Zeitung Heute : Beten, dass keiner springt

Der Tagesspiegel

Von Matthias Kalle

Irgendwann, da sind sich die Menschen in Reichenbach sicher, muss Gott ihre Stadt verlassen haben. Das sagt der Taxifahrer am Bahnhof, das sagt die Rezeptionistin im Hotel, und das sagt die Bedienung im Café am Postamt. Und sie sagen das, weil sie es sich anders nicht erklären können, und nur so ergibt es einen Sinn: Gott ging, und der Satan kam, und deshalb sprangen René, Mike und Mick am 26. August 2001 von dieser Brücke, 78 Meter in die Tiefe, um zu sterben.

Und deshalb, glauben die Menschen in Reichenbach, sprang im Mai ein 14-Jähriger aus dem benachbarten Netzschkau; im September ein 17-Jähriger aus Baden-Württemberg; im Februar ein Junge aus Chemnitz; und erst vor kurzem, Anfang März, Manja und Claudia, beide 16, aus Thüringen. Das sind acht Jugendliche, die sich in den letzten zehn Monaten von der Göltzschtalbrücke in der Nähe der Stadt Reichenbach stürzten, im Vogtland, zwischen Plauen und Chemnitz. Nachdem René, Mick und Mike gesprungen waren, die einzigen aus Reichenbach, gab es in ihrer Stadt das Gerücht, die drei seien Satanisten gewesen – sogar die Staatsanwaltschaft Plauen ermittelte in diese Richtung. Aber der Teufel konnte nicht als Täter überführt werden, der Fall gilt als abgeschlossen, die Frage nach dem „Warum“ kann niemand beantworten.

Der 17-Jährige aus Baden-Württemberg sprang aus Liebe zu einem Mädchen, die nicht erwidert wurde – das erzählte er seiner Mutter übers Handy, kurz bevor er sich in den Tod stürzte. Claudia und Manja hatten Ärger mit ihren Eltern, den sie nicht mehr ertragen konnten – das erzählte eine Schulfreundin der beiden.

Aber Liebeskummer und Stress in der Familie taugen nicht für Schlagzeilen, deshalb standen diese Geschichten irgendwo als kleine Meldungen in den Zeitungen. Aber der kollektive Selbstmord dreier Satanisten – das war im August eine gute Story, kurz vorher hatte ein Satanistenpärchen aus Bochum einen Freund umgebracht, und deshalb stand die Geschichte von Reichenbach überall, in jeder Zeitung, weit vorne, sehr groß.

Der 25. August 2001 war ein heißer Tag, über 30 Grad, auch in der Nacht kühlte es nicht wirklich ab. Gegen halb ein Uhr nachts sollen die drei Jungs von der Mitte der Brücke gesprungen sein – René, der Älteste und Mick, der Jüngste, waren an den Händen zusammengebunden und hinterher, als sie schon tot waren, erzählten die Freunde den Reportern Geschichten von Pentagrammen und der Ziffer 666, der Zahl des Teufels. Sie erzählten ihnen von einer verlassenen Villa, in die René und seine Freunde oft eingestiegen sein sollen, um den Teufel zu beschwören, und irgendwann soll René tatsächlich geglaubt haben, dass er mit dem Satan im Bunde sei. Dazu passte auch, dass René, 18 Jahre alt, in seinen letzten Wochen nur noch dunkle Kleidung trug, seine Haare färbte er schwarz. Nach seinem Tod sagten einige, die ihn kannten, dass er sein Leben nicht besonders gemocht habe.

Die dritte Möglichkeit

Vielleicht mochte auch der 17-jährige Mike sein Leben nicht besonders, aber keiner in Reichenbach kann bis heute verstehen, warum Mick, 14 Jahre alt, unglücklich gewesen sein soll. Seine Mutter ist Rechtsanwältin, er hatte immer genug Geld für die richtige Kleidung, und er hatte Talent im Fußball, und manche erzählten, er habe sogar seit dem Samstagnachmittag vor dem Sprung eine Freundin gehabt.

