Zeitung Heute : Bevor es um ihn dunkel wurde

Familienvater, Doktorand, SPD-Mitglied, Fußballer – wer ist das Opfer der Schläger von Potsdam?

Philipp Lichterbeck[Potsdam]

Es ist eine Nacht, die schlimm endet. Sie hat gut angefangen, mit einem Fest. Ermyas M. feiert am Ostersamstag, mit seiner Frau Steffi und Bekannten im Hinterhof des Potsdamer Mehrfamilienhauses, in dem sie wohnen. Es ist eine der ersten milden Nächte des Frühlings. Dann gibt es Streit mit Steffi, aber auch das ist noch gut, gemessen an dem, was danach passiert. Steffi und Ermyas haben zwei bildhübsche vierjährige Kinder, Zwillinge. Ermyas betrinkt sich, wahrscheinlich wegen des Streits, auf jeden Fall ist es ungewöhnlich für ihn.

Der 37-Jährige misst einen Meter 97, er ist ein schlanker und feingliedriger Mann. Bei seinen Freunden gilt er als das verkörperte Verantwortungsbewusstsein. Jemand, der vielfach sozial, politisch und sportlich engagiert ist und nie über die Stränge schlägt. Außerdem muss er in wenigen Tagen seine Doktorarbeit am Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam-Bornim verteidigen.

Doch dazu wird es nicht kommen. Am Ende der Nacht liegt Ermyas M. mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen im Krankenhaus, weil der Zufall ihn auf zwei Männer treffen lässt, die ihm den Schädel eintreten. Weil er schwarz ist?

Ermyas M. wurde in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba geboren. Seit 1987 lebt er in Deutschland, kam damals nach Rostock zum studieren.

Was für ein Mensch ist dieser Ermyas? Dessen Schicksal dazu geführt hat, dass in Potsdam gebuchte Hotelzimmer storniert werden und in Deutschland wieder über Rassismus debattiert wird?

In der Nacht macht er sich gegen drei Uhr in der Frühe noch einmal auf zu seiner Stammkneipe, das Fajngold, eines der wenigen linken Lokale Potsdams. Er ist mit den beiden Betreibern, Kim und Dirk, befreundet. Mit Kim spielt er in der Ü 35-Mannschaft von Fortuna Babelsberg Fußball. Ermyas, so ist man sich einige Tage später in der Vereinskneipe einig, ist ein intelligenter und gewandter Mittelfeldspieler. „Er sprach akzentfrei Deutsch, nicht wie andere Ausländer“, sagt Trainer Detlev Schülke, der verkennt, das Ermyas Deutscher ist. Seit ein paar Jahren hat er den Pass.

Ermyas läuft durch seine bürgerlich bis linksalternativ geprägte Wohngegend, die ein bisschen an den Prenzlauer Berg in Berlin erinnert. Von seiner Wohnung zur Bus- und Straßenbahnhaltestelle Charlottenhof sind es nur wenige hundert Meter. Nachtbusse fahren von dort in Richtung Hauptbahnhof. Um 3 Uhr 28 steigt er in den N 31 ein. Als er die 50 Cent Nachtzuschlag zahlen soll, reicht er dem Busfahrer einen 20-Euro-Schein. Der Busfahrer erstattet ihm das Wechselgeld in Münzen zurück. Ermyas reagiert ungehalten und sagt: „Das können Sie behalten.“ Wütend steigt er wieder aus und wartet auf den nächsten Bus. Um kurz vor vier ruft er seine Frau auf dem Handy an, um mit ihr über den Streit zu sprechen. Doch sie geht nicht ans Telefon. Ermyas spricht auf die Mailbox.

Unterdessen kommen jene zwei Männer an der Haltestelle vorbei, vielleicht sind es Björn L. und Thomas M., die am Donnerstagnachmittag als Tatverdächtige festgenommen wurden. Es ist ein fatales Zusammentreffen: Der große Schwarze mit den Rastalocken, die bis zu den Lendenwirbeln reichen, und zwei Männer, der eine kleinkriminell und gewalttätig, der andere zumindest als Sympathisant der rechten Szene polizeibekannt.

