Bettina Rheims : "Fotos entwickeln ist wie ein Rendezvous"

Als Jugendliche schloss sich Bettina Rheims in der Dunkelkammer ein. Heute sieht sie sich als Vampir - zwischen all den jungen Frauen vor ihrer Kamera.

Rheims
Das Bild "Le lait miraculeux de la Vierge a.d s. I.N.R.I". -Foto: ddp

Bettina Rheims, 57, ist Fotografin und lebt in Paris. Für ihre erotisch-provokanten Bilder bekam sie 1994 den Grand Prix de la Photographie. Weltruhm erlangte sie vor allem durch ihre Serie „Chambre Close“. Die Galerie c/o Berlin eröffnete jetzt im Postfuhramt Bettina Rheims’ Ausstellung „Can you find happiness?“.

Frau Rheims
, woher kommt Ihre Lust zu fotografieren?

Als Kind war ich Einzelgängerin. Schon sehr früh entdeckte ich die Dunkelkammer. Und einen Teil meiner Jugend habe ich eingeschlossen in diesem dunklen Raum verbracht, dort fühlte ich mich frei. Niemand durfte eintreten, vor allem meine Eltern nicht. Die Dunkelkammer war mein Refugium. Und ich liebte die Magie, wenn nach und nach das Bild auf dem Papier erscheint. Eine mystische Erscheinung! Um die Negative entwickeln zu können, musste ich eben Fotos schießen.

Ihnen ging es also gar nicht um ein Motiv?

Als ich jung war, hatte ich kein Thema, nur einen Fotoapparat. Ich knipste alles, was sich anbot: meine Schwester, meine Familie, im Mai 1968 die Demonstrationen. Aber ich glaubte nicht daran, dass man von seiner Leidenschaft leben könnte. Es schien mir zu schön, um wahr zu sein. Also jobbte ich. Erst als Model, dann als Galeristin. Und als ich, mit Mitte Zwanzig, wieder einen Fotoapparat in der Hand hielt, fragte ich mich: Was will ich sehen? Worauf habe ich Lust?

Sie hatten Lust auf Menschen.

Ja, ich war stark von Diane Arbus inspiriert...

...der amerikanischen Fotografin der Randgestalten, der Transvestiten und Liliputaner.

Das war wie ein plötzliches Erwachen. Ich arbeitete in einer Kunstgalerie und eines Tages schickte mich mein Chef nach München, um ein Gemälde abzuholen. Ich war zu früh da. Also spazierte ich im Park umher und landete bei einer Ausstellung von Diane Arbus. Ich kaufte den Katalog, las ihre Texte, entdeckte ein fantastisches Universum und verfiel ihr leidenschaftlich. Diane Arbus hatte sich zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 70er-Jahre, bereits umgebracht. Doch ich sagte mir: Dieses Leben, das sie gelebt hat, hätte ich auch gern. Und ich fing an, es zu leben.

Aber Sie fotografierten nicht Außenseiter, sondern Frauenkörper. Warum?

Aus Vergnügen. Ich wusste sehr schnell, dass Frauen mein Thema sind. Frauen, die sich ausziehen. Ich war an ihren Geschichten, ihren Beziehungen, ihrem Sex und ihrer Weiblichkeit interessiert. Ich habe den Körper der Frauen immer geliebt: Er ist wie eine Landkarte von imaginären Ländern. Und ich fragte einige meiner Bekannten, doch niemand wollte sich vor meiner Kamera entblößen. Zufällig traf ich ein Mädchen, das Amateur-Striptease auf Kirmesfesten machte. Ich lernte auch ihre Freundinnen kennen und fotografierte sie in Schwarz-Weiß. Ich hatte ein winziges Studio in einem kleinen Pariser Appartement. Dort war es nie hell, aber ich fotografierte nur innen, weil es mich irritiert, wenn man mir beim Arbeiten zuschaut. Ich hatte meine kleine Lampe, meine Rolleiflexkamera und bereitete das Dekor vor.

Was wollten Sie zeigen?

Die Haut. Jede Haut ist anders, sie kaschiert Geheimnisse, Wunden, Markierungen. Sie erzählt die Geschichte eines Lebens. Auch wenn sie noch sehr jung sind, haben Frauen manchmal Narben. Und manche Mädchen waren anfangs verwirrt. Das Bild, das ich von ihnen machte, hat sie befremdet. Es war ihnen zu hart.