Aber an diese Freundin kann sich jetzt niemand mehr erinnern. Die Jungs und Mädchen, die auf dem Spielplatz in der Nähe des Bahnhofs hocken und hektisch Zigaretten gegen die Kälte paffen, sind sichtlich genervt, dass schon wieder ein Journalist etwas wissen will über ihre toten Freunde, und sie erzählen das, was sie eh schon jedem erzählt haben. Sie erzählen, dass René irgendwann im Sommer von Selbstmord gesprochen habe. „So dummes Zeug halt, was man manchmal so daherredet“, sagt ein Mädchen, das seinen Namen nicht nennen will. Und es erzählt, dass René an seinem letzten Tag zu einer Freundin gesagt habe: „Ihr werdet uns nicht wieder sehen.“

Am 26. August, gegen halb eins, entdeckte ein 17-Jähriger die leblosen Körper von René, Mike und Mick auf dem Parkplatz unterhalb der Brücke. Er rief die Polizei, und als die Polizisten die Taschen der drei Leichen durchsuchten, fanden sie einen Zettel, auf dem stand: „So habe ich mir das Leben nicht vorgestellt.“

„Du hast drei Möglichkeiten, um hier rauszukommen, raus aus der Scheiße“, sagt Erich, 17 Jahre alt. Er behauptet, mit René, Mick und Mike befreundet gewesen zu sein, aber das behaupten jetzt, sieben Monate danach, viele Jugendliche in Reichenbach. Erich sitzt auf einer Bank beim Spielplatz, und er sieht – so wie die anderen auch – nicht aus wie einer, der den Teufel anbetet. Er trägt diese klobigen Buffalo-Schuhe, eine viel zu weite Hose und eine Trainingsjacke, seine Haare sind mit viel Gel kunstvoll gestaltet – so einer nennt sich selbst Raver oder Hip-Hopper. Erich erklärt seine These, dabei schaut er seinem Gegenüber fest, beinah provozierend, in die Augen: „Entweder du hast ein Auto, dann kannst du wegfahren, weit weg, und am besten kommst du nie wieder. Wenn du dir keinen Führerschein und kein Auto leisten kannst, dann fährst du mit dem Zug.“ Und die dritte Möglichkeit? „Die dritte?“ Erich lacht durch die Nase. „Du springst.“ Und dabei schaut Erich einen nicht mehr an, sondern er schaut irgendwohin und zieht an seiner Zigarette. „Ja“, sagt er dann noch. „Das ist dann die dritte und letzte Möglichkeit.“

Eigentlich verlangt Erich für solche Sätze 50 Euro. Schließlich sind es Erich und die anderen Jugendlichen vom Spielplatz gewohnt, dass man sie für Auskünfte bezahlt. Als im letzten Jahr die Kamerateams und die Journalisten nach Reichenbach kamen, da gaben sie jedem Geld, der was sagte. Für ein Foto der drei toten Jungs gab es noch mehr Geld, für einen Brief 100 Euro. Und damals mussten sie in Reichenbach auch den Friedhof weiträumig absperren, damit die Eltern der drei Jungs weinen konnten, ohne dass sie dabei gefilmt wurden. Nach den Journalisten kamen dann die Touristen nach Reichenbach, und sie gingen zu der Brücke, und wenn sie vom Parkplatz nach oben schauten, dann sagten sie: „Ganz schön hoch.“ Dann schüttelten sie mit dem Kopf.

Jetzt, im März, sind keine Touristen mehr da, auf dem Parkplatz steht nur der Wagen vom Fremdenverkehrsverein, ein Mitarbeiter sitzt auf dem Fahrersitz. Und wenn man ihn nach der Brücke fragt, dann hat er einiges zu erzählen: Dass sie die größte Ziegelsteinbrücke der Welt ist, dass sie von 1846 bis 1851 gebaut wurde, dass sie 574 Meter lang ist, dass 26 Millionen Ziegelsteine verbaut wurden, dass man im letzten Jahr das 150-jährige Bestehen feierte, dass die Brücke im Jahr 2000 ein externes Ausstellungsobjekt der Expo war.

