Zeitung Heute : Bewahren helfen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ach, Mitte, es ist schon traurig mit Dir. Lange warst Du unser Zuhause. Wir wohnten gleich um die Ecke von den Orten, an denen wir Party machten. Wir haben in Deinen leer stehenden Häusern, großen Kellern und Hinterhöfen gefeiert, ungestört bis in die frühen Morgenstunden. Spaziert man heute dagegen in Dir herum, denkt man nur: Wo kann das alles, was früher passierte, heute noch möglich sein? Dein Herz, die Straßen rund um den Hackeschen Markt, da, wo wir oft und besonders heftig feierten, ist nach Einbruch der Dunkelheit heute eine einzige Touristenschleuse geworden. Es locken mintfarbene Shopping-Galerien, Grossisten-Shops in jedem zweiten Haus und seltsame Lokale mit seltsamen Namen wie „Boma“. Es ist ein Ort geworden, den Berliner heute so weit wie möglich meiden. Gäbe es dort nicht noch wenigstens einige nette Kinos, würde man die Gegend bei seiner Nachtleben-Planung längst links liegen lassen.

Eines dieser Kinos befindet sich im Hinterhof der Rosenthaler Straße 39, dort steht das Gebäude des „Haus Schwarzenberg“. Betritt man den Hof, ist es so, als sei die Zeit stehen geblieben. Keine Sanierung hat der Fassade die original DDR-Patina geraubt, hier ist uriges Post-Mauerfall-Mitte noch allgegenwärtig. Links befindet sich das Eschloraque Rümpschrümp, eine Cocktail-Bar, die im Schrott und Schweiß-Stil der späten Berliner Achtziger Jahre eingerichtet ist, daneben liegt das Kino Central. Seit langem ist das nicht nur für Cineasten ein wichtiger Mitte-Bezugspunkt. In der Hofanlage haben kleine Musik-Labels, Modefirmen, Künstler-Ateliers und Mini-Verlage ihr Zuhause. Das „Haus Schwarzenberg“ und sein Hof ist in dieser Gegend das letzte Kleinod, unabhängiger und selbstverwalteter Initiativen, das bis heute ohne jegliche Unterstützung des Landes floriert. Aber wie es so ist, in Mitte: Dieser letzte unsanierte Hinterhof in der Gegend des Hackeschen Marktes wird in Kürze versteigert. Womöglich an einen Investor, der auch aus dieser Ecke einen Luxuskomplex gestalten möchte. So, als gäbe es davon nicht sowieso schon genug.

Glücklicherweise aber haben nun die verschiedenen Mieter des Gebäudekomplexes eine Initiative gebildet, die versucht, das Areal selbst zu ersteigern. Das geschieht nicht, um die Versteigerung zu verhindern, sondern um die bestehende Form der Nutzung weiterzuführen. Und Sie können natürlich auch dafür sorgen, dass es mit dem „Haus Schwarzenberg“ weitergeht. Spenden sind natürlich besonders herzlich willkommen, aber auch ein Blick auf die Website hilft der Initiative. Ende März und Mitte April wird es übrigens einige hochkarätig besetzte Partys geben, mit denen weitere Mittel für die Ersteigerung aufgebracht werden sollen. Darüber halte ich Sie dann an dieser Stelle auf dem Laufenden.

An diesem Wochenende sollten Sie erstmals auf ihrem Ausgeh-Plan einen Abstecher in die Rosenthaler Straße 39 machen – um noch mal zu schauen, wie es damals war in Mitte. Und was es heute unbedingt zu erhalten gilt.

Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Straße 39, Mitte. www.haus-schwarzenberg.org

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar