Zeitung Heute : Betteln für Bedürftige

Sie wollten nur Notleidende mit Essen versorgen – wie eine Initiative auf die Gleichgültigkeit der Mitmenschen stößt

Nadja Klinger

Die Ersten kommen gegen halb drei. Männer, ein paar Frauen. Sie hocken sich in die Hofeinfahrt zur Kirchengemeinde und warten. Alle paar Minuten kommt wieder jemand, gesellt sich dazu. Es dämmert. Ein neuer Tag beginnt in Berlin. Wie jeden Dienstag wird sich heute etwas ereignen. Eine gute Sache. Jedoch ist es auch ein Drama, dass dieses Land solche Dienstagvormittage überhaupt nötig hat.

Dies ist eine Geschichte von Leuten, die ihre Zeit opfern und sich ins Zeug legen. Sie handelt von der Hilfe für Menschen, die es nötig haben, einmal pro Woche kostenlos mit Essen versorgt zu werden. Mit dieser Hilfe ist es aber so eine Sache. Sie braucht zuallererst die Einsicht, dass es Menschen, die derart Not leiden, überhaupt gibt. In einem Land, in dem mit Vorliebe darüber gesprochen wird, dass die Bürger lieber Sozialgelder erschleichen als arbeiten zu gehen, ist diese Einsicht nicht gerade weit verbreitet. Diese Geschichte erzählt von einem Vormittag, wie es ihn an verschiedenen Orten im Land gibt. Sie verzichtet auf Ortsangaben und Namen weil sie die Schwachstellen nicht übersehen, gleichwohl den Hilfeprojekten nicht schaden will. Denn deren Angst ist groß, jene Unterstützung zu verlieren, die geblieben ist.

Jemand in der Hofeinfahrt fragt: „Wer war der Erste?“ Ein großer, kräftiger Mann, der auf den Treppenstufen lungert, sticht mit dem Zeigefinger in die Luft. „Ich“, sagt er. Wortgerangel entsteht. Ein Mann ruft: „Kannste vergessen! Weil ich vor dir hier sein werde!“ In den Wohnungen über der Hofeinfahrt wohnen Leute. Jetzt werden sie wach. Die Wartenden in der Morgendämmerung stören.

Kurz vor halb sieben erscheint eine Frau von der Kirchengemeinde, sie trägt Jeans und einen Rucksack. Auch auf der Straße vorm Haus stehen mittlerweile Leute. Die Frau schließt die Küsterei auf, holt die Rolle mit den Nummernzettelchen, stellt sich in die Tür und teilt aus. Die Leute greifen zu und ziehen wieder ab. Ab halb elf dürfen sie wiederkommen. Der große Mann, der die Eins ergattert hat, ist dann als Erster dran.

Ende 2004 beschloss die Kirchengemeinde, eine Versorgungsstelle für Not leidende Menschen einzurichten. Der Pfarrer und die Frau mit dem Rucksack stiegen ins Auto. Sie klapperten die Geschäfte der Gegend ab. Nur zwei Bäcker, drei Bio- und vier Supermärkte erklärten sich bereit, von nun an jeden Dienstag Ware abzugeben: Obst, das man nicht mehr verkaufen kann. Backwaren vom Vortag. Essen in defekten Verpackungen.

Der Pfarrer und die Frau suchten Helfer. Die Spenden müssen ja begutachtet, sortiert und verteilt werden. Rund 40 Leute meldeten sich, Arbeitslose, Rentner. Als Verkaufsraum wurde das Foyer des Gemeindehauses auserkoren. Wenn die Sonne längst die Stadt erwärmt hat, bleibt die Kälte störrisch im Foyer hocken. Es riecht unangenehm, nach faulem Obst und Gemüse. Etwa 20 Helfer gibt es heute noch.

An einem Dienstag im Frühling 2005 konnten die Menschen im Kirchenfoyer zum ersten Mal für pauschale 50 Cent „einkaufen“. Es kamen über 40 Leute, an den folgenden Dienstagen dann immer mehr. Bereits kurz nach Mitternacht bildet sich jetzt eine Schlange von bis zu 120 Menschen. Mit der Kirche verbindet keiner der Wartenden etwas. Bis auf eine Tatsache: Die Kirche betrachtet sie mit anderen Augen. Als Menschen in Not. Während der Staat sie für ausreichend versorgt hält.

700 bis 800 Euro Einkommen haben sie monatlich. Davon bezahlen sie Miete und was sonst zum Leben nötig ist. Es gibt eine Liste mit mittlerweile 645 Namen. Die Kirchenleute wollen nur Rentenunterlagen sehen oder den Hartz IV-Bescheid. Es ist eine Sache von Sekunden, dann setzen sie hinter die Namen einen Haken.

Sobald die Nummern ausgegeben sind, fährt die Frau mir dem praktischen Stadtrucksack zu den Bäckern. An diesem Donnerstag wird sie von der ersten Bäckerin schon in der Ladentür erwartet. Sie hält eine Plastiktüte in der Hand. „Mehr ist heut nicht“, sagt sie. Die Tüte ist klein und nur halb voll. Die Kirchenfrau dankt. Beim zweiten Bäcker stehen Brote, Brötchen und etwas Kuchen bereit. Die Helfer im Gemeindehaus zählen. Sie überlegen, ob sie die Kuchenstücke noch mal teilen.

