Zeitung Heute : „Betreutes Surfen“

Initiative „Fairlink“ übergibt Internet-Verhaltenskodex an Rau

Kurt Sagatz

Die Internetseite „Radio Germania“ ist genau das, wonach es klingt: ein Sprachrohr für rechte Propaganda. Doch rechtlich war dem braunen Internet-Sender nicht beizukommen. Erst ein Telefonanruf bei dem Provider, auf dessen Server das rechte Gedankengut lagerte, führte dazu, dass „Radio Germania“ bereits einen Tag später ohne Verbindung zum Internet dastand. Der Anrufer war ein „Toleranzschiedsrichter“, einer von 60 Jugendlichen, die am Dienstag zu Besuch bei Johannes Rau waren, um dem Bundespräsidenten die Ergebnisse der 18-monatigen Arbeit der Jugendinitiative „Step 21 – Aktion Fairlink.de“ zu übergeben.

„Das wirksamste Mittel gegen Intoleranz ist das entschiedene Eintreten jedes Einzelnen für Toleranz. Die Fairlink-Teilnehmer haben gezeigt, wie so etwas praktisch aussehen kann. Damit sind sie ein Vorbild für andere junge Menschen“, sagte Sonja Lahnstein, die die Geschäfte von „Step 21“ leitet und dafür gesorgt hat, dass zahlreiche ideelle und materielle Förderer wie die Zeit-Stiftung, Bertelsmann, Siemens oder Daimler-Chrysler das Engagement der Jugendlichen gegen rechte Tendenzen im Internet unterstützten.

Bundespräsident Rau forderte alle Beteiligten, angefangen bei Inhalteanbietern und Providern bis zu Regierungen und Internet-Nutzern, dazu auf, stärker gegen extremistische, anti-semitische oder Gewalt verherrlichende Seiten im Internet vorzugehen. Diese Seiten seien „Ekel erregend und unakzeptabel“ und sie müssten „international geächtet, verboten und bekämpft“ werden. Durch Initiativen wie Fairlink sei man zwar schon erkennbar vorangekommen, aber diese Fortschritte könnten nicht Schritt halten mit der Expansion des Netzes und der Findigkeit der Extremisten. „Wir dürfen das Internet nicht denen überlassen, die es als Informationsquelle vergiften und die in ihm statt geistiger Nahrung Hass anbieten“, sagte Rau vor den „Toleranzschiedsrichtern“.

Insgesamt entstanden bei der „Step 21“-Initiative 14 Projekte, darunter beispielsweise das Online-Quiz „Tolerance Trivia Show“. Wer dort gewinnen will, muss unter anderem wissen, wie die Organisation heißt, die Rechtsradikalen beim Ausstieg aus der Szene hilft. Als Johannes B. Kerner Quiz-Mitgestalterin Hyun-A fragte, wie sie ihre Erfahrungen mit den Internet-Aktionen gegen Rechts zusammenfassen würde, sagte sie: „Es lohnt sich einfach.“ Eine Erfahrung, die auch von anderen „Schiedsrichtern“ bestätigt wurde. Zum Beispiel von Phillip Schautschick, der mit seinen Mitstreitern in bayerischen Schulen Unterrichtseinheiten zum „betreuten Surfen“ entwickelte mit dem Ziel, die hinter den rechten Seiten stehenden Absichten besser erkennen zu können. Zu den weiteren Projekten gehörten unter anderem die Brandenburger Online-Zeitung „Toleranztexter“, die Linkliste Gewaltinfo.de, ein E-Card-Wettbewerb aus Nordrhein-Westfalen und das Theaterprojekt „RechtsAußenVor“ aus Sachsen. In Berlin entstand das Jugendforum für Kunst und Politik „Ich, Du – Wir“ in Reinickendorf.

Man ist nicht machtlos, das meint auch Fairlink-Coach Friedemann Schindler vom jugendschutz.net. So seien rechte Spieleclans zu Beginn von Fairlink vor anderthalb Jahren noch ein echtes Problem gewesen. Inzwischen haben viele Spiele-Seiten eindeutig Stellung dagegen bezogen, mit dem Ergebnis, dass die rechten Clans isoliert wurden. Dass Fairlink nicht ohne Auswirkungen auf die rechte Szene blieb, zeigte sich auch daran, dass die Extremisten vehement versucht haben, das Diskussionsforum der Initiative in ihre Hand zu bekommen. Das Forum musste daraufhin zeitweise sogar geschlossen werden. Heute funktioniert es jedoch wieder.

Toleranz und Fairplay im Web:

www.step21.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!