Diese „harten“ Fotos hatten Erfolg: Sie wurden 1978 in einer der ersten Ausgaben der französischen Zeitschrift „L’Egoiste“ veröffentlicht.

Dort bin ich auch Helmut Newton begegnet. Zusammen mit Richard Avedon gab er diese Zeitschrift heraus. Immer wenn Helmut in Paris war, ging ich einmal die Woche zu ihm nach Hause, um ihm meine Fotos zu zeigen. Er erklärte mir, warum ein Foto misslungen war und das andere nicht. Ich schaute mir seine Arbeiten an. Unsere Bilder waren sehr unterschiedlich, obwohl er wie ich Frauen fotografiert hat.

Was hat Newton Sie gelehrt?

Ich wusste nichts darüber, wie man seine Modelle dirigiert. Wie man mit Menschen umgeht, was man von ihnen verlangen darf. Wer den Fotoapparat in der Hand hält, hat die Macht über seine Modelle. Man denkt schnell, dass man seine Macht ausnutzt. Helmut hat mir auch etwas über den eigenen Anspruch beigebracht. Er forderte extrem viel von anderen – und besonders von sich selbst. Er zeigte mir, wie man die eigene Arbeit bewerten kann, wie man Ausstellungen und Bücher vorbereitet. Das Centre Pompidou lud mich zu einer Ausstellung ein und auch die damals renommierteste Pariser Galerie „Textra“. Das war wunderbar!

Und wer lehrte Sie die technischen Raffinessen?

Die Technik lernt man, während man sie benutzt. Die Kamera war für mich ein Wunder. Da existiert ein roter Knopf, den ich drücke: der Auslöser. Ich habe ein Bild im Kopf und warte darauf zu sehen, ob es real geworden ist. Und ich mag diese Ungeduld nach einer Produktion, mir gefällt diese Erwartung. Es ist wie vor einem Rendezvous.

Ist digitales Fotografieren romantisch?

Nichts ist bei mir digital! Ich arbeite wie vor zwanzig Jahren: Ich mache ein Negativ, das kommt ins Labor und wird entwickelt. Ich sitze, wie früher, in meinem Büro und warte auf meine Kontaktabzüge. Manchmal ist niemand mehr im Studio, um acht Uhr ist Zeit für’s Abendessen. Ich bin allein und ganz aufgeregt, das Resultat endlich zu sehen. Dieser Wahn des Digitalen zerstört für mich das Wunder. Oder Handykameras: Jeder ist plötzlich überzeugt davon, dass er fotografieren kann.

Bearbeiten Sie Ihre Fotos auch nicht mit moderner Bildsoftware?

Meine Bilder brauchen nicht auf dem Computerbildschirm retuschiert werden, das ist etwas für die Modemagazine. Das tue ich nur bei Werbefotografien. Die Frauen auf meinen Bildern sind schön, sie sind es in ihrer Hingabe oder in ihrer Verlassenheit. Sie sind nicht im plastischen Sinne verschönert.

Ihre Bilder wirken manchmal sehr glatt und perfekt inszeniert, dadurch künstlich.

Mich beschäftigt das reale Leben sehr. Aber ich will es ja leben, nicht abbilden. Das Dokumentarische ist zwar ein wichtiger Teil der Fotografie, auch bei Diane Arbus übrigens. Aber ich benutze die Fiktion, um Wahrheiten besser erzählen zu können, sie auf extremere Weise zu zeigen. Das Abbild der Realität begrenzt einen doch. Man fotografiert eine Szene, aber sieht nicht mehr als das, was gerade geschieht: Ein Mittagessen, ein Unfall, ein Fußballspiel – da hört es auf. Meine Bilder vermitteln etwas, das sich dahinter, außerhalb dessen, was man betrachtet, befindet. Sie sind ein Ventil für mein Inneres.

Ist der weibliche Blick auf Frauen beim Fotografieren ein anderer als der männliche?

Ich weiß, wie eine Frau gemacht ist. Mein Blick ist nicht der eines Voyeurs. Er ist nicht aufdringlich-peinlich, sondern freundschaftlich. Der Blick einer Komplizin. Es kann auch ein Blick der Lust sein, aber sie ist dann nicht sexuell, niemals gefährlich. Die Frauen fragen sich nicht: „Was kommt als Nächstes?“ Sie vertrauen mir. Ich habe niemals ein degradierendes oder vulgäres Foto gemacht. Obwohl manchmal die Grenze zur Pornographie hauchdünn ist. Ich balanciere auf einem Drahtseil, wie die Tänzerin im Zirkus.

