Beten in der Schule : Ein Raum der Stille

In Deutschland ist das Gebet aus dem öffentlichen Leben verschwunden, Gott keine Selbstverständlichkeit mehr und gefaltete Hände vor anderen Menschen nur noch peinlich. Nun platzt ein Gerichtsbeschluss herein, der einem muslimischen Jungen das Beten in der Schule erlaubt.

Susanne Vieth-Entus

Erst hörten viele Menschen auf, Gott als Selbstverständlichkeit zu begreifen, dann mieden sie den Kirchenbesuch, irgendwann verschwand bei den meisten das Tischgebet und das Gute-Nacht-Gebet mit den Kindern, schließlich blieb nur der Heiligabend-Gottesdienst übrig. Wenn überhaupt. Ganz selten nur ist noch jemand zu sehen, der außerhalb der Kirche die Hände faltet. Schleichend verabschiedete sich die Transzendenz aus dem täglichen Leben.

Und da, mittenrein in die scheinbar gebetsfreie Welt, platzt ein Gerichtsbeschluss, der es einem muslimischen Schüler erlaubt, auf dem Gelände eines Weddinger Gymnasiums zu beten. Das gefällt vielen nicht, denn beten ist ihnen fremd geworden, und sie wollen auch nicht, dass andere beten. Schon gar nicht gen Mekka.

Nun ist noch gar nicht klar, welche Konsequenzen der Gerichtsbeschluss hat. In den vergangenen zwei Wochen konnten sich einige Zehntausend muslimische Schüler in Berlin überlegen, ob sie dem Weddinger Beispiel folgen wollen. Heute gehen die Osterferien zu Ende, und etliche Schulleiter bangen dem Moment entgegen, da sich die Türen ihrer Sekretariate öffnen und türkische oder arabische Schüler nach einem ungestörten Plätzchen für ein Gebet fragen werden.

Schon haben einzelne Direktoren für sich entschieden, kategorisch Nein zu sagen und es auf weitere Gerichtsverfahren ankommen zu lassen. Andere Schulleiter wollen erstmal das Gespräch suchen, die Gremien mitsamt der Eltern- und Schülervertretung einbeziehen und notfalls einen „Raum der Stille“ einrichten, in dem Jugendliche aller Konfessionen beten, meditieren oder einfach nur zu sich kommen können. Auch aktive Christen unter den Schulleitern erwägen ein solches Vorgehen.

Und tatsächlich: Was ist gegen einen „Raum der Stille“ zu sagen? Wem sollte es schaden, zumal in Zeiten des Turboabiturs, einmal am Tag für zehn Minuten abzutauchen in den inneren Monolog oder in das Gespräch zu Gott? Und vor allem: Wie sieht die Alternative aus?

Je mehr manche Schulleiter auf Konfrontation gehen, desto schwieriger werden sie es haben, den Schulfrieden zu erhalten. Andere Schüler könnten sich mit jenen solidarisieren, die vermeintlich unterdrückt und am Beten gehindert werden. Immer mehr bisher Gleichgültige könnten erst deshalb auf die Idee kommen, auch für sich einen Gebetsraum einzufordern – auch wenn sie es eigentlich viel schöner fänden, in der Pause die Frühlingssonne zu genießen. Ein bisschen den Direktor ärgern, das hat auch was.

Die Schulleiter müssen jetzt spüren, wo die Konflikte lauern. Sie müssen die muslimischen Schüler, die nicht beten wollen, davor schützen, dass sie unter den Druck derjenigen geraten, die jetzt glauben, demonstrativ beten zu müssen.

Denn eine Demonstration ist es nunmal. Wenn es selbst in muslimischen Ländern nicht üblich ist, in der Schule zu beten, dann liegt es auf der Hand, dass es nur Hardliner sein können, die das jetzt in Deutschland durchsetzen wollen. Aber dieser Hardliner wird man nicht Herr, indem man sie durch Verbote in eine Opferrolle bringt. Stattdessen sollte man ihrem Treiben das Abgehobene und scheinbar Unheimliche nehmen, indem man ihnen einen Raum zuweist, der auch für andere offen ist, die Ruhe suchen.

Natürlich ist dieses Entgegenkommen nicht leicht für die traditionell schon immer eher weltlich orientierten Berliner, die im Religiösen immer auch das Rückwärtsgewandte, Konservative wähnen. So wie es nicht leicht ist für all die Frauenbewegten in den Kollegien der Berliner Schulen, es massenhaft mit türkischen und arabischen Macho-Kids zu tun zu haben, denen der hundertjährige Kampf der Frauenbewegung herzlich egal ist.

Sie alle, die Aufgeklärten, Frauenbewegten, Linken, sind jetzt doppelt gekränkt, weil ausgerechnet jene Migranten den deutschen Verhaltenskodex infrage stellen, für deren ungehemmte Zuwanderung sie gekämpft hatten. Ironie der Geschichte. Aber kein Schicksal.

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