Zeitung Heute : Bewerben und schummeln

Ein Psychologe erforscht die Jobvergabe in Firmen

Ljiljana Nikolic

Laut einer Studie sind viele unserer Alltagsaussagen schlichtweg gelogen. Dabei spielen Böswilligkeit und Vorsatz nicht die tragende Rolle, vielmehr wird aus Höflichkeit, Bescheidenheit oder auch Angst geflunkert. Manchmal sagt man nicht die Wahrheit, weil man sich besser zeigen will, als man ist.

Wem könnte man das verdenken, wenn es doch darum geht, sich im besten Licht darzustellen – beispielsweise um die heiß ersehnte Stelle zu erhalten? „Laut einer Untersuchung setzen rund 20 Prozent der Unternehmen bei der Personalauswahl Persönlichkeitsfragebögen ein. Dabei zeigen verschiedene andere Untersuchungen, dass unter solchen Umständen etwa 30 bis 50 Prozent der Personen die Angaben verfälschen. Und das sind konservative Schätzungen", erklärt Matthias Ziegler vom Institut für Psychologie. Ziegler erforscht, wie in Bewerbungsverfahren geschummelt wird und welche Auswirkungen das auf den Auswahlprozess in den Unternehmen hat. Dabei hat er mit standardisierten Fragebögen gearbeitet, mit denen Fähigkeiten und Merkmale vom Bewerber mit vorgegebenen Antworten eingestuft werden sollen. Mit solchen Fragebögen werden bei der Personalauswahl in der Regel die „Big 5“ erfasst – fünf Persönlichkeitsmerkmale: emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Aufgrund der Schummeltendenzen gibt es bei den Unternehmen aber auch Bedenken, ob die Verfahren geeignet sind, den Wunschkandidaten herauszufinden.

„Viele wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass Faking ein uniformer Vorgang ist, der von allen Personen gleich ausgeführt wird. Neuere Studien zeigen aber, dass verschiedene Fakingstile unterschieden werden können", erklärt Ziegler, der auch Unternehmen bei der Entwicklung von Bewerbungsverfahren berät. So gibt es eine geringe Anzahl von Probanden, die sogar trotz Aufforderung zum Schummeln die Wahrheit sagt; eine weitere Gruppe, etwa 20 Prozent, lässt sich zu den extremen Lügnern zählen. Die meisten der Probanden verfälschen ihre Antworten nur leicht.

„Zu den extremen Lügnern zählen meistens sehr extravertierte Menschen mit großem Selbstbewusstsein, oft sind es Männer, die zu dieser Gruppe zählen“, erklärt der Psychologe. „Unsere Analysen haben außerdem gezeigt, dass leichte Verfälscher über eine im Vergleich geringere kognitive Leistungsfähigkeit und ebenso geringere emotionale Stabilität verfügen.“ Leute, die leicht verfälschen, haben nicht nur Angst, sondern auch geringere Fähigkeiten zu verfälschen. „Interessant ist auch, dass nicht alle Items verfälscht werden, sondern nur diejenigen, die von den Probanden als wichtig für die Einstellung angesehen werden“, unterstreicht Matthias Ziegler.

Als Absage an den Einsatz von Fragebögen im Bewerbungsverfahren sind die Ergebnisse des Wissenschaftlers nicht zu verstehen. „Eines der wichtigsten Ergebnisse unserer Arbeiten ist, dass die Vorhersagbarkeit von Berufserfolg auf Persönlichkeitsmerkmalen basiert und nicht auf den Lügen.“ Selbst, wenn nur wenige wahre Aussagen gemacht werden, so ist doch dies ausschlaggebend, um Auskunft zu geben, ob jemand bestimmte Kriterien erfüllt oder nicht.

Die Personalentscheider können zwar schon davon ausgehen, dass unter den zehn Kandidaten mit den höchsten Werten in einem Persönlichkeitsfragebogen wahrscheinlich auch die extremsten Lügner dabei sind. Diese auszusortieren wäre allerdings falsch, denn es können natürlich auch ehrliche Personen dabei sein. So rät Ziegler, Fragebögen bei einer großen Bewerberzahl einzusetzen und dann die unteren 30 bis 40 Prozent anhand von Mindestanforderungen auszusortieren. Die Forschung zeigt, dass Intelligenztests am besten in der Lage sind, zwischen potenziell geeigneten und weniger geeigneten Kandidaten zu unterscheiden. Es folgen Instrumente wie das strukturierte Interview, Arbeitproben und Persönlichkeitsfragebögen.

Bringt Lügen im Bewerbungsverfahren nicht doch kleine Vorteile? „Auf keinen Fall“, betont der Experte. Ein Bewerbungsverfahren ist eine langwierige Prozedur. Durchgehend ein falsches Bild von sich aufrechtzuerhalten, sei kaum möglich. Gelingt es, die Personalentscheider hinters Licht zu führen, entstehen die Probleme spätestens im Job: wenn man nicht mehr halten kann, was man vorher in der Bewerbung vorgespielt hat. Ljiljana Nikolic

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