Björn L. ist Türsteher, Bodybuilder und Thomas M. ist mit berüchtigten rechten Schlägern befreundet. Der Polizei gegenüber bestreiten sie die Tat. Björn L. soll sogar ein Alibi haben. Er sei die ganze Woche über krank gewesen, behaupten Freunde. Angeblich gehört Björn L. der Bande „Gremium“ an, die europaweit immer wieder mit Drogen- und Waffenhandel in Verbindung gebracht wird.

Welch ein Kontrast zu Ermyas. Der, so sagen es alle, die ihn kennen, besitzt eine „wunderbare Aura“. Als jemand, der von innen heraus strahlte, charakterisiert Anas Aboubakari ihn, der aus Togo stammt und dessen Freunde erschrocken dachten, er sei das Opfer gewesen.

An der Bushaltestelle pöbeln die Männer Ermyas an. Die Mailbox von Steffi M. zeichnet die verbale Auseinandersetzung undeutlich auf. Ermyas sagt etwas wie: „Geh mal anders rum, Mann!“ Eine hohe Stimme erwidert „Ey, Nigger“. Björn L. hat eine solch hohe Stimme, seine Freunde nennen ihn deshalb Piepsi. Doch Ermyas ist niemand, der sich leicht einschüchtern lässt. „Wenn ihm etwas nicht passte, dann rollte er mit den Augen“, sagt Dirk vom Fajngold. „Dann versuchte er aber immer, eine Lösung für einen Konflikt zu finden.“

Ermyas fragt die Männer, warum sie ihn „Nigger“ nennen. Wortfetzen sind zu vernehmen, die Aufnahme bricht dann ab. Doch klar ist, dass Ermyas brutal zusammengeschlagen wird. Die Täter traktieren seinen Kopf. Als ein Taxifahrer hält, flüchten sie.

Später findet die Polizei Fußspuren, Fingerabdrücke und Scherben, an denen auch Blut klebt, das nicht von Ermyas stammt. Diese Tatsache – und dass der Ingenieur zwei Promille Alkohol im Blut hat– veranlassen Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu der Aussage, dass der rechtsradikale Hintergrund der Tat nicht eindeutig geklärt sei.

Um 4 Uhr 30 wird Ermyas ins Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum eingeliefert. Die Ärzte stellen fest, dass sein Schädel an einigen Stellen gesplittert ist. Sie versetzen ihn in ein künstliches Koma. Um den Druck von seinem geschwollenen Gehirn zu nehmen, öffnen die Chirurgen dann ein handtellergroßes Stück Schädel. Ob und wann Ermyas aufwachen wird, können sie nicht sagen. Aber es sei möglich, dass er neben den seelischen auch bleibende körperliche Schäden davontragen wird. Wenn er überlebt.

Solange keine Klarheit darüber herrscht, möchten die meisten aus Ermyas’ Bekanntenkreis nicht viel über ihn sagen. Aus Respekt vor „diesem respektvollen Menschen“ wie eine Freundin am Telefon sagt. „Ermyas hat immer die Privatsphäre anderer geachtet“ sagt sie. „Das will ich ihm zurückgeben.“

Auch Ermyas’ Frau Steffi möchte nicht reden. Weil sie tagelang bedrängt wurde und die Medien das Haus belagerten, hat sie das Telefon abgeschaltet. Sie verbringt viel Zeit bei Ermyas im Krankenhaus. Und sie hat die Presse darum gebeten, dass keine Fotos mehr von ihm abgedruckt werden.