Der Fluch der Brücke

Er sagt, dass der ganze Quatsch nicht stimmt, den man sich so erzählt, nämlich dass sich der Architekt Andreas Schubert kurz vor der Einweihung von seiner Brücke gestürzt habe, weil er nicht an seine Konstruktion glaubte. Aber er erzählt auch, dass die wenigsten ihn nach so etwas fragen. „Die meisten wollen immer nur wissen, wo denn genau die Jugendlichen gelandet seien.“ Auch das weiß er: „Die meisten fallen auf die Reichenbacher Seite, aber die letzten drei, die fielen auf die Netzschkauer Seite.“

Alle mussten den gleichen Weg hoch zur Brücke nehmen, einen unbefestigten Trampelpfad, längs entlang und etwas steil. Auf der Mitte des Weges stehen ein Tisch und eine Bank, und in dem Papierkorb daneben liegen leere Bierdosen der Marke Schloss. Überall an der Brücke sind Graffiti, auf einem steht: „Ist doch gehupft wie gesprungen“, auf anderen steht „Depeche Mode“ – der Name einer Elektropopband, die Hits hatte wie „Enjoy The Silence“, genieße die Stille, traurige Musik für traurige Teenager. Der Pfad führt vorbei an der Brücke und mündet in ein Feld, und um nach ganz oben zu kommen, auf die Bahngleise, muss man sich den Weg durchs Unterholz selbst bahnen. Dann führt ein schmaler Weg die Gleise entlang bis zur Mitte. Alle sprangen von der Mitte der Brücke, von dort fällt man am tiefsten.

Nachdem René, Mike und Mick gesprungen waren, schrieb Reichenbachs Bürgermeister Dieter Kießling einen Brief an die Deutsche Bahn. Sie solle doch bitte helfen, etwas tun, damit der Zugang zur Brücke erschwert wird. Ein paar Wochen lang patrouillierte der Bundesgrenzschutz, und im Landrat des Vogtlandkreises haben sie darüber nachgedacht, was man bloß machen könnte.

„Die Brücke ist ja ein Naturdenkmal. Da kann man keine Zäune drumrum bauen“, sagt Wolfgang Eckstein. Ecksteins Büro ist im ersten Stock des Rathauses von Reichenbach, und er ist Fachbereichsleiter Ordnungswesen. Er hat lange überlegt, ob er überhaupt noch mit Journalisten reden sollte, nach allem, was passiert ist. Aber er will reden. Darüber, dass die Sache mit den Satanisten Unsinn ist, genauso wie der angebliche Fluch, der über der Brücke liegen soll, weil sich der Konstrukteur von ihr gestürzt habe. „Nach dem Selbstmord der drei Jungs hatten wir hier eine Art Selbstmordtourismus, es war ein bisschen so, wie bei Werther – nachdem das Buch erschienen war, brachten sich ja auch viele Leute um.“ Und damit Reichenbach nicht für immer der Ort ist, wo die Jugendlichen vom Himmel fallen, redet Eckstein über all das Gute, was in Reichenbach passiert, über die zwei Jugendzentren, über die engagierte Stadtjugendpflegerin, über die Sportvereine und über die Bemühungen, das Leben der Jugendlichen in Reichenbach etwas besser zu machen. Eckstein wirkt engagiert und trotzdem etwas müde im Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit.

In diesem Kampf wird er unterstützt von Anja Dehmel. Sie ist zuständig für die Jugendarbeit. Die Frau kennt die Freunde von René, Mike und Mick, und wenn man sie fragt, wie sie denn die Jugendlichen beschreiben würde, dann sagt sie: „Auf keinen Fall sind das Satanisten. Die sind eher normal. Eher rechtsorientiert.“ Und das sagt Dehmel ohne Not, so, als wäre das tatsächlich die normalste Sache auf der Welt.

