Zeitung Heute : Bewegung an der Spitze

Friedhard Teuffel

Um Erfolg im Sport zu bewerten, wird ein Messinstrument weltweit anerkannt: der olympische Medaillenspiegel. Wenn es nach ihm geht, sind die Deutschen im Winter die Stärksten, während sie im Sommer allmählich schwächer werden. Die Medaillenauszählung bei den Winterspielen in diesem Jahr in Turin haben sie jedenfalls mit elf Goldmedaillen gewonnen, im Athener Sommer 2004 landete Deutschland am Ende mit 13 Mal Gold nur noch auf dem sechsten Platz. Dabei konnten die Deutschen noch nicht einmal die Hälfte der Goldmedaillen der Spiele von Barcelona 1992 erreichen, als sie mit 33 ersten Plätzen im Medaillenspiegel Rang drei belegten.

Bei den Winterspielen wird sich an der deutschen Dominanz wohl nichts ändern, schon weil hinter dem Erfolg zwei große Institute stehen, eins für Materialentwicklung in Berlin und eins für Trainingswissenschaft in Leipzig. Sie versorgen die Sportverbände mit der neuesten Technik und dem besten Wissen. Bei den nächsten Sommerspielen 2008 in Peking wird es in manchen Disziplinen sicher wieder große deutsche Erfolge geben, zum Beispiel beim Rudern, Reiten und Schießen. Oder in den Kanuwettbewerben, bei denen die Deutschen in Athen gleich viermal siegreich waren. Das liegt daran, dass diese Sportarten nicht weltweit betrieben werden und in Deutschland eine hohe Leistungsdichte herrscht.

Wenn sich die Leistungssportplaner in Deutschland um etwas Sorgen machen, dann vor allem um einige der sogenannten olympischen Kernsportarten, also Sportarten, die bei den Spielen große Tradition haben und in denen besonders viele Medaillen vergeben werden. Das sind in erster Linie Leichtathletik, Schwimmen und Turnen. In keiner dieser drei Sportarten konnten die deutschen Athleten in Athen eine Goldmedaille gewinnen, einmal abgesehen von Anna Dogonadze auf dem Trampolin. Die deutschen Athleten schienen den Anschluss zu verlieren und hineinzurutschen in die Abwärtsspirale: weniger Erfolg gleich weniger Förderung gleich weniger Nachwuchs gleich noch weniger Erfolg.

Doch Athen ist nun schon zwei Jahre her, und gerade in diesem Jahr haben sich die deutschen Athleten offenbar wieder gesteigert – auch und gerade in den Kernsportarten. Die deutschen Schwimmer gewannen in Budapest zwölf Europameistertitel, die deutschen Leichtathleten in Göteborg vier. Es waren zwar nur Erfolge auf kontinentaler Ebene. Aber einige Leistungen hätten auch im Weltmaßstab Bestand, nicht nur die Weltrekorde der Schwimmerin Britta Steffen und von zwei Schwimmstaffeln. In der Leichtathletik zeigten die deutschen Athleten Leistungssteigerungen in besonders attraktiven Disziplinen, im Mehrkampf, beim Hürdensprint und auf der Langstrecke.

Und beim Turnen ist in den vergangenen Jahren ein neuer Hoffnungsträger herangereift, Fabian Hambüchen aus Wetzlar. In Athen verpasste er als 16-Jähriger noch knapp eine Medaille im Reckfinale, doch bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking könnte er auf seinem vorläufigen Leistungshöhepunkt angelangt sein.

Der neue Aufschwung scheint einige Gründe zu haben. Die Leistungssportplaner rücken ein wenig ab vom Planen im klassischen Sinn und fördern mehr Individualität. Sie verabschieden sich von starren Systemen und schauen mehr denn je, was sie von anderen Nationen lernen können. Sportdirektoren und Cheftrainer versuchen außerdem, alle möglichen Bereiche auszureizen, sie empfehlen Athleten die Zusammenarbeit mit Psychologen und bemühen sich um einen guten Mannschaftsgeist – auch in Einzelsportarten wie dem Schwimmen und der Leichtathletik. Was der Mannschaftsgeist bewirken kann, das haben die Deutschen zuletzt bei der Fußball-Weltmeisterschaft erleben können.

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