Ermyas’ erste Frau Marion M., die er 1994 in Rostock heiratete und mit der er eine zwölfjährige Tochter hat, hingegen redet. Und sie gibt Hochzeitsbilder an die Presse. Frau M. wohnt heute in der Nähe von Hamburg. Sie war der Grund, warum Ermyas 1997 Rostock verließ, wie sein damaliger Professor sich erinnert. Die Liebe war verbraucht. Der Professor spricht davon, dass Ermyas nicht nur als „Mann sehr präsent“, sondern auch ein ungemein intelligenter Wissenschaftler sei. Er habe sich sehr gefreut damals, als Ermyas wegen seiner ausgezeichneten Diplomarbeit über die Wasserversorgung Rostocks ein Stipendium erhalten habe, das ihm die Weiterarbeit an der Universität ermöglichte. Und er bedauerte es, als Ermyas nach Potsdam zog.

Der Eindruck, den er hier hinterlassen hat, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: bereichernd. Menschlich, wissenschaftlich, für die Gemeinschaft. Sogar der Busfahrer, der Ermyas oft vom auf den Feldern gelegenen Agrarinstitut in die Potsdamer Innenstadt gefahren hat, erinnert sich an einen „sehr höflichen und gepflegten Afrikaner“.

Ermyas scheint nicht nur körperlich über andere hinauszuragen. Wen immer man fragt, es wird geschwärmt. „Einer, der viel mehr deutscher Staatsbürger war, als manche Idioten, die sich dafür halten“, sagt ein hoher SPD-Politiker.

Seit zwei Jahren ist Ermyas M. Sozialdemokrat, Mitglied im Ortsverein Potsdam-West. Er machte am Wahlkampfstand mit und arbeitete als Wahlhelfer. „Ein linker Demokrat“ ist er, heißt es aus der SPD. Einer, dem Potsdam am Herzen lag. „Für Ermyas war Potsdam wirklich eine wunderschöne Stadt“, sagt Abraham Tezerra von der Äthiopisch-Orthodoxen Gemeinde in Berlin-Schöneberg. Ermyas nahm regelmäßig an den Gottesdiensten in der Kirche an der Hauptstraße teil und brachte seine Söhne mit. Danach ging er oft mit seiner Frau in ein äthiopisches Restaurant beim Nollendorfplatz. „Die äthiopische Küche hat er vermisst in Potsdam“, sagt Tezerra. „Er hatte kein Heimweh nach Äthiopien. Aber er hat sein Geburtsland nie vergessen.“

Tatsächlich hatte Ermyas M. vor, die Erkenntnisse aus seiner Doktorarbeit in Äthiopien vorzustellen. Sie handelt von Maschinen, die Gemüse schnell und mit geringem Wasserverbrauch reinigen. Wasser spielte ohnehin die größte Rolle in Ermyas’ Studium. „Landeskultur und Umweltschutz“, heißt sein Rostocker Studiengang, Ermyas hat sich auf Siedlungswasserwirtschaft spezialisiert. Vielleicht weil er aus einem Land stammt, in dem Wassermangel eines der größten Probleme ist. Seine Diplomarbeit aus dem Jahr 1994 „war ausgezeichnet“, erinnert sich sein Professor. Ermyas wollte demnächst sogar eine Firma gründen.

Wer weiß, wie er es geschafft hat, sich daneben noch so vielfältig zu engagieren. Im Potsdamer Kulturverein „Al Globe“ stellte er sich vor wenigen Tagen vor. Ermyas wollte eine monatliche Veranstaltung für Kinder rund um den Kontinent Afrika organisieren. „Von Afrika wüsste man in Potsdam noch zu wenig, hat er gesagt“, erinnert sich die Geschäftsführerin von „Al Globe“, Katrin Werlich. Sie schwärmt von der Begegnung: „Ermyas war wie aus dem Bilderbuch. Er hatte keine geborgte Autorität wie andere Männer. Er war souverän, seine Vorschläge waren realistisch.“ Auch für den Ostersonntag hatte Ermyas einiges vor. Er wollte das Konzept für die Veranstaltung ausarbeiten.

Mitarbeit: Peter Tiede

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