Zeitung Heute : Bewegung im Zentrum

Der belgische Choreograf Michael Laub übernimmt neue Valeska-Gert-Gastprofessur für Tanz und Performance

Isa Wortelkamp

Tanz, so viel ist gewiss, wird dort vermutet, wo Bewegung ist. Die Vielfalt seiner Erscheinungsformen hat ihn längst zu einem kulturellen Phänomen gemacht, zu einem Träger von Wissen über Körper und Bewegung, von Raum und Zeit im Wandel von Geschichte und Gesellschaft. Über die historische Einordnung von Stilen und Genres, von Technik und Ästhetik hinaus, fordert Tanz zu einer grundlegenden Beobachtung und Beschreibung von Bewegung heraus. Ob auf der Bühne oder im Alltag – überall findet sich Bewegung, die ihrerseits die Tanzwissenschaft bewegt: ob das Zittern eines Tänzers oder ein klassisches Pas de deux, die Hand eines Dirigenten oder die Haltung eines Wartenden, ob die Massenbewegung der Love Parade, die Verkehrsströme einer Stadt oder der Schwarm von Zugvögeln.

Dabei greift die Berliner Tanzwissenschaft Fragen auf, die in der zeitgenössischen künstlerischen Praxis seit geraumer Zeit reflektiert werden: Was erhebt Bewegung zum Tanz, und was bestimmt den Tanz als Bewegung? Die Forschung am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin befasst sich intensiv mit diesen Fragen. Die Verbindung von Theorie und Praxis ist Grundlage für die Arbeit innerhalb des „Zentrums für Bewegungsforschung“ am Institut unter der Leitung von Prof. Dr. Gabriele Brandstetter, die vor drei Jahren mit dem Leibniz-Preis den höchstdotierten deutschen Forschungspreis erhielt.

Dem Phänomen Bewegung widmet sich auch die künstlerische Gastprofessur für Tanz und Performance, die in diesem Wintersemester am Institut für Theaterwissenschaft eingerichtet wurde. Gefördert wird sie vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Akademie der Künste Berlin. Die Studierenden erhalten Einblicke in künstlerische Verfahren und werden zur kritischen Reflexion über zeitgenössische Entwicklungen in Tanz und Performance sowie zur Auseinandersetzung mit neuen Medien in Kunst und Kultur angeregt.

Die erste Dozentur übernahm im November der renommierte belgische Choreograf und Performancekünstler Michael Laub. Er widmet sich dem Thema „Portrait/Self-Portrait“. In den Lehrveranstaltungen gibt er den Studierenden Einblick in seine Arbeit und eröffnet Raum für szenische Experimente sowie grundsätzliche Fragen der Selbstdarstellung. Unter Einsatz unterschiedlicher Medien entwickeln die Studierenden eigenes Porträtmaterial, das sie präsentieren und diskutieren. Es geht dabei um den Entwurf von Bildern, denen man entsprechen will oder zu entsprechen glaubt; um den Entwurf von Bildern, die sich in ihrer medialen Präsentation an den Grenzen von Naturalismus und Stilisierung, Acting und Being, Fiktion und Realität, Intimität und Öffentlichkeit, Klassik und „Trash“ bewegen.

Namenspatronin der Gastprofessur ist eine der innovativsten Tänzerinnen der historischen Avantgarde, Valeska Gert (1892–1978), deren Schaffen thematisch stark durch die Stadt Berlin geprägt war: Die Großstadt als Brennpunkt gesellschaftlichen Lebens, Berlin als Symbol für Modernisierung, Beschleunigung oder das damals neue Medium Kino ist ein wiederkehrendes Motiv in ihren Arbeiten. Immer wieder zog es die Künstlerin nach Berlin, wo sie 1950 das Kabarett „Hexenküche“ gründete.

Der Name Valeska Gert ist verknüpft mit einem ästhetisch und politisch gleichermaßen anspruchsvollen Programm: Sie vertrat eine experimentelle und avantgardistische Praxis, reflektierte das eigene choreografische Wirken, unterzog bestehende Körperbilder einer kritischen Revision und verband in origineller Weise Bewegung, Medien (Film) und Performance. Damit steht Valeska Gert stellvertretend für Tänzer und Choreografen, die es zu entdecken gilt und deren Geschichte noch zu schreiben ist. Darin liegt eine wichtige Aufgabe der noch jungen Disziplin der Tanzwissenschaft.

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin.

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