Sie retten sich rechtzeitig?

Ich spüre, wo das Limit liegt, das ich nie überschreiten würde. Es gibt eine Traurigkeit in der Pornografie. Meine Arbeit ist aber niemals trist. Ich habe einen wohlwollenden, entgegenkommenden Blick. Durch seine Nacktheit kann ich in die Seele eines Menschen schauen, jenseits seiner Künstlichkeit, seiner Kleidung, seines sozialen Daseins. Diese Nacktheit ist etwas sehr Privates. Sie bewirkt eine Art Verwirrung. Waren Sie schon mal nackt vor 15 Leuten, die um Sie herumstehen?

Was meinen Sie mit Verwirrung?

Man wird verletzbar. Die meisten legen ihre Angst mit den Klamotten ab. Es kann eine große Intimität erwachen, und es entstehen intime Gefühle. Es ist diese Intimität, die mich an Menschen wirklich interessiert. Dafür müssen sie nicht zwangsweise nackt sein. Diese gewisse Schamlosigkeit kann sich auch in einer Geste oder einem Blick zeigen.

Nacktheit regt heutzutage kaum jemanden auf.

Das ist komisch, mich fragen oft Leute: Wie können Sie noch so arbeiten? In dieser konfusen Ära, wo alle überall nackt sind. Trotzdem glaube ich, dass meine Bilder weiter existieren und etwas anderes erzählen als die der Magazine, in denen die Masse der Bilder Wegwerfware sind: Sie locken den Blick, aber sie verführen einen nicht zum Nachdenken. Die Männer haben einen sexuellen Blick auf meine Bilder, sie reagieren wie auf einen Pin-up-Kalender. Frauen bewundern meine Arbeit. Meine größte Sammlerin ist übrigens eine junge schöne Deutsche.

Sie kennen Ihre Sammler persönlich?

Ich habe einige von ihnen getroffen. Mich interessiert, warum jemand meine Bilder schätzt. Es gibt eine neue Sorte von Kunstsammlern, aus aufstrebenden Ländern wie Russland, Indien und China. Sie kaufen Fotografie, ohne dass sie die dafür notwendige Kultur haben. Ihr Geschmack ist ein anderer, sie wollen die Fotos der Stars. Und ich frage mich: Was ist wichtiger? Meine Handschrift oder dass Kate Moss auf dem Bild ist?

Auf manchen Ihrer Porträts von Prominenten wie Angelina Jolie oder Monica Bellucci verschmilzt beides. Inspiriert Sie Glamour?

Ich spiele damit. Die Leute hängen an diesem falschen Glamour, den Illusionen. Natürlich würde es mich amüsieren, Paris Hilton zu fotografieren. Bloß, um mich dieses Glamour-Klischees zu bedienen: der falschen Prominenz, der chirurgisch behandelten Gesichter, dem übertriebenen Stil, dem ach so freizügigen Sex. Wir reden permanent über Sex und haben doch kaum noch Zeit, ihn zu machen.

Wie kommen Sie denn darauf?

Ich habe erlebt, wie junge Chinesinnen ihre Karriere an die oberste Stelle in ihrem Leben setzen, das Private, die Liebe, körperlich oder seelisch, kommt danach. Das ist abgrundtief traurig. In meinem Alter wird Sex bedeutungsloser, ich bin zu beschäftigt mit der Arbeit. Doch ich gehöre einer Generation an, für die Sex einmal sehr wichtig war. Es gab zwar ein Risiko schwanger zu werden, aber es hat auch niemanden von uns getötet, abzutreiben. Mein Sohn Virgil ist heute 27. Er gehört zur Generation Aids, ist mit der Angst aufgewachsen, dass Sex auch Tod sein kann. Meine Fotoreihe über die Androgynen handelt auch von dieser Gefahr.

Die jungen Chinesinnen fotografierten Sie vor ein paar Jahren für die Reihe „Shanghai“. Ließen sie sich leicht zu erotischen Posen überreden?

