Zeitung Heute : Beule in der Beuge

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Der Leistenbruch muss nicht immer unters Messer

Hartmut Wewetzer

Mancher bemerkt die Beule in der Leiste beim Stehen unter der Dusche und schöpft Verdacht. Aber der ist oft unbegründet, denn häufig ist nur ein Leistenbruch die Ursache der Schwellung. Dabei schiebt sich aufgrund eines Lochs in der Bauchwand eine Ausstülpung des Bauchfells mitsamt Teilen von Bauchorganen – nicht selten Darmschlingen – in die Leiste vor. Das klingt schlimmer, als es ist. Meist lässt sich der Bruch zurückschieben, und im Liegen verschwindet er ganz. Macht er keine ernsten Beschwerden, wie Schmerzen oder Verdauungsstörungen, dann muss ein Leistenbruch nicht operiert werden.

Zu diesem Ergebnis kommt nun auch eine Studie amerikanischer Ärzte, die im Fachblatt „Jama“ veröffentlicht wurde. Die Mediziner nahmen sich Männer mit Leistenbruch vor, die allenfalls leichte Beschwerden hatten (wegen ihrer Anatomie sind Männer zu 80 bis 90 Prozent betroffen). Die eine Hälfte der Patienten wurde operiert, die andere nicht. Bei den Nicht-Operierten kam es nur zwei Mal zum Leistenbruch-Notfall, nämlich der Einklemmung des Bruchsacks im Leistenkanal. Das geschah lediglich 1,8 Mal in 1000 „Patientenjahren“. Fazit der US-Chirurgen: Es ist legitim, mit der Operation von Leistenbrüchen zu warten, sofern der Bruch keine Probleme macht.

In Deutschland werden jedes Jahr rund 200 000 Leistenbrüche operiert, schätzt der Chirurg Ernst Kraas von den Berliner DRK-Kliniken Westend, der Eingriff ist damit die häufigste Operation überhaupt. Aber Kraas plädiert wie die amerikanischen Ärzte für Zurückhaltung: „Dass man eine Beule in der Leiste hat, ist noch kein Grund für einen Eingriff. Denn wer keine Beschwerden hat, bei dem kann eine Operation auch nichts besser machen.“ Doch ein Eingriff kann schaden – und wenn man nicht einmal die Chance hat, dass er den Zustand des Patienten verbessert (weil es nichts zu verbessern gibt), ist es besser, das Skalpell beiseite zu legen.

Einen Trend zur Zurückhaltung gibt es auch bei anderen häufigen Operationen, zum Beispiel beim Herausnehmen des Wurmfortsatzes („Blinddarm“). Hier hat man in Deutschland früher des Guten zuviel getan, sagt Kraas. Der „Blinddarm“ wurde nicht selten ohne guten Grund herausgenommen. Auch eine mit Steinen gefüllte Gallenblase kann in aller Regel bleiben, wo und wie sie ist, so lange sie keine Beschwerden macht. Gleiches gilt für die Gaumenmandeln, die in den 60er Jahren schon herausgenommen wurden, wenn sich nur von fern ein Eiterstippchen auf ihnen zeigte.

Viele Ärzte haben also dazu gelernt. Weniger kann mehr sein, zumindest für den Patienten. „Wenn es nicht entzwei ist, dann repariere es auch nicht“, sagen die Amerikaner. Allerdings gibt der Chirurg Kraas zu bedenken, dass kommerzieller Druck viele Mediziner in Zukunft dazu verleiten könnte, doch zu operieren. Manche Internetseiten von Chirurgen erwecken tatsächlich den Eindruck, als sei ein Leistenbruch ein Notfall und dulde keinen Aufschub. Viele Menschen schwören dagegen immer noch auf ein bewährtes Hausmittel – ein Bruchband.

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