Zeitung Heute : Bewaffnete Abrechnung auf dem Schulhof

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Gehrke

Ein Nachmittag auf den Straßen Berlins. Es waren Ferien, es war nicht viel los. Eine Pöbelei änderte das für Jan, seine Freunde und etwa acht Jugendliche einer anderen Gruppe schlagartig. Sie verabredeten sich auf dem Gelände einer Grundschule in Charlottenburg. „Jeder hat sich mit jedem geschlagen“, sagte der 18-jährige Jan gestern vor einer Jugendstrafkammer. Dort muss er sich wegen versuchten Totschlags verantworten. Er hatte ein Messer gezogen und einen 17-Jährigen lebensgefährlich verletzt.

Der Anlass war nichtig und hatte mit dem Angeklagten gar nichts zu tun. Einer seiner Freunde hatte einen 14-Jährigen „angemacht“. Weil Mario seine Schlaghosen in die Socken gesteckt hatte, soll ihm Jans Kumpel nachgerufen haben: „Du läufst ja rum wie ein Türke.“ Mario sagte vor Gericht: „Ich bin frech geworden, er schlug zu.“ Daraufhin hatte der Schüler Freunde mobilisiert. Sie wollten den Freund von Jan zur Rede stellen, „die Sache regeln“. Die Verabredung lautete: „In einer Stunde auf dem Schulhof.“ Die Langeweile war vorbei.

Bei Jan traf die Nachricht per Telefonanruf ein. Er besuchte damals einen berufsvorbereitenden Lehrgang und saß zu Hause in Neukölln. Als er hörte, dass sich „acht Leute den Thomas schnappen wollen“, zog er los. Er sei an jenem Tag im Oktober vergangenen Jahres „ohnehin gereizt“ gewesen, sagte er gestern den Richtern. „Meine Freundin hatte mich zwei Tage zuvor verlassen, ich hatte mir die Birne mit Drogen zugemacht.“ Gemeinsam mit mehreren Freunden sei er dann über den Zaun aufs Gelände der Moltke-Grundschule gesprungen. „Da standen schon acht Jungs mit Eisenstangen da und warteten auf uns.“

Mario, ein schmaler Junge, soll den breitschultrigen Jan angegrinst haben. „Ich empfand das als Provokation“, sagte der Angeklagte. Er habe Mario ins Gesicht geschlagen. Dann sei die Situation eskaliert. Einer habe ihm eine Bierflasche über den Kopf geschlagen, er zog „aus Reflex und aus Angst“ sein Messer. Als er einen der Gegner treten wollte, sei er ausgerutscht. „Da habe ich zugestochen.“ Wenig später rief ihn eher zufällig seine Freundin an. Sie habe am Telefon gesagt: „Das ist doch nicht schlimm, das passiert doch jeden Tag.“

Einen gezielten Stich in den Oberkörper des 17-jährigen Opfers aber bestritt Jan. „Ich habe gehofft, es geht nur ins Bein, weil das am ungefährlichsten ist.“ Die Richter widersprachen ihm. Er stimmte ihnen schnell zu, wollte aber nicht als einer gelten, „von dem Gewalt ausgeht“ – und brachte andere ins Spiel. Einer seiner Kumpels habe ihn auf dem Weg zu dem Treffen am frühen Abend mit der anderen Gruppe „aufgehetzt“, es seien andere gewesen, die auf den lebensgefährlich verletzten Roman weiter eintraten.

Mario sagte, die andere Gruppe um Jan sei mit etwa zehn Leuten angerückt. Einer aus seiner Gruppe sei mit einer Eisenstange bewaffnet aufgetaucht. Was genau auf dem Schulhof passieren sollte, sei ihm nicht klar gewesen. „Haben die anderen angefangen?“, wollte der Richter wissen. „Würde ich nicht sagen“, meinte der Zeuge. Den Angeklagten kannte er nicht. Und der teilgeständige Jan kannte das 17-jährige Opfer nicht. „Es ist tut mir sehr leid“, beteuerte er den Richtern zu Prozessbeginn.

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