgemeinde. Nicht mehr jede Gemeinde macht alles. Statt der weitverzweigten kleinteiligen Gemeindestruktur gibt es eine überschaubare Zahl „ausstrahlungsstarker Begegnungsorte“, die sich auf Schwerpunkte (zum Beispiel Kirchenmusik, Jugendarbeit, Soziales) konzentrieren. Auch deutschlandweit stehen Kirchen für jeweils ein Schwerpunktthema – der Berliner Dom für „Kirche und Politik“, die Frauenkirche Dresden für „Friedensarbeit“, die Leipziger Thomaskirche für Kirchenmusik.

Der Pfarrer als Manager. Nimmt die Finanzkraft weiter ab, werden 2030 nur noch 13 000 Pfarrer angestellt sein. Heute sind es 21 000. Der Pfarrer 2030 soll nicht nur ein erstklassiger Theologe sein, ausgeprägte Sprachkraft und Führungsqualitäten mitbringen, sondern auch in ökonomischen Dingen bewandert sein. Er wird leistungsabhängig bezahlt, die Qualität seiner Arbeit in „Zielvereinbarungen“ definiert. Wer sich weigert, Fortbildungen zu besuchen, muss mit Konsequenzen rechnen.

Professionelle Ehrenamtliche. Viele Aufgaben übernehmen Freiwillige. Auch sie müssen sich regelmäßig fortbilden und Qualitätsstandards erfüllen.

Mehr evangelisches Profil an Schulen. „Wo evangelisch draufsteht, soll auch evangelisch drin sein“, steht im Impulspapier. So soll in evangelischen Kindergärten, Schulen und im Religionsunterricht evangelische Frömmigkeit eingeübt und etwa ein fixer Kanon von Bibeltexten und Kirchenliedern auswendig gelernt und interpretiert werden.

Reaktionen auf das Reformpapier. Die Bereitschaft zur Veränderung und die finanzielle Not ist in den Landeskirchen sehr unterschiedlich. Im Osten ist der Reformdruck größer als im Westen. Städtisch geprägte Gemeinden wie Berlin haben weniger Probleme, sich von der klassischen Ortsgemeinde zu verabschieden und Schwerpunkte zu setzen als ländliche Regionen wie Bayern oder Rheinland-Pfalz. Auch den Fusionen stehen viele skeptisch gegenüber. Die Kirche Anhalts, mit 60 000 Mitgliedern die kleinste Landeskirche, will nicht in einem größeren Ganzen aufgehen. Man befürchtet, die eigene Identität zu verlieren.

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