Reichenbach stirbt langsam

Und dann sagt sie noch, dass man diese Jugendlichen verstehen müsse, dass sie Angst hätten, große Angst. Vor der Zukunft, davor, keinen Job, nicht einmal eine Lehrstelle zu finden, und diese Angst, sagt Dehmel, werde einfach nicht ernst genommen. „Auch nicht von den eigenen Eltern, die ja auch genug Probleme haben.“ Und mit ihren Problemen und ihren Ängsten sollen die Jugendlichen nicht mehr auf den Spielplatz gehen, sondern in das Jugendzentrum, denn da kümmern sich die Mitarbeiter, die hören zu und geben Tipps. „Jeden Tag kommen 20, vielleicht 30 Jugendliche, im Sommer weniger“, sagt Dehmel. Am Tag unseres Besuches war niemand dort.

Die Jugendlichen von Reichenbach trifft man außer auf den Spielplätzen auch an den Tankstellen, manchmal auch in der Spielothek, die hier „Galaxy“ heißt. Abends gibt es sowieso nichts anderes, bis vor zwei Jahren gab es in Reichenbach noch ein Kino mit 40 Sitzplätzen, aber das musste dichtmachen, das nächste Kino ist in Greiz, zehn Kilometer entfernt. Es gibt eine Diskothek, das „E-Werk“, eine von diesen Großraumdiskotheken auf dem Land, wo man Cola-Rum in Krügen für fünf Euro kaufen kann, und wo Kirmes-Techno läuft. Manchmal kommt es zu Schlägereien. Bald soll neben das „E-Werk“ eine McDonalds-Filiale gebaut werden.

Reichenbach stirbt langsam, die Stadt hat nur noch 24 000 Einwohner, vor ein paar Jahren waren es 30 000. Die Fabriken sind zu, früher gab es hier Textilindustrie, der VEB Vogtlandstoffe, die Renak-Werke. Die Geschäfte in Reichenbach schließen um 18 Uhr, aber wenn sie eine Stunde früher schlössen, würde das auch nichts ausmachen. Manchmal jagen ein paar aufgemotzte Autos die Bahnhofstraße entlang, auf dem Heckfenster sind Aufkleber: Auf einigen steht „Promillejäger“, auf anderen „Pit Bull“. Und wahrscheinlich hat Erich Recht, wenn er sagt, dass ein Auto eine Möglichkeit wäre. Vor ein paar Wochen war der Schlagersänger Frank Schöbel in Reichenbach, im Mai kommt die Volksmusikerin Stefanie Hertel. Wenn man Depeche Mode sehen will, muss man nach Leipzig fahren, zwei Stunden mit dem Zug.

Wir fahren mit Wolfgang Eckstein noch einmal zur Brücke. Er schaut nach oben und sagt: „Wenn wir weniger gemacht hätten, dann wären vielleicht fünf mehr gesprungen.“ Dann geht sein Blick wieder nach unten, zum Boden: „Ich bete jedes Wochenende, dass keiner springt.“ Wolfgang Eckstein will dann aber doch nicht mehr darüber reden, sondern über die Arbeitslosigkeit in Reichenbach, im Vogtland, im Osten. Über geschlossene Fabriken und verlassene Häuser, über diese ganzen neuen Discount-Märkte, die überall aufmachen, obwohl man doch gar kein Geld hat, um dort zu kaufen. Und über die Menschen, die hier sehr leidensfähig seien.

Am Ende sagt er noch, dass er sicherlich nicht darauf warte, dass der Satan Reichenbach wieder verlässt und Gott zurückkehrt. Er wartet einfach nur auf bessere Zeiten. So wie Erich und all die anderen. Vielleicht haben René, Mick und Mike das Warten einfach nicht mehr ertragen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar