Zeitung Heute : Bewegung bringt’s

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: eine Gesundheitsformel für Dick und Dünn

Hartmut Wewetzer

Schlank um jeden Preis – das ist ganz sicher der falsche Weg zum besseren Leben. Es ist gesünder, etwas mehr zu wiegen und sich regelmäßig zu bewegen. Darüber hatte ich vor drei Wochen an dieser Stelle geschrieben und prompt akademischen Beistand erhalten. Der Physiologe Karl Kirsch von der Freien Universität Berlin rät, bei der Bewertung der Frage, ob jemand dick sei, immer den Körperbau zu berücksichtigen. Eigentlich beginnt ja Übergewicht bei einem BMI, einem „Body Mass Index“ von 25 (der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat). „Kleinwüchsige, untersetzte, gedrungene Menschen haben gewöhnlich einen BMI, der ihrem Körperbau entsprechend immer über 25 liegt und manchmal in der Tat an 29 heranreichen kann, ohne dass man von Übergewicht sprechen sollte“, schreibt Kirsch. „Sie fühlen sich wohl dabei.“

Es war der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer, der die Menschen in Typen eingeteilt hatte. Leptosom (mager, schmal, lang), athletisch (breit, straff, muskulös), pyknisch (gedrungen, weich, fett). Diese grob gerasterte Einteilung ist zumindest bei uns aus der Mode gekommen. Aber in englischsprachigen Ländern ist sie immer noch gebräuchlich. Was dafür spricht, dass mehr als ein Körnchen Wahrheit daran ist.

Übergewicht ist nicht gleich Übergewicht. Es kommt auf den Typ an – und darauf, ob man fit ist oder nicht. Das bestätigt eine soeben im Fachblatt „Jama“ erschienene amerikanische Studie. Timothy Wessel von der Universität von Florida in Gainesville und seine Mitarbeiter wollten wissen, was für die Entstehung von Herzkrankheiten bedeutsamer ist: das Körpergewicht oder die Fitness? Eindeutiges Ergebnis: Frauen, die sich regelmäßig bewegten, hatten deutlich weniger Probleme mit dem Herzen als Frauen, die sich mit der Fitness schwer taten. Der BMI, also das Körpergewicht, spielte dagegen keine Rolle.

Natürlich ist das kein pauschaler Freispruch für Dicke. Wer zu schwer ist, dessen Risiko für Bluthochdruck und Diabetes steigt nachweislich. Letzteres belegt eine weitere Studie in der gleichen Ausgabe von „Jama“. Aber es gibt einen gemeinsamen Nenner, auf den sich vieles in der Diskussion um Dicksein, Fitness und Krankheiten bringen lässt: Bewegung. Sie ist gesund, erleichtert das Abnehmen, erschwert das Zunehmen und nützt selbst Menschen mit etwas mehr Speck auf den Rippen. 150 Minuten pro Woche sind genug. Zügiges Gehen, Fahradfahren, Schwimmen, Hausarbeit, Gärtnern – die Auswahl ist groß. Wann fangen Sie an?

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