Zeitung Heute : Betörend schön

Seit fünf Jahren besteht „Blumen- und Gartenkunst“ in Alt-Moabit: für Dekorationen, Gartenführungen, Balkongestaltungen, die kleinen und die großen Sträuße

Nora Sobich

Wer die schönsten Blumen haben will, muss früh aufstehen. „Eine Red Charme ist um sieben Uhr nicht mehr zu haben, dann gibt es an Pfingstrosen nur noch die Sarah Bernhardt“, meint Andreas Tunger, dem man seine morgendliche Odyssee zum Großmarkt in die Friedrichstraße gar nicht ansieht. Mit vergnügt flötendem Gesichtsausdruck flitzt er durch seinen in warmem Gelb gestrichenen Laden in Alt-Moabit. Eine duftende, in riesigen Ton- und Bronzetöpfen dekorierte Blumenpracht erfüllt den Raum: Pfingstrosen, so hellrot wie Chanel-Nagellack, englische Rosen mit einem Hauch von Rot auf den weißen Blütenblättern, Gerbera, gelbe Callas oder Bambusskulpturen. Die Kornblumen, die am Morgen frisch von einer Gärtnerei in Gatow geliefert wurden, sind die ersten des Jahres: zart und blau, als wären sie gerade erst vom Feld gepflückt.

Die feine Adresse für „Blumen- und Gartenkunst“ hat sich mittlerweile in Berlin herumgesprochen. „Am Rosenmontag hatten wir Fünfjähriges“, scherzt der Gärtner und Diplom-Ingenieur für Landschaftsplanung Thomas Schnur, der gemeinsam mit dem Floristtechniker Andreas Tunger das Geschäft betreibt und dort für alles „mit Wurzeln“ zuständig ist. Dreizehn gelernte Fachkräfte und drei Praktikanten sind bei den beiden Spezialisten fürs Grüne und Schöne beschäftigt.

Neben dem Blumengeschäft gestalten Tunger und Schnur auch Dachterrassen und Balkone, dekorieren Events und Feierlichkeiten von Banken, Medienfirmen und Privatpersonen, betreuen Restaurants wie die Berliner Society-Bühne Borchardts mit ihren frischen Sträußen und – als wäre das noch nicht genug – sie veranstalten auch Gartenführungen. In einem recht pompösen, mit roten Blumen bestickten Seidenkleid, das einem Originalkostüm von Gräfin Wilhelmine von Lichtenau nachempfunden wurde, bewegt sich Thomas Schnur dann über die Sandwege des Neuen Gartens in Potsdam. Während die ebenfalls in Seide gehüllten Floristinnen kichernd wie Brautjungfern im Gras sitzen, erzählt er von der Gartengestaltung Lennés angereichert mit amüsanten Klatsch- und Tratschgeschichten vom preußischen Hof.

Dass das Geschäft „Blumen- und Gartenkunst“ so prächtig blüht, während im letzten Jahr allein sechzig Blumengeschäfte in Berlin schließen mussten, liegt nicht nur am Geschmack und der Stilsicherheit der beiden Inhaber. Auch das persönliche Engagement, ihre Ideen und die guten Kontakte zu Gärtnereien im In- und Ausland sind entscheidend. Kein Wunder also, dass an einem Sonnabendvormittag bis zu 170 Kunden den Weg durch die abgebeizte Holztür in Moabit finden. Zwei Häuser neben dem Ladengeschäft, in dem schlichten, preußisch strengen Haus mit der strahlend weißen Putzfassade, wohnen Schnur und Tunger auch privat. Der gesamte Hof ist mit Pflanzen für Terrassen- und Gartenaufträge bevölkert. „Sonst ist es hier aber noch voller. Wir haben gerade eine Villa auf Schwanenwerder mit Lorbeerbäumen und Myrten ausgestattet“, entschuldigtSchnur und schwärmt von dem duftenden Strauch. „Das sind die, die man als Frau zur Konfirmation bekommt und dann hochpäppeln muss, um aus ihnen den Brautkranz zu flechten: Wo die Myrte nicht gedeiht, die Braut nicht geweiht.“

Das denkmalgeschützte Haus ist das älteste des Stadtbezirks und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Apothekerhaus von einem Schinkel-Schüler entworfen. In den ehemaligen Laborgewölben der Apotheke befindet sich jetzt die Werkstatt des Geschäfts: die Floristenkammer, die vor allem für das Herbst- und Weihnachtsgeschäft genutzt wird, ein Lager für die vielen Accessoires, die Bücherei zum Nachschlagen und das so genannte Pharaonengrab mit einem Sammelsurium an Schalen und Töpfen. Die Räumlichkeiten seien inzwischen aber wieder zu klein, meint Schnur: „Wir haben ja immer neue Ideen.“

Das so genannte Schlangenbart-Gras, das in einem Karton neben den gefüllten Geranien im Hof auf den Weitertransport wartet, wurde gerade erst aus Hamburg geliefert. „Sehr minimalistisch“, meint Schnur, der vor allem Farbkompositionen liebt. Es ist für die Dachterrasse einer modernen Villa in Schwerin bestimmt. Dass so etwas wie das Schlangenbart-Gras aus Hamburg geliefert werden muss, liegt auch am Standort Berlin. „Im Vergleich zu Westdeutschland sind wir hier immer noch etwas Entwicklungsland", bedauert Tunger. Einige Blumensorten wie Dahlien oder Maiglöckchen beziehen sie frisch von Berliner Gärtnereien aus Lübars, Britz, Rudow oder Kladow geliefert. Aber Rosengärtnereien würden in der Region Berlin-Brandenburg immer noch fehlen.

Für den Floristen Tunger gehört jede Blume zu einer bestimmten Jahreszeit. Von modischen Blumentrends hält er wenig. Dass man etwa das ganze Jahr über Sonnenblumen aufstellt, kann er nicht verstehen. „Wir haben nur Freiland-Sonnenblumen im Sommer.“ Auch mit dem Vorurteil gegen die gute alte Nelke räumt er auf. „Am Schlimmsten ist es, wenn die Kunden sagen, das ist doch eine Friedhofsblume!“ Die Nelke, die es inzwischen auch in modernem creme, apricot, lachs oder grün gibt, gefällt ihm selbst in der klassisch verschrieenen rotweiß-gesprenkelten Variante – wie eben jede Blume, ob es nun die vom Aussterben bedrohte Schachbrettblume, eine stolze Gladiole oder die nackigstielige Gerbera ist. Man müss nur wissen, wie man sie dekoriert, mit ihnen umgeht, sie einsetzt und zum Raum passend arrangiert.

Schnur erzählt derweil vom Kiez, dass die beiden Moabiter Floristen auch die Johanneskirche, die Schinkel im Stil einer italienischen Basilika entworfen hat, wöchentlich mit ihren Blumendekorationen schmücken. Dann erwähnt er noch, dass sie sich mit ihrem Laden zum Glück auf der Sonnenseite von Alt-Moabit befänden, genau wie der kleine, italienische Eisladen nebenan. Besonders gut würden dort die selbst gemachten Sorten in den noch vollen Kanistern schmecken, sagt Schnur verschmitzt. Die seien immer am frischesten.

Blumen- und Gartenkunst. Alt-Moabit 21 / 22. Tiergarten. Telefon: 39 03 00 88.

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