Bewusst leben : Entschleunigen, entschlacken, entspannen

Zurück zur Natur ist die Devise: Der neue Lebensstil prägt Branchen wie Mode, Design, Tourismus, Garten und Gastronomie.

Manuela Marin
Olivenoelbar
An der Olivenölbar -Foto: ddp

Begonnen hat alles im Kühlschrank. Inzwischen hat der grüne Lifestyle viele Bereiche des täglichen Lebens und Branchen erfasst. Kosmetik, Reisen, Strom, Spritsparautos sind nur einige Stichworte. „Es geht um Nachhaltigkeit – die Menschen kaufen weniger, aber dafür bessere Produkte“, hat die Sprecherin der Konsumgütermesse Ambiente, Kerstin Männer, kürzlich in Frankfurt am Main beobachtet. In einer turbulenten Zeit suchen die Menschen vermehrt in den eigenen vier Wänden oder dem Garten Ruhe und Halt. Das eigene Domizil soll mit hochwertigen Produkten Beständigkeit und Naturverbundenheit vermitteln, sagt Männer: „Die Zeiten der Wegwerfgesellschaft sind vorbei.“

Mit dem Jutetaschen-Flair der alten Öko-Bewegung hat der neue Naturtrend indes nichts zu tun. Denn der Naturbegriff hat sich mittlerweile gravierend verändert. Das haben die Trendforscherinnen Anja Kirig und Ingrid Schick vom Zukunftsinstitut in Kelkheim festgestellt. In ihrer Studie „Neo-Nature“ (2008) schreiben sie, dass „Natur“ nicht mehr länger allein mit Askese, Katastrophen oder ideologisch-politischen Erlösungswünschen assoziiert wird. Vielmehr gibt es eine neue Sehnsucht nach Natur. Dieses als „Neo-Nature“ bezeichnete Phänomen verbindet sich mit Konsum, Genuss, Gesundheit, Idylle und aktivem Lebensraum. Kirig und Schick beschreiben die Suche nach Einklang, Identität, Verschmelzung und Unmittelbarkeit der Erfahrung mit der Natur. Bio- und „Lohas“- Trend (Life of health and sustainability) haben die Natur zum Lustfaktor aufgewertet und gleichzeitig die Herausforderungen durch Klimawandel und Endlichkeit der Ressourcen verdeutlicht. Die Studie erklärt Lohas zu „Neo-Ökos“, die die Natur zum Freund und Partner machen. Natur wird Teil eines Lebensstils, der als „chic und trendy“ empfunden wird.

In der Modebranche integrieren Luxusmarken funktionale Outdoor-Elemente und lassen Outdoor-Mode und Großstadt-Chic zusammenwachsen. Insbesondere kleine Labels handeln biologisch und fair. „Neo-Ökos“ sind bereit, höhere Preise zu zahlen, wenn ihrem Bedürfnis nach Gesundheit, Nachhaltigkeit und vor allem nach modischer Aktualität bei Schnitten und Farben entsprochen wird.

Die Natur dient nach Ansicht der Trendforscherinnen als Quelle für visionäre Gestaltung. Die Bionik, eine Kombination aus Biologie und Technik, erforscht innovative Problemlösungen der Natur, die ihre Ziele stets wirtschaftlich mit einem Minimum an Energie und recycelbaren Abbauprodukten erreicht. Designer werden zu Forschern und entschlüsseln genetische Codes von Naturkonstruktionen. Sie verbinden Ästhetik mit natürlichen Materialien wie Holz oder mit Farben aus dem Regenbogenspektrum. Voraussetzung für den neuen Schlüsseltrend ist die enge Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft.

„Neo-Ökos“ reisen naturnah. Sie suchen eine Entschleunigung des Alltags, die Abenteuer, Genuss, Gesundheit und Nachhaltigkeit, aber auch Kontakte und Selbsterfahrung bietet. Tourismusangebote wie Naturerkundungsreisen, Wander- oder Fahrradurlaube stehen ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Es geht um Erfahrungen. Wanderer, deren Anzahl sich in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen in den letzten zwei Jahren verdoppelt hat, suchen mehr als nur Bewegung. Bei Pilgerreisen können sie über sich selbst und die Natur neu nachdenken. Tourismus orientiert sich am Wellness-Lebensstil, der das Individuum mit Körper, Seele und Geist in den Mittelpunkt stellt. Bewegungstraining verschafft Freude, Genuss und Wohlbefinden und dient nicht primär der Prävention von Krankheiten.

Eine neue Lust an der Natur fanden Kirig und Schick bei jungen Leuten zwischen 20 und 35 Jahren. Ihre Natursehnsucht beschert dem Schrebergarten seit 2003 ein Comeback. Die Anzahl von Menschen, die Gärtnern als ihre liebste Freizeitaktivität bezeichnen, ist um zwölf Prozent gestiegen. Schrebergärten bieten seit Neuestem Poolanlagen, lässige Gartenparties und Lounging („Abhängen“). Die Zukunft des Gartens liegt auf den Dächern von Neubauten oder auch an Hauswänden, wo vertikale Gärten entstehen können. Die Natur wird wie selbstverständlich in den Alltag integriert, man schlüpft in den neuen Lebensraum hinein wie in einen Kokon („Outdoor-Cocooning“).

Im Außer-Haus-Verzehr wünschen sich „Neo-Nature“-Konsumenten laut Zukunftsstudie Natur, Genuss und Authentizität. In Zeiten wachsender Mobilität und Flexibilisierung ist „Cool Convenience“ gefragt. Damit sind Produkte gemeint, die bequem, aber gesund und nachhaltig erzeugt sind. Natur auf dem Teller mit Wildkräutern und vergessenen Gemüsesorten bietet Bio-Fast-Food und wird zu Fast Good. Suppenbars und Sushi-Circles sind Ausdruck dieses Trends in der Gastronomie.

Essen zum Mitnehmen (On-the-Run- Produkte) gewinnt an Bedeutung: Traditionell beliebte Fertiggerichte wie Pizza stammen nicht mehr nur aus der Tiefkühlung, sondern zunehmend aus dem Kühlregal. Der Anteil des „Chilled Food“ wächst von heute drei auf zehn Prozent in den nächsten drei Jahren. Die Hersteller entsprechen den Anforderungen nach mehr Qualität, Geschmack und Nachhaltigkeit durch den Einsatz von Bioware und den Verzicht auf Zusatzstoffe (Clean Label), damit Menschen von morgen ihren Naturgenuss weiter steigern können.

„Slow motion statt fast forward“, Zeitlupe statt Turbo-Tempo, auf diese Formel lässt sich das neue Lebensgefühl bringen. Innere Ruhe ist in der virtuellen Welt schwer zu finden. Deshalb ist das Sein wieder attraktiver als schöner Schein. (mit dpa)

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar