BEWUSST LEBEN – und nachhaltig : Der alte Lack kann ab

Reizstoffe sollten bei Renovierungen aus den eigenen vier Wänden verbannt werden. Es bietet sich an, bei der Rundumerneuerung von vornherein auf umweltverträgliche Materialien zurückzugreifen.

Philipp Eins
Renovierung
Gute Luft. Lösungsmittelfreie Produkte helfen der Umwelt. -Foto: dpa

Ob im Büro, im Restaurant oder in der Wohnung: Rund 90 Prozent der Zeit halten sich die Deutschen in Innenräumen auf. Besonders wohl fühlen sie sich zu Hause, wo sie nahezu zwei Drittel ihres Lebens verbringen. Gerade dort vermuten die wenigsten gesundheitliche Risiken. Dabei enthalten Bauprodukte wie Lacke, Farben, Holzschutzmittel oder Bodenbeläge zahlreiche chemische Substanzen, die kontinuierlich in die Innenraumluft abgegeben werden. Das Abbrennen von Kerzen oder Duftölen, Gasflammen von Herd und Ofen oder Renovierungsarbeiten mit schadstoffhaltigen Substanzen verschlechtern die Atemluft ebenfalls. Die möglichen Folgen: Augen tränen, der Hals kratzt, Schleimhäute schwellen an.

„Soweit kommt es, wenn die Bewohner falsch lüften“, erklärt Heinz-Jörn Moriske, Leiter des Referats Innenraumhygiene beim Umweltbundesamt. „Viele lassen die Fenster den Tag über angelehnt, anstatt sie morgens und abends für wenige Minuten weit aufzureißen.“ Mit zwei Stoßlüftungen von zehn bis fünfzehn Minuten, in denen man am besten alle Fenster gleichzeitig öffnet, wird die Raumluft größtenteils ausgetauscht. Schadstoffe gelangen nach draußen.

Dadurch beugt man außerdem einem zweiten Schadstoffherd vor: dem Schimmelpilz. Der wuchert besonders in abgedichteten Neubauten. „Versiegelte Fenster und Türen sparen zwar Energie“, sagt Moriske. „Aber gerade in solchen Wohnungen ist regelmäßiges Lüften notwendig.“ In Kombination mit feuchter Raumluft, zum Beispiel vom Kochen und Duschen, wachsen die Pilze besonders schnell. „Wichtig ist deshalb auch, die Innenräume im Winter kontinuierlich zu beheizen“, sagt der Experte. Es lohnt sich: Denn Schimmelpilze sind gesundheitsschädlich, insbesondere, wenn die Sporen in großer Zahl eingeatmet werden. Allergische Reaktionen wie Schleimhautreizungen, Husten, Kopfweh oder Müdigkeit sind mögliche Folgen. Asthmaanfälle sind bei vorgeschädigten oder besonders empfindlichen Personen ebenfalls möglich.

Nicht nur richtiges Lüften schützt vor Schadstoff-Risiken, es liegt auch am richtigen Produkt: Wer vor einer Renovierung steht oder sich neu einrichten will, sollte von vornherein auf umweltverträgliche Materialien zurückgreifen. Das gilt nicht nur für Wandfarben und Reinigungsmittel, sondern auch für Teppichböden und Spanplatten-Möbel. Sie können Reizstoffe wie Formaldehyd enthalten, eine bedeutende Quelle für verunreinigte Innenräume. Prüfsiegel geben dem Verbraucher Sicherheit – oder verwirren ihn komplett.

Denn nicht auf alle Kennzeichen ist Verlass: Die CE-Kennzeichen zum Beispiel sollen nach EU-Recht über die Landesgrenzen hinaus Sicherheits- und Gesundheitsstandards garantieren. Doch laut dem Bundesverband der Verbraucherzentrale werden Produkte mit CE-Kennzeichen nur in Ausnahmefällen von einer unabhängigen Prüf- und Zertifizierungsstelle untersucht. „Diese Kennzeichnung bringt Verbrauchern keinen Mehrwert, sondern führt zu einer gefährlichen Scheinsicherheit“, sagt Gerd Billen, Vorstand der Verbraucherzentrale.

Verlässlich seien dagegen die Umweltzeichen Blauer Engel, für Baustoffe und Wohnutensilien auch NaturePlus. „Der Blaue Engel wird von einem Arbeitskreis vergeben, dem auch das Umweltbundesamt beisitzt“, sagt Innenraum-Experte Heinz-Jörn Moriske. Außerdem mit dabei sind das Bundesinnenministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit sowie das Deutsche Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung.

Wer auf Nummer Sicher gehen und seine alte Wandfarbe erneuern will, muss jedoch mit größeren Renovierungsarbeiten rechnen: Es kann durchaus sein, dass die Schadstoffe der ersten Farbschicht durchsickern. Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als die Tapete von den Wänden zu reißen. Als neuer Untergrund empfiehlt sich eine Raufasertapete - die besteht aus Pappe und ist absolut unbedenklich.

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