Zeitung Heute : Bezahlen mit der Zuckerzange

Der Tagesspiegel

Von Katja Füchsel

Der Mann beurteilt sich gerne selbst. Nimmt einen Schluck vom frisch gepressten Orangensaft, beugt sich vor und gibt sich: eine Eins. „Provozieren kann ich sehr gut“, sagt Hanns-Ekkehard Plöger. Dann erzä hlt der Verteidiger aus dem Gerichtsalltag. Aus der Welt mit den dunklen Roben und weißen Bindern. Rechtsanwalt Plöger aber trägt gerne bunte Krawatten, mit Schweinchen drauf oder Enten. Wenn die Richter ihn deshalb des Saales verweisen wollen, bindet sich der Anwalt schnell einen weißen Schlips um, während die Richter sich zur Beratung zurückgezogen haben – und empfiehlt ihnen später höhnisch einen Augenarzt. „Damit macht man sich natürlich keine Freunde“, sagt Plöger zwinkernd. Und grinst.

Vermutlich gibt es in der Stadt kaum einen Verteidiger, dem so gemischte Gefühle entgegengebracht werden wie Hanns-Ekkehard Plöger. Beim Gang zum Kiosk muss sich in dieser Woche vielen seiner Kollegen der Magen umgedreht haben. Denn Plöger hatte es wieder einmal in die Schlagzeilen geschafft. Blickte grimmig von der Titelseite einer Boulevard-Zeitung: „Giftiges Geld! Berliner Promi-Anwalt verklagt Schröder und Eichel!“ Am nächsten Tag hatte der Anwalt Auftritte im Radio und Fernsehen. Auch im Café telefoniert er mit dem Kölner Express. „Schröder mit seiner ruhigen Hand muss eins auf’n Sack kriegen“, diktiert er dem Journalisten in den Block.

Plöger ist nicht ganz auf der Höhe. Die Regierung, sagt der 63-Jährige, habe seinen Körper verletzt. Mit der Einführung des Euro. „Das Geld kann das Immunsystem schwächen und damit lebensgefährlich sein“, sagt er. In den Münzen hätten Experten das Allergie auslösende Nickel, in den Zehn-Euro-Scheinen das giftige Tributyl-Zinn entdeckt. Deshalb ragt aus der Tasche von Plögers Cordjackett jetzt eine Zange, die eigentlich in eine Zuckerdose gehört. Seine Zehn-Euro-Zange. „Die Scheine fass ich mit nicht mehr an“, sagt Plöger, während er sich die Haare aus der Stirn streicht.

Der Mann mit dem Schnurrbart hat schon ö fters Schlagzeilen gemacht. Er war es, der im Honecker-Prozess mit Hilfe von Professor Julius Hackethal den Darmkrebs des Angeklagten als harmlosen Fuchsbandwurm entlarvte und den Angeklagten selbst als Doppelgänger Honeckers. Er war es auch, der zwei ARD-Anstalten wegen Volksverhetzung verklagte, weil dort „Motzki“ lief. Plöger trägt seine Plädoyers auch mal in Versform vor oder bringt astrologische Psychogramme in die Verhandlung ein. Er schreibt auch schon mal spö ttische Gedichte über Richter und zeiht das Verfassungsgericht der Lüge. Was Plöger über die Mehrheit seiner Kollegen sagt, ist nur in Teilen zitabel: „Die riskieren vorm Mandanten die große Schnauze, vorm Richter mü sste man ihnen dann Pampers anziehen...“ Es wird unappetitlich.

Plöger zieht eine rote Akte aus dem Koffer. „Plöger gegen Euro“, steht darauf. Schreiben, Gutachten, ein Attest. „Herr Plöger wurde von mir dahingehend aufgeklärt den Kontakt zu diesen Substanzen zu meiden, um den zur Zeit recht labilen allgemeinen Gesundheitszustand nicht weiter zu gefährden“, schreibt Dieter Klein, Facharzt für Allgemeinmedizin. Dass diese Substanzen auch in Kleidungsstücken und Holzveredlung enthalten sind, weiß Plöger. „Man muss sich ja wohl aber nicht durch ein Zwangszahlungsmittel zusätzlich belasten“, sagt der Anwalt. Als er seine goldene Brille zurechtrückt, fordert Plöger, dass die belasteten Scheine und Münzen aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Bevor Schlimmeres passiere.

Auch außerhalb des Gerichts gilt Plöger, der im Eigenverlag Gedichte herausgibt und in seinem Garten rund 90 Hennen und Hähne hält, als unermüdlich: Er ist Präsident des Deutschen Motoryachtverbandes, Ehrenpräsident des Berliner Volleyballverbandes, Präsident des Vereins zur Förderung des juristischen Nachwuchses und Rechts und Mitglied des Pegnitzer Blumenordens. „Ich bin ein Macher“, sagt Plöger. Sein Vater war Bürgermeister von Buxtehude. Plöger sagt, er wäre als junger Mann gerne Laienprediger geworden. Oder Politiker. „Der wie Joseph Strauß die Sachen auf den Punkt bringt und dabei bis an den Rand der Beleidigung geht.“

Um Ehrabschneidung ging es auch, als Plöger gegen zwei Kollegen zu Felde zog. Nur fühlte diesmal er sich beleidigt. Es war im Prozess wegen des Bombenanschlags auf die Diskothek „La Belle“, in dem Plöger als Vertreter der Nebenkläger auftrat. Bei einem dort häufigen Geplänkel fragte Plöger die Verteidigerin Andrea Wü rdinger: „Dann können Sie besser in mein Hirn reinsehen als ich selbst?“ Worauf Würdinger entgegnete: „Da ist ja nichts.“ Ihr Kollege Rüdiger Portius setzte noch drauf und sagte, dass sich das sicherlich als wahr beweisen ließe.

Plöger, der nach eigenem Bekunden einiges einstecken kann, zeigte die beiden an. Im Prozess warteten die Kollegen mit großen Geschützen auf. Sie wollten beweisen, dass sich Plöger „quasi als Wildsau in Moabit“ betätigt. Mit der Stoppuhr müssen sie ihn im La-Belle-Verfahren kontrolliert haben. „Rechtsanwalt Plöger erscheint um 14.20 Uhr zur Hauptverhandlung. Schläft fest ab 15.05 Uhr mit deutlichen Schnarchgerä uschen und geschlossenen Augen. Wacht um 15.18 Uhr auf, um ab 15.20 Uhr bis zum Ende der Hauptverhandlung 15.30 Uhr zu schlafen“, notierten sie am 16. März 1999. Die Posse endete mit Freispruch.

Im Anzeigen von Regierungsmitgliedern hat Plöger eine gewisse Routine entwickelt. 1996 erwischte es die Bundesminister Seehofer, Borchert und Waigel wegen „fahrlässiger Verstöße gegen das Fleischhygienegesetz, das Lebensmittel- sowie Tierseuchengesetz“. Jetzt also der Euro. Und wehe, das Verfahren gegen Schröder & Co wird eingestellt. „Das wäre Strafvereitlung im Amt“, sagt Plöger. Man wird noch von ihm hören.

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