Der erste Supermarkt, ein paar Straßen vom Gemeindehaus entfernt, hatte an den ersten Dienstagen im Jahr 2005 noch viel übrig gehabt. Es machte richtig Spaß, die schweren Kisten ins Auto zu hieven. Es fühlte sich an, als zögen für die Versorgungsstelle der Kirche viele Menschen an einem Strang. Doch bald standen an der Rampe immer weniger Waren. Einen Vorwurf kann die Frau von der Kirche dafür niemandem machen. Supermärkte kalkulieren. „Vielleicht ist ja auch der Chef nicht mehr da“, sagt sie. „Der damals so hohe Töne geschwungen hat, als der Pfarrer und ich mit ihm gesprochen haben.“

Sie klingelt an der Laderampe. Es öffnet eine junge Verkäuferin. Sie starrt die kleine Person vor der Tür an. „Ich bin von der Versorgungsstelle für Menschen in Not“, sagt die Kirchenfrau. „Davon weiß ich nichts“, antwortet die Verkäuferin. „Wir kommen jeden Dienstag“, erklärt die Kirchenfrau, „hier links um die Ecke steht meist was bereit“. Sie zeigt ins Innere. „Da ist nichts“, erwidert die Verkäuferin. Sie verschwindet, kommt zurück. „Jetzt weiß ich Bescheid“, sagt sie. „Aber heute haben wir nichts.“

Beim nächsten Markt stehen Pappkartons bereit. Die Abgesandte der Kirche zerrt die Gaben an den Rand der Rampe. Durchweichte Pappe reißt. Sie greift in matschige Kartoffeln. Eine Schachtel liegt mit der defekten Seite nach unten, Tabs für die Spülmaschine rutschen raus und in offene Joghurtbehälter.

Man braucht viel guten Willen, um in den Gaben, die hier bereitgestellt werden, eine wohltätige Geste zu sehen. Manches wandert gleich von der Rampe in die Mülltonne. Man muss voll Tatendrang sein, um sich über das voll beladene Auto, in dem es jetzt streng riecht, zu freuen. Ansonsten drängt sich einem der Verdacht auf, dass dieser Supermarkt mit wohltätiger Geste seine Müllentsorgung erledigt. „Ich will mich nicht daran gewöhnen, was ich hier manchmal so vorfinde“, sagt die Kirchenfrau. Aber was soll sie tun? Vorsichtig anmerken, dass sie sich das anders vorgestellt hat? Ein Fass aufmachen?

Ein Viertel des Obstes und Gemüses, das die Versorgungsstelle bekommt, ist verfault. Mit stoischer Liebe zur Mission sortieren die Helfer Kartoffeln, Möhren, Radieschen, Bananen, Suppengrün, Salatköpfe, Rettiche, Porrees, Brokkoli, verpacken Aprikosen, Tomaten, Brot und Brötchen, drapieren alles zu einem ansehnlichen kleinen Angebot. „Kommt ihr klar?“, fragt eine Frau, die vom Hof zur Tür hereinschaut. „Jede Woche wieder eine Herausforderung!“, ruft eine Helferin.

Ein Mann schleppt Erdbeerkisten herbei. Sie tropfen. Jede Frucht wird angeschaut, die verwertbaren in kleinen Plastikschalen gesammelt. Unterm Porree lagert Katzenstreu. Es finden sich 14 Eier, ein paar schwarze Johannisbeeren. Es ist kurz vor zehn Uhr. Im Hof stehen schon die Leute, sie haben Beutel mitgebracht, viele den Rucksack, einige einen großen Rolli. „Es sind auch welche dabei, die raffen alles, was sie haben können“, sagt eine Helferin. „Mir fällt es dann schwer, freundlich zu sein.“

Im Winter gab es einmal so viele Bananen, dass jeder welche haben konnte. Oft sind nur drei Orangen im Angebot oder zwei Ananas. Die gehen dann an große Familien, ebenso wie Waschpulver, Milch und Butter.

Anfangs kamen vor allem Familien „einkaufen“ sowie allein lebende Ältere. Leute, denen man ihr Schicksal irgendwie ansah. Dass sie finanziell kaum über die Runden kommen. Dass sie keine Arbeit finden. Zwischen März 2005 und Juni 2006 hat sich die „Kundschaft“ in der Versorgungsstelle verändert. Sie ist besser angezogen. Es kommen arbeitslose Singles, von denen man meinen könnte, sie hätten sich hierher verirrt. „Sie sparen wohl Geld fürs Essen, um lieber mal ein Buch zu kaufen, eine Kino- oder Theaterkarte“, sagt eine Helferin, „Lebenskultur eben, die für sie unbezahlbar geworden ist.“

Die ersten Nummern, die um halb elf mit ihren Einkaufsbeuteln das Foyer des Gemeindehauses betreten, bekommen heute einen Brief. Ein Bewohner des Hauses hat ihn hinterlassen. Drin steht: „Ich bewundere, mit welch dauerhaftem Durchhaltevermögen Sie jeden Dienstag den Weg in unsere Gemeinde finden. Allerdings ignorieren Sie damit, dass es hier Mieter gibt, die gern länger schlafen würden.“ Böse Worte fallen nicht. Der Mieter schreibt: „Ich hoffe, wir können weitere Beschwerden vermeiden.“ Kostenlos altes Essen abholen, das geht auch leise, ohne andere Menschen zu stören. Das ist eine berechtigte Forderung. Und gleichzeitig das Problem.

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