Zeitung Heute : Betriebssystem Linux: Pinguin auf neuen Wegen

Kurt Sagatz Peter Zschunke

Einen bislang einmaligen Service hat Klaus Knopper auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin vorgestellt: Er hat ein Linux-System entwickelt, das auf jedem PC sofort lauffähig ist - inklusive persönlicher Daten für einen Vortrag oder eine Firmenpräsentation. Das Ganze bleibt im Arbeitsspeicher, auf der Festplatte werden keinerlei Spuren hinterlassen. "Ich nehme nur mein Betriebssystem mit, weil es Computer ja überall gibt", sagt Knopper, der sich seit zwölf Jahren mit Unix beschäftigt - und seit genau zehn Jahren mit Linux. Anlässlich des runden Geburtstags organisierte der LinuxTag-Verein ein ganztägiges Vortragsprogramm auf der Funkausstellung mit Themen wie "Was ist Open Source?" oder "Linux und Digitales Fernsehen".

Die Linux-Veranstaltung am Wochenende fand naturgemäß im kleineren Kreise statt. Nicht nur, weil Linux trotz aller Vereinfachungen nach wie vor eher ein System für technisch orientierte Nutzer ist, sondern auch wegen des Charakters der Funkausstellung mit ihrer Ausrichtung auf Consumer-Elektronik. Doch auch all die Besucher, die nicht den Weg zu den Linux-Vorträgen im ICC fanden, begegneten dem alternativen Betriebssystem auf der diesjährigen Funkausstellung öfter, als es ihnen bewusst sein dürfte.

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Der virtuelle Messerundgang Zehn Jahre, nachdem Linus Thorwalds den Anstoß für das bislang größte Internet-Gemeinschaftsprojekt der Welt gab, hat sich der Unix-Ableger sicherlich ganz anders entwickelt, als es der Finne und seine Weggefährten rund um den Globus ursprünglich gedacht hatten. Thorwalds suchte schließlich nach einem kostenlosen System, um seinen neuen 386er Schreibtisch-Computer besser zu verstehen. Das war 1991. Heute hat Linux vor allem im Bereich der Internet-Server den großen Erfolg geschafft. Und setzt an, sich in den vielen kleinen Geräte einzunisten, bei denen niemand sieht, das in ihnen auch ein Betriebssystem arbeitet. Darunter auch solche Geräte, die nach den Vorstellungen der Industrie künftig in den Wohnzimmern der Fernsehzuschauer ihren Dienst verrichten sollen.

Der heimliche Siegeszug in die Welt der schwarzen Kästen führt zu durchaus interessanten Konstellationen. Beispielsweise dann, wenn Leo Kirch plötzlich auf Linus Thorwalds trifft. Der finnische Nokia-Konzern, der für Kirch bereits die d-Box entwickelt und produziert hat, stellt auf der Funkausstellung sein neues Medienterminal vor. Mit dieser Digitalbox der zweiten Generation soll dem interaktiven Fernsehen der Weg geebnet werden. Die dafür notwendigen Dienste benötigen jedoch ein Betriebssystem, und hier fiel die Entscheidung zugunsten von Linux aus. Vor allem die Offenheit des Systems ist für die Entwickler so interessant: Jeder kann Linux für seine eigenen Belange weiterentwickeln. Somit ist es nicht besonders verwunderlich, dass in der Ifa mehr Linux drinsteckt, als auf den Geräten draufsteht.

Das Knoppersche Linux, kurz "Knoppix" genannt, beeindruckte nicht nur die Besucher der Fachveranstaltung. Denn obwohl das System die Festplatte nicht benutzt, stellt es eine Unmenge an Funktionen bereit. Der größte Teil der Knoppix-CD ist als komprimiertes Dateisystem eingerichtet - hier tummeln sich in einem Bereich von 600 Megabyte der CD insgesamt 1,7 Gigabyte an freier Software. "Das entspricht etwa einem Wert von 7000 Mark in der Microsoft-Welt und steht dem in der Leistungsfähigkeit nicht nach", sagt Knopper. Mit dabei sind diverse Office-Programme, die auch Microsoft-Formate wie Powerpoint-Präsentationen wiedergeben können. Ebenso wenig fehlen Multimedia-Anwendungen wie das Bildbearbeitungsprogramm Gimp oder ein MP3-Player.

Knopper verteilt seine CD kostenlos und entwickelt die Idee kontinuierlich weiter. Inzwischen liegt die Version 2.1 vor. Wer Knoppix nutzen will, kann aber auch selbst zusätzliche Daten wie eine Vortragspräsentation, Fotos oder MP3-Musik für die nächste Party auf die CD bringen. Dafür steht ein freier Platz von 50 MB zur Verfügung. Und das Beste: Die Knoppix-CD kann sogar unter Windows gebrannt werden.

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