Sie waren sehr misstrauisch: Was wird mein Nachbar dazu sagen oder mein Chef? Werden die Bilder in China erscheinen? Und sie fragten sich alle: Warum fotografiert man mich? Was habe ich mehr als die anderen? Wenn ich wissen wollte, wer sie sind, antworteten sie: Ich stamme aus dieser Region, habe da und dort studiert … Sie definierten sich immer in Bezug auf ethnische oder soziale Gruppen, niemals als Individuen. Während der Zeit des Kommunismus hatten Frauen nicht das Recht, Frauen zu sein. Man steckte sie in eine Uniform, sie sollten so leben und lieben wie Männer. Heute entdecke ich dort eine Kollision der Kulturen in den Köpfen der Frauen: Zwischen der Westkultur und den Traditionen, die sie verloren haben. Die chinesischen Frauen haben sich zum Schluss immer bei mir bedankt, weil ich ihnen etwas über Verführung beigebracht hätte. Sie benutzten plötzlich Lippenstifte.

Das Symbol der Verführung – wie auf Ihren Bildern von jugendlichen Schönheiten. Warum fotografieren Sie keine älteren Frauen?

Weil die Jugend die Schönheit ist! Beim Fotografieren bin ich wie ein Vampir. Mich immer mit sehr jungen und sehr schönen Frauen zu umgeben, zwingt mich auf gewisse Weise, streng zu mir selbst zu sein. Und auf mich zu achten. Es ist eine wechselseitige Beziehung. Ich nehme den Körper, das Gesicht und modelliere auf meine Weise. Als Fotografin bin ich wie eine Malerin: Ich schaffe meine Bilder. Ich setze sie in Szene, wähle das Dekor, die Kleider. Ich erfinde Geschichten in meinem Kopf. Meine Arbeit ist auch ein bisschen wie Bildhauerei. Ich fühle mich Auguste Rodin näher als den meisten meiner Kollegen.

Ältere Männer, wie Jacques Chirac, können Sie reizen?

Ich habe das offizielle Bild von Chirac gemacht, über zehn Jahre ist das mittlerweile her. Damals hatte gerade meine „Chambre close“-Serie, die freizügigen Frauenporträts in Bordellzimmern, einen Riesenskandal in Frankreich ausgelöst. Chirac war noch Bürgermeister von Paris und lud mich zum Abendessen ein. Ich zögerte, er hatte die Reputation, ein großer Verführer zu sein. Ich begegnete dann einem charmanten Monsieur, dessen Leidenschaft die Fotografie war. Er kannte alle meine Bilder.

Hat Nicolas Sarkozy schon angerufen?

Ich habe ihn im Dezember für die Zeitschrift „Paris Match“ vier Tage lang begleitet. Eine spannende Zeit: Gaddafi war gerade in Paris, und wir waren beim EU-Gipfel in Lissabon. Ich war überall dabei, saß in seinem Auto, ohne Assistenten, nur mit den alten Fotoapparaten. An einem Samstagmittag habe ich ihn dann wieder alleingelassen – und nachmittags zeigte er sich mit Carla Bruni in Disneyland.

Wie war er?

Wenn man das Politische mal weglässt: Ich habe einen passionierten, großzügigen, witzigen Typen getroffen, mit einem erstaunlichen Sinn für menschliche Beziehungen. Und hätte man mich gebeten, die Hochzeit von Carla Bruni und Nicolas Sarkozy zu fotografieren, hätte ich das natürlich gemacht. Als Bürgerin und Frau gibt es allerdings einiges, was mich an ihm als Präsident Frankreichs stört, und diese Überflutung mit privaten Geschichten ist keine optimale Situation.

Sie sind umtriebig, häufig unterwegs...

Und das ist der Teil meiner Arbeit, den ich nicht mag. Ich fühle mich unwohl in Flugzeugen und schlafe am liebsten in meinem eigenen Bett. Wie gerne würde ich mit dem Mann meines Lebens mal Urlaub machen. Aber wir arbeiten zu viel.

Genießen Sie es, in Gesellschaft zu sein?

Ja. Ich nerve nicht mehr so wie wie früher. Ich bin jetzt fähig zur Nachsicht, habe gelernt, die Menschen und vor allem mich zu lieben. Meine Arbeit hat mich befriedet. Und nun mit Mitte Fünfzig bin ich dort, wo ich sein wollte: Ich weiß alles über mein Metier. Und ich gefalle mir als Mensch.

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