Bewusst Leben : Der Blick ins innere Tagebuch

Schauspieler Ralf Bauer praktiziert das tibetische Heilyoga „Lu Jong“ – und hat jetzt ein Yoga-Loft eröffnet.

Klaus Grimberg
Meditation hilft gegen die Unruhe der Gedanken. Nur wer im Einklang mit seiner Umgebung lebt, wird Ruhe finden.
Meditation hilft gegen die Unruhe der Gedanken. Nur wer im Einklang mit seiner Umgebung lebt, wird Ruhe finden.Foto: epr/BetonBild

Seit Anfang des Jahres bekommt Ralf Bauer jede Menge E-Mails von Menschen, die wissen wollen, wann und wo sie Yoga-Kurse bei ihm belegen können. Deshalb muss er im Gespräch gleich mal etwas richtigstellen: Zwar habe vor einigen Monaten in Baden-Baden ein Yoga-Loft eröffnet, er selbst aber werde dort – bis auf gelegentliche Ausnahmen – eher „im Alter“ als Lehrer auftreten. Für regelmäßigen Unterricht sei er in seinem Beruf als Schauspieler zu oft unterwegs.

Seit Mitte Februar gastiert der 47-Jährige mit seiner Bühnenpartnerin Ann-Cathrin Sudhoff in dem Erfolgsstück „Alle sieben Wellen“ noch bis Mitte April in Theatern kreuz und quer in der Republik: eine anstrengende Zeit. Selbst im kleinsten Hotelzimmer verzichtet er deshalb nicht auf den täglichen „Sonnengruß“, wenn eben möglich. „Weil ich im Laufe der Jahre ganz einfach gemerkt habe, was mir diese klassische Übung an Gutem bringt“, sagt Bauer. Vor allem an Tagen, an denen er etwa schlecht geschlafen oder doch mal am Abend zuvor Alkohol getrunken habe.

Dann ermögliche ihm das Yoga, „ein Gefühl für den Körper zu bekommen, kleine Verkrampfungen oder Verspannungen zu lösen“, bevor sie sich zum Beispiel im Rücken manifestierten. Das tibetische Heilyoga „Lu Jong“, das Bauer praktiziert, basiert auf der Überzeugung, dass es 72 000 innere Kanäle im Körper gibt. Wenn in diesen Kanälen Blockaden oder Störungen auftreten, kann es zu Beschwerden und Krankheiten kommen. Das Yoga hilft, solche Blockaden frühzeitig zu erkennen und sie zu lockern.

Yoga hilft, im Alltag die Balance zu halten

Bauers persönlicher Weg zum Yoga hat eine längere Vorgeschichte. Als 9-Jähriger begann er mit Judo, erwarb die verschiedenen Gürtel, gab sein Wissen als Trainer weiter. „Durch das Unterrichten ist mir bewusst geworden, wie bedeutsam die Philosophie hinter dem Sport ist, um wirklich etwas zu vermitteln“, sagt Bauer. Die untrennbare Einheit von Körper und Geist hat er selbst zunächst im Tai Chi intensiver wahrgenommen. Bis er am Rande von Dreharbeiten auf Tahiti eher zufällig eine deutsche Yoga-Lehrerin kennenlernte. „Diese Frau hat sehr stark auf die Atmung geachtet, was für einen Schauspieler ohnehin sehr wichtig ist“, erinnert er sich.

Es ging darum, eine relativ einfache Abfolge an Bewegungen so flüssig einzuüben, dass die Konzentration auf die Atmung möglich wurde. Erst dadurch könne man in sich hineinschauen und darauf achten, wie es dem Körper gehe: Beschwerden oder Druckpunkte entdecken und nach ihren Ursachen suchen.

„Oft rekapituliert man den vorangegangen Tag und fragt sich, was habe ich gegessen oder getrunken, habe ich mich falsch bewegt, wo habe ich mich verkrampft – wie eine Art inneres Tagebuch“, sagt Bauer. Das Yoga helfe dann dabei, Ungleichgewichte wieder auszubalancieren. Deshalb sei es manchmal auch schwierig zu beschreiben, was eigentlich Yoga bewirke: Denn man fühle sich einfach normal und gesund – ohne Schmerzen.

Jeden Tag zehn bis fünfzehn Minuten üben

Seine persönlichen Erfahrungen mit dem Lu Jong gibt Bauer in einer DVD samt Begleitbüchlein weiter, die er über eine eigene Webseite vertreibt. Mit seiner ruhigen Stimme erläutert er die Choreografien der verschiedenen Übungen und betont immer wieder, wie entscheidend eine gleichmäßig-fließende Atmung ist. Ansonsten gibt es bei ihm kein Richtig oder Falsch. „Beim Yoga geht es darum, seinen eigenen Weg, seinen eigenen Rhythmus zu finden, das kann einem kein Lehrer beibringen, sondern höchstens Anregungen vermitteln“, so Bauers Überzeugung. Grundsätzlich aber sei es sinnvoller jeden Tag zehn oder fünfzehn Minuten zu üben, als einmal in der Woche zwei Stunden.

Denn Yoga bedeute wörtlich übersetzt „sich anschirren“. So wie in einem alten tibetischen Sprichwort der Ochse angeschirrt werde, damit Tier, Bauer und Pflug in eine Richtung zögen, so sorge Yoga dafür, dass sich Körper, Geist und Seele im Gleichklang bewegten. Ob das gelingt, das habe gewiss auch mit dem Alter zu tun. „Ein sensibles Bewusstsein für den eigenen Körper und seine Signale entsteht, je länger und je intensiver man in ihn hineinhorcht“, sagt Bauer.

Alles soll Sinn haben

Was das eigene Alter betrifft, so fühlt sich Bauer – auch durch das Yoga – vergleichsweise jung. Manchmal aber auch schon ziemlich alt: „Als Schauspieler bin ich nun einmal regie- und daher weisungsgebunden und das wird mit zunehmender Erfahrung nicht leichter“, sagt er.

Insbesondere beim Fernsehen, in dem sich fast alles nur noch um Zahlen und Quoten drehe, werde es immer schwieriger, schauspielerische Qualität einzubringen. Deshalb sei für ihn über die Jahre eine Devise immer bedeutsamer geworden: „Wenn ich etwas mache, dann soll es auch einen Sinn haben.“

Zum Beispiel bei seinen Theaterengagements: Im idealen Fall gingen die Leute nach Hause und fühlten sich nicht nur unterhalten, sondern nähmen einen Anstoß zum Nachdenken mit. Deshalb auch die Yoga-Schule mit der Perspektive für spätere Jahre. Sollte die schauspielerische Arbeit irgendwann einmal nicht mehr den eigenen Ansprüchen genügen, dann ist sich Ralf Bauer sicher: „Yoga wird immer einen Sinn haben – für mich und für die Menschen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar